Die Kino-Kritiker

«Kalte Füße»: Eine sympathische RomCom mit plumpen Kalauern

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In der deutsch-österreichischen Komödie «Kalte Füße» trifft ein Kleinganove auf einen Schlaganfallpatienten und wird ausgerechnet für dessen Pfleger gehalten. Das Ergebnis ist eine charmante Liebesgeschichte, versteckt unter unnötig viel Klamauk.

Filmfacts: «Kalte Füße»

  • Start: 10. Januar 2019
  • Genre: Komödie
  • FSK: 12
  • Laufzeit: 110 Min.
  • Musik: Helmut Zerlett
  • Kamera: Andreas Berger
  • Buch: Christof Ritter
  • Regie: Wolfgang Groos
  • Darsteller: Emilio Sakraya, Sonja Gerhardt, Heiner Lauterbach, Jasmin Gerat, Aleksandar Jovanovic, Alex Czerwinski
  • OT: Kalte Füße (DE/AT 2018)
Geschichten, in denen Gegensätze aufeinanderprallen, sind nicht bloß so alt wie das Geschichtenerzählen an sich, sondern waren in den vergangenen Jahren auch ganz besonders erfolgreich. So gehört die «Fack ju Göhte»-Reihe, in der ein Krimineller in den ehrenvollen Beruf des Lehrers gedrängt wird, zu den erfolgreichsten deutschen Filmfranchises aller Zeiten, aber auch «Ziemlich beste Freunde» – ein Clash zwischen Arm und Reich – hat sich zu einem gigantischen Kinoerfolg gemausert. Denn egal ob nun Mann und Frau, verschiedene Ethnien oder die Ober- auf die Unterschicht prall: Aus den sich hier herauskristallisierenden Gegensätzen lassen sich mit ein bisschen Fingerspitzengefühl spannende Geschichten spinnen. Gleichzeitig wurde durch dieses altbewährte Motiv aber auch schon viel (aus-)erzählt; dem Ganzen weiterhin Würze zu verleihen, bedarf dem Mut der Veränderung abgegriffener Klischees.

Das gelingt Regisseur Wolfgang Groos («Hexe Lilli rettet Weihnachten») und Drehbuchautor Christian Ritter («Magda macht das schon») nur bedingt. Man weiß letztlich bereits zu Beginn ihrer Komödie «Kalte Füße», wie sie am Ende ausgehen wird. Doch das allein ist gar nicht das größte Problem an der zwischendrin charmant vorgetragenen Lovestory. Vielmehr irritieren die Einschübe von albernem Klamauk, den man vielleicht in einer Comedy der Farrelly-Brüder (oder wahlweise in einem Til-Schweiger-Film) erwarten würde, aber ganz sicher nicht in einem Film, der zeitweise vor allem aufgrund seiner Harmlosigkeit so gefällt.

Pfleger wider Willem


Durch eine kuriose Verwechslung findet sich der Kleinkriminelle Denis (Emilio Sakraya) plötzlich in der Position des Krankenpflegers für den Schlaganfallpatienten Raimund (Heiner Lauterbauch) wieder. Dabei wollte er nur in dessen Villa einbrechen, um endlich seine Schulden bei einigen unliebsamen Ganoven zu begleichen. Stattdessen sitzt er nun im herrschaftlichen Anwesen des reichen Unternehmers fest, der seit dem Anfall nicht mehr sprechen kann und an den Rollstuhl gefesselt ist. Als dann auch noch Raimunds Enkeltochter Charlotte (Sonja Gerhardt) auftaucht, wird es Denis endgültig zu viel. Doch an Flucht ist nicht zu denken, ein gewaltiger Schneesturm tobt in der Region. Und so muss er wohl oder übel die Rolle des Krankenpflegers spielen – sehr zu Raimunds Unmut, der sich mit allen Mitteln gegen den Eindringling wehrt. Denn im Gegensatz zu Charlotte hat Raimund den Ganoven Denis sofort durchschaut Ein Katz-und-Maus-Spiel beginnt, in dem der kernige Senior und der gewiefte Junior ihre Mittel grandios zum Einsatz bringen…

Die Grundidee erinnert unweigerlich an den zu Beginn bereits erwähnten «Fuck ju Göhte»: In der Hoffnung auf Beute manövriert sich ein Kleinganove wider Willen in ein Angestelltenverhältnis, nur diesmal eben nicht als Lehrer, sondern als Krankenpfleger eines grummeligen Schlaganfallpatienten. Diese High-Concept-Prämisse muss man schlucken, ganz gleich, wie konstruiert sie ist – und trotz der abgedrehten Grundidee funktioniert «Kalte Füße» gerade in der Anfangsphase erstaunlich gut, da «Bibi und Tina»-Beau Emilio Sakraya den heillos mit der Situation überforderten Denis mit sehr viel Chuzpe und trotzdem Charme verkörpert. Man nimmt Sakrayas Figur das Feststecken in dieser Situation einfach ab – und Christian Ritter gelingt es in seinem Skript, die vielen Zufälle, die überhaupt erst dazu führen, dass Denis für den Krankenpfleger gehalten wird, auf charmante Weise aneinanderzureihen, sodass man gar nicht so viele Augen zudrücken muss, um allen Beteiligten ihre Positionen innerhalb des Films abzukaufen.

