First Look

«Russian Doll»: Der Tod steht ihr gut

von

2019 hat sein erstes Streaming-Highlight: Eine Mit-30erin erlebt die Wiederkehr des immer Gleichen: «Und täglich grüßt das Murmeltier» für hoffnungsvolle Nihilisten.

Cast & Crew

Produktion: Universal Television, Paper Kite Productions, Jax Media und 3 Arts Entertainment
Schöpfer: Natasha Lyonne, Leslye Headland und Amy Poehler
Darsteller: Natasha Lyonne, Greta Lee, Yul Vazquez, Charlie Barnett, Elizabeth Ashley, Rebecca Henderson, Ritesh Rajan u.v.m.
Executive Producer: Natasha Lyonne, Leslye Headland, Amy Poehler, Dave Becky, Tony Hernandez, Lilly Burns und Allison Silverman
Die 36-jährige New Yorkerin Nadia Vulvokov (Natasha Lyonne) will eigentlich nur mit alters- und standesgemäßer Zügellosigkeit ihren Geburtstag feiern. Schnell zieht sie noch am Joint, den ihr die beste Freundin gedreht hat (er ist mit Kokain versetzt, wie es die Israelis machen, trop chic), trinkt ein paar Shots, macht einen tiefsinnig-philosophisch-nilistischen Typen klar und wird, als sie ihre verloren geglaubte Katze auf der Straße sieht, von einem Taxi umgefahren. Sie ist tot – und alles beginnt von vorn. Dieselbe Party, dieselben Leute, aber nicht immer dieselben Abläufe. Und der nächste Tod kommt bestimmt. Mal fällt sie die Treppe hinunter, mal die Brüstung, dann wieder die Treppe oder in einen Schacht oder fliegt bei einer Gasexplosion in die Luft oder wird von einer Klimaanlage erschlagen oder erfriert beim Kampieren mit einem Penner, um den sie sich zu kümmern beginnt. Und täglich grüßt das Murmeltier…

Wie schon damals Bill Murray im verschneiten Pennsylvania bekommt auch die beziehungsnihilistische und Borscht-Belt-schlagfertige Nadia Vulvukov in der Endlosschleife die Gelegenheit, sich die Fehler ihres derzeitigen Lebens zu vergegenwärtigen – und sich unter tödlichen, aber sicheren Rahmenbedingungen an Änderungen zu versuchen. Anders als im Gag-geladenen «Murmeltier» findet die Lebens- und Persönlichkeitssinnsuche aber ergebnisoffener, reflektierter und gesellschafts- wie generationskritischer statt – dafür ist in einer achtteiligen halbstündigen Serie auch schlicht mehr Zeit als in einhundert Minuten Punxsatawny-Phil-Bespaßung.

Doch die titelgebende Matrjoschka spielt nicht nur auf die russoamerikanische Hauptfigur an, sondern auch auf das Prinzip, mit dem diese Serie ihre besondere erzählerische Grundlage – die fast Nietzsche-ähnliche Wiederkehr des immer Gleichen – zur Reflexion ihrer Themen und Protagonisten einsetzt. Nach dem ersten Verstehen ihrer Situation und einigem Brute-Force-Drauflos-Probieren ist Natasha gezwungen, sich mit den finsteren Ecken ihres Daseins zu beschäftigen, wenn sie jemals wieder eine Zukunft will, die nicht binnen Stunden im Exitus und anschließenden Reboot auf derselben elenden Party enden soll. Kluge, ambitionierte Drehbuchautoren sehen in einer solchen Ausgangssituation ideale Voraussetzungen, um eine subtile, vielschichtige Geschichte davon zu erzählen, wie ihre Figur nach und nach an ihrer Lebensinventur reift – bis sie darin das Geheimnis findet, um gestärkt, weiser und ein wenig mehr mit sich im Reinen zurück in die Realität zu finden. Und «Russian Doll» haben wirklich sehr kluge und ambitionierte Autoren geschrieben, zu denen sich auch die Hauptdarstellerin selbst zählen darf.

Natasha Lyonne ist freilich prädestiniert für diese Rolle und diese Geschichte. Das soll keine Anspielung auf ihre wilde Vergangenheit sein, sondern auf die haargenaue Tonalität, mit der sie ihre Natasha Vulvokov anlegt: der dreckig-verrauchte New Yorker Straßenakzent, die verschrobene Ginger-Mähne, der schlurfende Gang, die abgerockten Outfits, der gehobene, aber gleichzeitig unprätentiöse und schamlos vulgäre Sprachduktus. Selten gelingt eine Symbiose aus Buch und Spiel, Vorlage und Darstellung so punktgenau wie bei dieser Rolle. Nur schade, dass es nach acht Folgen nicht wieder von vorne losgehen kann.

«Russian Doll» steht bei Netflix auf Abruf zur Verfügung.

Kurz-URL: qmde.de/107054
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