First Look

«The Protector» - Netflix scheitert am Genrestoff

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Die erste Netflix-Serie aus der Türkei lässt viele erzählerische Möglichkeiten völlig ungenutzt – und scheitert zudem daran, ihren einzigartigen Spielort zu beleben.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Çagatay Ulusoy als Hakan
Ayça Aysin Turan als Leyla
Hazar Ergüçlü als Zeynep
Okan Yalabik als Faysal Erdem
Mehmet Kurtulus als Mazhar Dragusha
Yurdaer Okur als Kemal
Fatik Dönmez als Orkun

Hinter der Kamera:
Produktion: Netflix Studios und 03 Turkey Medya
Schöpfer: Binnur Karaevli
Regisseure: Umut Aral, Gonenc Uyanik, Can Evrenol und Gökhan Tiryaki
Hakan (Çagatay Ulusoy) ist ein Loser. Aber er hat Ambitionen. Zusammen mit seinem besten Freund will er in der Istanbuler Innenstadt einen Laden aufmachen und sich das dafür notwendige Kapital bei seinem ältlichen Vater besorgen, der auf dem Basar Teppiche und anderen Krempel verhökert. Doch der blockt ab: Zu viele von Hakans seltsam-neumodischen Geschäftsprojekten sind schon im finanziellen Desaster geendet. Und Hakans Illusionen, es seinem großen Idol, dem zwielichtigen Istanbuler Geschäftsmagnaten Faysal Erdem (Okan Yalabik) gleichzutun, findet der bodenständige Teppichhändler völlig fehlgeleitet.

Als plötzlich eine Frau im väterlichen Teppichladen steht und für verdammt gutes Geld ein uraltes Hemd erwerben will, blockt der alte Mann vehement ab. Das habe er nicht. Hakan wird stutzig – denn genau dieses Hemd will er vor kurzer Zeit noch irgendwo im Lager gesehen haben. Ohne das Wissen des Alten nimmt er Kontakt zu der betuchten Kundin auf, doch als das Geschäft vollzogen werden soll, fallen Schüsse. Hakans Vater, der in letzter Minute zum Übergabeort geeilt war, um den Deal zu verhindern, erliegt schließlich seinen Verletzungen, manövriert seinen Sohn aber mit letzter Kraft in die Obhut der kecken Zeynep (Hazar Ergüçlü) und ihres Vaters.

Was der sterbende alte Mann in seinen letzten Atemzügen nur noch andeuten konnte, führen die Wächter der Schwelle am Ende der ersten Folge schließlich aus: Hakan ist als titelgebender „Protector“ auserwählt, um Istanbul (und die gesamte Menschheit) vor einem bösen Unwesen zu bewahren. Dabei kann er sich dreier magischer Objekte bedienen, deren Herstellung schon Mehmet, der Eroberer, in die Wege geleitet hat, nachdem sie ihm in obskuren Visionen erschienen waren: eines davon ist das seltsame Hemd, das ihn unbesiegbar macht.

Ähnlich wie Netflix‘ kürzlich gestartete erste polnische Serieneigenproduktion ist auch das erste Format aus der Türkei ein Genrestoff. Und ebenso wie die haltungslose Alternate-History-Geschichte aus Osteuropa bleibt dieser Versuch eines Sci-Fi-Heldenepos‘ vom Bosporus so beliebig wie unbeholfen. Sogar die zentralen Fehlerquellen sind ähnlich: Wieder ist erst ganz am Ende der Auftaktfolge überhaupt das Szenario klar, mit dem sich die Serie beschäftigen will. Vorangegangen war unnütze Exposition, die sich in allerlei Redundanzen verhedderte und dabei das Wesentliche – eine klare Zeichnung der Figuren – unterließ.

So erstaunlich wie erschreckend ist auch die Beobachtung, wie wenig diese Serie aus ihrem Spielort macht: Das berühmte Bonmot von Napoleon Bonaparte – wenn es auf der Welt nur einen einzigen Staat gäbe, wäre seine Hauptstadt Istanbul – wird zwar pflichtbewusst erwähnt. Doch während das berühmteste Wahrzeichnen der Pforte, die Hagia Sophia, zu gewollt in den Plot um den zwielichtigen Industriellen Faysal Erdem verwoben wird, bleibt das besondere Feeling dieser halb-europäischen, halb-asiatischen Metropole ungelenk skizzenhaft.

Am schlimmsten krankt «The Protector» hingegen an seinem uninteressanten Figurenvorrat und der stereotypen Ausstaffierung einer lauen Gut-gegen-Böse-Dramaturgie, die allein noch keinen Sci-Fi-Stoff belebt hat. Nicht nur fehlt eine kohärente zweite Ebene – auch wenn die Figur Faysal Erdem vor der Kulisse des imposanten Finanzviertels Levent eine Einladung zu einer treffenden gesellschaftlichen Kommentierung gewesen wäre – sondern es fehlt dem persönlichen Konflikt des unverhofften Helden auch an psychologischem Gehalt. Stattdessen belässt es «The Protector» beim Abklappern des uralten Motivs: Einem jungen Mann wird das Leben auf den Kopf gestellt, als er erfährt, dass er der Auserwählte ist. Mit Individualität, erzählerischer Raffinesse oder kreativer Besonderheit wird es jedoch nie gefüllt, sondern schnöde abgespult. Angesichts eines solch vielseitigen, inspirierenden Spielortes ist das fast eine Sünde.

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