Mehr noch: Dem zuvor als absolut kaltherzig eingeführten Raimund gönnt man diese Situation und die eingeschränkte Mobilität sogar; und das darf man auch. „Kalte Füße“ ist zu keinem Zeitpunkt Betroffenheitsdrama, sondern eine auch mit Karikaturen arbeitende Komödie, in der der Schlaganfall keinen dramaturgischen Wert hat, sondern lediglich eine Randnotiz ist, um das Geschehen ans Laufen zu bringen.

Zwischen charmant und nervig


Damit ist die Grundlage für den Clash gleich auf mehreren Ebenen gelegt: Hier wird nicht bloß ein armer Krimineller mit einem reichen Schnösel konfrontiert, sondern auch ein eigentlich herzensguter Kerl mit Jemandem, dessen Herz schon seit langer Zeit eingefroren scheint. Gleichzeitig ist der Clash an sich gar nicht das zentrale Thema in «Kalte Füße». Stattdessen konzentriert sich mit dem Auftauchen Sonja Gerhardt («Heilstätten») als Raimunds Enkeltochter Charlotte alles auf die Chemie zwischen ihr und Denis – und die ist dank Sakrayas und Gerhardts Zusammenspiel zu jedem Zeitpunkt glaubwürdig. Wie hier nach und nach die Funken sprühen und aus zunächst authentischer Skepsis schließlich aufrichtige Zuneigung wird, gefällt. Und auch der von Heiner Lauterbach («Willkommen bei den Hartmanns») so richtig schön ätzend verkörperte Raimund bekommt immer wieder die Gelegenheit zu großen Szenen; und das trotz seiner eingeschränkten Mobilität, wodurch sich Lauterbachs Spiel ausgerechnet auf Mimik beschränkt.

Darüber hinaus ist das Drehbuch mit einigen schönen Dialogen und Pointen gespickt, von denen die meisten auf sein Konto gehen. Wenngleich hier nicht unbedingt das gleichermaßen vorhersehbare wie jedweder Plausibilität entbehrende Ziel überzeugt, gestaltet sich der Weg dorthin doch weitgehend charmant – zumindest so lange, bis sich die Macher entschließen, dass es mit einer harmlosen Romantic Comedy nicht getan ist.

Immer dann, wenn Wolfgang Groos sein Ensemble einfach ganz natürlich aufspielen lässt ist «Kalte Füße» am besten. Doch anstatt sich darauf zu verlassen, fahren die Macher ihnen mit viel zu grob gestrickten Gags in die Parade, die nicht einfach nur den ansonsten so angenehm harmonischen Tonfall komplett zu Fall bringen, sondern auch deshalb so ärgerlich sind, weil sie sich ersatzlos streichen ließen, ohne dass das Auswirkungen auf die Story hätte. So bleibt Denis‘ Penis beim Pinkeln aus dem Fenster beispielsweise in Großaufnahme an der Fensterbank kleben; das ist nicht mehr als pubertärer Klamauk, wäre aber noch halbwegs zu verschmerzen, wenn er sich nicht noch endlos in die Länge ziehen würde. Denn der Urin rinnt nicht bloß vom Dach herunter und gefriert dadurch zum Eiszapfen, Charlotte bricht diesen wenig später auch noch ab, um an ihm zu nuckeln und den Geschmack positiv zu kommentieren.

So viel (an diesem einen Beispiel erklärte) Infantilität tut «Kalte Füße» nicht gut. In dem ansonsten unaufgeregten Umfeld fallen derartige Fehltritte auch noch besonders negativ ins Gewicht. Und der überdrehte Showdown, bei dem man zwar erkennt, weshalb er im Kontext der ohnehin reichlich konstruierten Prämisse sein muss, müssen die Emotionen noch einmal dem großen Getöse weichen. Schade um das verschenkte Potenzial.

Fazit


Der stark gespielte «Kalte Füße» ist eigentlich eine charmant-freche RomCom, doch durch grob gestrickte Pubertäts-Kalauer geht dem Film einiges an Charme ab.

«Kalte Füße» ist ab dem 10. Januar in den deutschen Kinos zu sehen.

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