Die Kino-Kritiker

«Peppermint – Angel of Vengeance»: Garner sieht Rot

von   |  1 Kommentar

Der neue Rachethriller «Peppermint – Angel of Vengeance» lässt Jennifer Garner in das Actiongenre zurückkehren, in dem sie einst etwa mit «Alias – Die Agentin» begeisterte.

Filmfacts: «Peppermint - Angel of Vengenace»

  • Regie: Pierre Morel
  • Produktion: Gary Lucchesi, Tom Rosenberg, Richard S. Wright
  • Drehbuch: Chad St. John
  • Darsteller: Jennifer Garner, John Ortiz, John Gallagher Jr., Juan Pablo Raba, Tyson Ritter
  • Musik: Simon Franglen
  • Kamera: David Lanzenberg
  • Schnitt: Frédéric Thoraval
  • Laufzeit: 105 Minuten
  • FSK: ab 16 Jahren
Nach einem brutalen Überfall auf ihre Familie, bei dem ihr Mann und ihre Tochter ums Leben kommen, liegt Riley North (Jennifer Garner) im Koma. Aus diesem erwacht, muss sie feststellen, dass von Polizei und Justiz keinerlei Hilfe zu erwarten ist, sondern die Mörder stattdessen sogar gedeckt werden. Voller Wut, Schmerz und Verzweiflung beschließt Riley, die Gerechtigkeit in die eigene Hand zu nehmen. Fünf Jahre lang verschwindet sie von der Bildfläche und bereitet sich auf einen unaufhaltsamen Rachefeldzug vor – die einst gesetzestreue Bürgerin wird zur urbanen Guerillakämpferin, die im von Korruption und Kartell-Kriminalität zersetzten L.A. unerbittlich aufräumt. Unterwelt, Polizei und FBI ist sie immer einen Schritt voraus und serviert dabei ihre ganz persönliche Art der Vergeltung…

Im Auftrag Rache


Schauspielerin Jennifer Garner («Love, Simon») wird mittlerweile vorwiegend für die Rolle der liebenden Mutter gecastet. Dass der gebürtigen Texanerin der endgültige Durchbruch in einer Actionserie («Alias – Die Agentin») gelang, könnte dazu nicht im größeren Kontrast stehen. Die erste Folge des Formats liegt mittlerweile rund 18 Jahre zurück. Eine Rückkehr ins Genre kommt also durchaus überraschend, doch wenn man einer Schauspielerin mittleren Alters die Darstellung einer Kampfamazone noch immer abnimmt, dann der gleichermaßen durchtrainierten wie aufgrund ihrer Grundsympathie zur Identifikation einladenden Garner. In «Peppermint – Angel of Vengeance» schlüpft sie in die Rolle einer Rächerin, die sich nach dem brutalen Tod von Tochter und Ehemann allein auf die Mission begibt, ihren Killern den Garaus zu machen.

Das mit der Selbstjustiz ist in Filmen ja immer ein streitbares Thema: Wo endet die ernsthafte Auseinandersetzung und wo beginnt die Glorifizierung? Mit dieser Frage musste sich zuletzt Eli Roth auseinandersetzen, der mit seinem Remake zu «Ein Mann sieht rot» Sittenwächter auf den Plan rief – und das, leider, auch nicht ganz zu Unrecht. Regisseur Pierre Morel hat ebenfalls Erfahrung mit dem Thema. Letztlich handelt sein bislang erfolgreichster Film «96 Hours», der sogar zwei identisch besetzte Fortsetzungen nach sich zog, ebenfalls von nicht mehr und nicht weniger als einem Mann, der das Gesetz selbst in die Hand nimmt. Doch während zumindest der erste Teil des Liam-Neeson-Vehikels solide aufgenommen wurde, bekommt «Peppermint» von den Kritikern aus Übersee ordentlich auf den Deckel. Das kann man durchaus verstehen, doch gleichzeitig sollte man die starken Actionchoreographien und die noch stärkere Hauptdarstellerin im Gesamtergebnis nicht außer Acht lassen.

«Peppermint – Angel of Vengeance» gibt direkt mit der ersten Szene einen Einblick in die Stärken, die der Film  in den folgenden eineinhalb Stunden zweifelsfrei vorweisen kann, nur um dem Zuschauer in der nächsten sofort seine dem gegenüber stehenden Schwächen vor Augen zu führen. Im Grunde ist Pierre Morels Arbeit ein ständiges Auf und Ab – inwiefern man daran trotzdem seinen Spaß haben kann, ist nicht zuletzt auch einfach davon abhängig, wie man die Vor- und Nachteile von «Peppermint» für sich gewichtet. Der gebürtige Franzose erweist sich einmal mehr als begnadeter Actionregisseur, mit dem an Bord die «96 Hours»-Sequels mit Sicherheit um Einiges besser ausgefallen wären. Auch seine anderen Vorwerke «The Gunman» oder «From Paris With Love» überzeugten zumindest auf der technischen Seite, punkteten mit abwechslungsreich eingefangenen Setpieces, einer inszenatorischen Präzision und einer gewissen Haptik. Die Story ist dagegen in der Regel Nebensache.

