Die Kritiker

«Tatort – Der Turm»

von

Der diesjährige Weihnachts-«Tatort» kommt aus Frankfurt und ist eher ein Stück Kohle denn ein schönes TV-Geschenk.

Cast und Crew

  • Regie und Drehbuch: Lars Henning
  • Darsteller: Margarita Broich, Wolfram Koch, Rauand Taleb, Katja Flint, Werner Wölbern, Isaak Dentler, Rouven Israel, Zazie de Paris, Nele Posetz, Rüdiger Klink, Zoe Moore
  • Kamera: Carol Burandt von Kameke
  • Schnitt: Stefan Blau
  • Musik: Jan Zert
Der diesjährige Weihnachts-«Tatort» hat weder etwas mit dem Fest zu tun, noch kommt er aus einer jener Städte, die sich mit einem Fall pro Jahr begnügen. Stattdessen ist es "nur" der zweite Frankfurt-«Tatort» des Jahres. Und leider ist es obendrein der mit Abstand schwächere Fall. Nach dem genialen und beklemmenden «Unter Kriegern», der uns im April begeistert hat, geht am Zweiten Weihnachtstag ein Fall über den Äther, der sich um Kritik an der eingeschworenen, über Leichen gehenden Welt des Kapitalismus bemüht. Jedoch gerät die Umsetzung der durchaus reizvollen Storyidee in ein Niemandsland: Zu dick aufgetragen, um als gesellschaftskritische Krimikost ernst genommen zu werden, nicht metaphorisch genug, um als größeres Statement Eindruck zu schinden …

Der Fall beginnt mitten in der Nacht. Janneke und Brix werden zu einem Tatort gerufen: Eine junge Frau, nahezu nackt, liegt tot, schwer verletzt und mit einer Plastiktüte über dem Kopf vor einem der protzigen Hochhäuser Frankfurts. Während Janneke früh eintrifft, verspäten sich Brix und die KTU. Da der Kollege vor Ort, mit dem sich Janneke austauscht, eine regelrechte Trantüte ist, geht sie kurzerhand allein in den Turm, um sich einen ersten Eindruck vom Tatort zu verschaffen und Fotos zu schießen. Plötzlich hört sie Schritte hinter sich. Sie greift zu ihrer Kamera, drückt ab und dann … Ein Schlag. Sie geht zu Boden. Als Brix endlich eintrifft, findet er seine Kollegin bewusstlos vor, mit einem Schädel-Hirn-Trauma.

Brix, der zunächst noch Jannekes Eifer nicht nachvollziehen konnte, macht sich nun also allein an die Arbeit und stößt dabei schnell an die Grenzen des in jeglichem Wortsinne hermetisch abgeriegelten Turms. Jannekes widersprüchliche Erinnerungsfetzen, ihre verwaschenen Fotos und die konfusen, scheuen Zeugenaussagen, die Brix einholt, geben alles andere als ein klares Bild der Tat …

Bereits in den ersten Sekunden des Films bringt Autor und Regisseur Lars Henning («Kaltfront») ein wiederkehrendes Element zur Geltung: Janneke begegnet einem Polizisten, der eine lahme Arbeitseinstellung zu Tage legt. Da liegt eine nahezu nackte, schwer verletzte Frau auf dem Bürgersteig, um deren Kopf eine Plastiktüte gewickelt ist. Und er wiegelt Jannekes Arbeitseifer ab! Ach, wird nur Selbstmord gewesen sein. Solche unverständlichen Reaktionen bekommt später auch Brix zu spüren. Vor allem Staatsanwalt Bachmann (trocken: Werner Wölbern) bremst die Ermittlungen wiederholt aus. Und auch einige der Zeugen und Verdächtigen, die die Ermittler verhören, reden den Fall mehrmals klein, jedenfalls immer dann, wenn sie nicht aus Angst, gegen Verschwiegenheitsklauseln zu verstoßen, den Mund halten.

Es ist überdeutlich: Henning will das titelgebende Hochhaus und vor allem die darin ansässigen, ominösen Firmen als kaum zu greifende Parallelwelt markieren, mit der sich die Einen nicht anlegen wollen, während die Anderen mit einem Bein oder gar zwei Beinen mit drinstecken und daher jegliche Ermittlung gegen sie behindern. Inszenatorisch wird Henning seinem eigenen Anspruch auch auf solide Weise gerecht: Wir blicken mehrmals von ganz unten zum Turm hinauf, die Kommissare sind verschwindend klein neben ihm und die raren Innenszenen erwecken den Eindruck, wir würden nur an der Oberfläche kratzen. Das Eindringen in den inneren Kern dieser gräulich belichteten (und künstlich gefilterten) Kapitalismusstätte bleibt uns verwehrt.

Allerdings ist das Skript darin, wie es die sich gegen Außenstehende verschwörende Welt der Hochfinanz zeichnet, so grobschlächtig, dass es an einer Parodie grenzt: Ohne profunde Thesen über die Mechanismen dessen, wie die Reichen und Geldgierigen in ihrer eigenen Welt operieren, und frei von satirischem Biss, bleiben nur Plattitüden und paranoide Floskeln übrig. Egal, wie viele Sandkörnchen Wahrheit in dem Film enthalten sein mögen, führt es in dieser Übermittlung dazu, dass «Der Turm» von der unsrigen Welt entrückt. Gleichwohl mangelt es diesem Krimi an kreativen Einfällen und ausdifferenzierten Metaphern.

Es muss ja nicht gleich sowas abgefahrenes wie «High-Rise» von Ben Wheatley oder eine neunzigminütige Antwort auf die packende ZDF-Finanzthrillerserie «Bad Banks» sein, was Das Erste dem «Tatort»-Publikum am letzten Weihnachtsabend serviert. Dennoch manövriert sich dieser Neunzigminüter in eine austauschbare Grauzone, die frei von Spannung, Stilisierung und Signifikanz ist. Erschwerend kommt hinzu, dass Margarita Broich als Janneke dieses Mal ungewohnt hölzern agiert und Wolfram Koch als Brix blass bleibt, so dass Rauand Taleb («4 Blocks») als Insiderquelle Bijan einen Großteil der Dialogszenen stemmen muss – und Taleb spielt zwar sein Charisma aus, bekommt vom Drehbuch jedoch nur wenig Material geliefert, das ihm größere Wandlungsfähigkeit oder Intensität abverlangen würde.

Wobei es schon für ihn spricht, dass er bei den teils sehr grobschlächtigen Ermittlungsmethoden Brix' (der beispielsweise in einen Aufzug springt und Menschen, die er nie gesehen hat, direkt mit allen Details der Ermittlung behelligt) ernst bleiben kann. Die kühle, elektronische und minimalistische Filmmusik von Jan Zert und der dramatisch-konsequente dritte Akt dieses Krimis federn die Stereotypen und die lasche Dramaturgie der ersten zwei Filmdrittel zwar nicht ab, dennoch mildern sie den Gesamteindruck. Naja. Vielleicht legt der nächste Frankfurt-«Tatort» wieder zu und erreicht erneut «Unter Kriegern»-Niveau …

«Tatort – Der Turm» ist am 26. Dezember 2018 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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