Dagegen spricht im Actiongenre natürlich erst einmal überhaupt nichts, genauso wenig dagegen, dass man mit diesen in der Regel den kleinsten gemeinsamen Nenner bedient. Darauf, dass ein Mann seine entführte Tochter unbedingt retten muss, können sich vermutlich genauso viele einigen wie darauf, dass es vollkommen nachvollziehbar ist, dass eine Frau, die durch bewaffnete Bösewichte ihre ganze Familie verloren hat, blutige Rachegedanken hegt. Wer diese Ausgangslage schlucken kann und vor allem nicht permanent hinterfragt, ob es generell richtig ist, auf solch einer Prämisse einen Actionthriller aufzubauen (das steht auf einem anderen Blatt), ist mit «Peppermint» gut bedient.

Jennifer Garner ist endlich zurück im Actiongenre!


Drehbuchautor Chad St. John («London Has Fallen») lässt von Anfang an keine Zweifel daran, dass er an einer ambivalenten, vielleicht sogar kritischen Hinterfragung seiner Titelheldin keinerlei Interesse zeigt. Eingeführt wird Garners Riley als toughe Kämpferin, die selbst in der beengten Kulisse eines PKWs alles aus ihrem Gegner herauszuprügeln vermag, damit wir wissen: Mit dieser Frau sollte man sich nicht anlegen! Wenn in einer Rückblende schließlich ausgiebig geschildert wird, was die Ehefrau und Mutter überhaupt erst so weit gebracht hat, scheut Morel auch vor manipulativsten inszenatorischen Mitteln nicht zurück: Das kleine Mädchen mit den strahlenden Augen, das gerade eben noch glücklich über den Jahrmarkt tollte und dabei ein Pfefferminz-Eis schleckte, während seine Eltern sich verliebt in die Augen schauten, wird im nächsten Moment in Superzeitlupe von den Gangstern erschossen, die eigentlich ihren Daddy im Visier hatten. Die Idylle wird jäh zerstört – und während das Eis noch auf der Erde liegt und vor sich hin schmilzt, schwellen in Riley bereits die Rachegedanken, die erst recht Formen annehmen, als die Täter vor Gericht freikommen.

Natürlich spielt Jennifer Garner die Mutter entsprechend aufopferungsvoll; zu keinem Zeitpunkt lässt vor oder hinter der Kamera auch nur irgendjemand Zweifel daran aufkommen, wie diese Tat die Mutter verändert hat und was für eine Schande es ist, dass der Staat an der Stelle versagt hat, an der die Täter zur Rechenschaft hätten gezogen werden müssen. Die Ausgangslage ist so eindeutig, dass jede andere Regung der trauernden Witwe in diesem Kontext sogar unrealistisch gewirkt hätte. Also wetzt Riley fortan Klingen und trainiert sich zur nahezu unverwundbaren Rächerin hoch.

Es ist also durch und durch Rachefilm-Usus, den der Zuschauer mit «Peppermint – Angel of Vengeance» serviert bekommt (inklusive den mittlerweile unumgänglichen Beobachtungen, wie so etwas in den sozialen Medien aufgegriffen wird), nur dass hier eben ausnahmsweise mal eine Frau im Mittelpunkt des Geschehens steht. Einen besonderen erzählerischen Dreh gibt Morel seinem Film dadurch jedoch nicht mit auf den Weg. Jennifer Garner erweist sich hier als erwartungsgemäß starke Darstellerin, die in den Kampfsequenzen eine beeindruckende Physis an den Tag legt, während sie ihr Leid in den emotionalen Momenten glaubhaft präsentiert. Gleichzeitig kann auch ihre Performance nicht verhindern, dass man hier mehr als einmal kräftig beide Augen zudrücken muss, um sich nicht zu lange an offensichtlichen Logiklöchern aufzuhalten. Dass Riley es im Alleingang mit der gesamten Unterwalt L.A.s aufnimmt, muss man ebenso schlucken, wie einen lieblos vorgetragenen Twist im finalen Drittel und nicht zuletzt das Finale, in dem der Drehbuchautor munter mit der ohnehin streitbaren Selbstjustiz-Aussage seines Films jongliert. Fast wirkt es so, als wären sich die Verantwortlichen hier selbst gar nicht so sicher, wie sie ihre Geschichte nun eigentlich zu Ende bringen können, ohne sich dabei auf moralischer Ebene in die Nesseln zu setzen.

Doch all das ändert immerhin nichts daran, dass Pierre Morel neben Jennifer Garner einen absolut soliden Job macht: «Peppermint» ist trotz der fragwürdigen Grundidee, zu der man stehen kann wie man möchte, des banalen Skripts und der sehr plakativen Inszenierung immer noch stark gefilmt, kann ein gutes Dutzend handfeste Actionszenen vorweisen und besitzt aller Vorhersehbarkeit zum Trotz keine spürbaren Längen.

Fazit:


«Peppermint – Angel of Vengeance» ist ein knackiger Selbstjustiz-Reißer, von dem man genauso wenig erzählerische wie inszenatorische Finesse erwarten sollte, wie von jedem anderen Film seines Genres. Doch Jennifer Garner steht die Rolle der brutalen Rächerin verdammt gut und auch viele der Action-Choreographien können sich sehen lassen.

«Peppermint – Angel of Vengeance» ist ab dem 29. November in den deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
23.11.2018 19:32 Uhr 1
Ick stehe total auf Rache - Actioner!! :-)

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