Die Kino-Kritiker

Starkult für Fortgeschrittene: «Juliet, Naked»

von   |  1 Kommentar

In der Romanverfilmung «Juliet, Naked» wird Chris O’Dowd zum absoluten Superfan eines längst in Vergessenheit geratenen Sängers und riskiert darüber seine Beziehung. Doch plötzlich nimmt die Geschichte eine unerwartete Wendung…

Filmfacts: «Juliet, Naked»

  • Start: 15. November 2018
  • Genre: Tragikomödie
  • Laufzeit: 97 Min.
  • FSK: o.Al.
  • Kamera: Remi Adefarasin
  • Musik: Nathan Larson
  • Buch: Evgenia Peretz, Jim Taylor, Tamara Jenkins
  • Regie: Jesse Peretz
  • Darsteller: Chris O'Dowd, Rose Byrne, Ethan Hawke, Kitty O'Beirne, Alex Clatworthy
  • OT: Juliet, Naked (UK/USA 2018)
Vor allem im Jugendalter kann Fantum schon mal skurrile Ausmaße annehmen. Da wird tagelang vor einem Konzert gecampt, werden Liebesbriefe an den angehimmelten Popstar geschrieben und Lyrics bis zum Erbrechen auswendig gelernt. Normalerweise gibt sich das im Erwachsenenalter; doch Bestsellerautor Nick Hornby («Brooklyn») wollte die Idee zu Ende spinnen, dass sich ein erwachsener Mann nicht von seiner Liebe zu einem Sänger lösen kann, obwohl er die Dreißig längst überschritten hat. Ähnliches hat er auch schon in seinen Romanen «High Fidelity» sowie «Fever Pitch» thematisiert und ist dabei nie in allzu psychologisierende Gefilde vorgedrungen. Nick Hornbys Romane sind eher leichte Kost, auch wenn sie in der Regel sehr gekonnt zwischen den Genres Komödie und Drama variieren. Im 2009 erschienenen Roman «Juliet, Naked» hat die übertriebene Fanliebe eines Musikbesessenen nun nur bedingt Auswirkungen auf den Fan respektive den Star an sich.

Diesmal geht es vor allem darum, wie sein Umfeld damit umgeht, genauer: die Freundin, die schon seit Beginn der Beziehung hinter der krankhaften Musikleidenschaft ihres Partners zurückstehen muss. Bei dieser Versuchsanordnung herausgekommen, ist eine herzliche Tragikomödie fernab gängiger Wohlfühlkonventionen, die sich traut, erzählerische Harken zu schlagen, ohne dabei von ihrer Feelgood-Attitüde wegzurücken. Ein Film mit Charakter eben.

Alles für einen Star


Tucker Crowe: Der Name des geheimnisvollen Rockstars ist das Einzige, was in der leidenschaftslosen Beziehung von Annie (Rose Byrne) und Duncan (Chris O’Dowd) noch für Zündstoff sorgt. 25 Jahre ist es her, dass der gefeierte Musiker (Ethan Hawke) seine letzte Platte „Juliet“ veröffentlichte. Im Gegensatz zu dem fanatischen Tucker-Crowe-Fan Duncan, der alles über den Musiker sammelt, sich leidenschaftlich in Fan-Foren engagiert und völlig außer sich ist, als er plötzlich auf eine neue Songsammlung seines großen Idols stößt, verreißt Annie genau dieses Album „Juliet, Naked“ in jenem Online-Forum, dessen Vorsitzender ihr Ehemann ist – und ausgerechnet sie bekommt plötzlich Post von Tucker Crowe höchstpersönlich, der sich nichts sehnlicher wünscht, als Annie kennenzulernen…

Regisseur Jesse Peretz («New Girl») wirft den Zuschauer getreu des Buches direkt ins Geschehen. Wir erfahren von Anfang an, wie besessen Duncan jeden noch so winzigen Zeitungsschnipsel seines Idols sammelt, wie er voller Passion ein Onlineforum mit ähnlich fanatischen Tucker-Crowe-Liebhabern anführt und von seiner Freundin genau dasselbe Interesse für sein Hobby verlangt. Das erste Kuriosum an der Sache: Bei Tucker Crowe handelt es sich nicht etwa um einen angesagten Newcomer, sondern um einen Singer-Songwriter, der seit Ewigkeiten keine neuen Stücke mehr veröffentlicht hat, sozusagen in der Versenkung verschwunden ist. Das lässt Duncans verbissenen Fan-Fanatismus direkt nochmal um zwei, drei Dimensionen größer erscheinen, als ohnehin schon.

Doch so richtig gefährlich-wahnhaft wirkt er nie; auch deshalb nicht, weil ihm der persönliche Kontakt zu Crowe sowie Stalking oder andere Möglichkeiten des Auflauerns einfach nicht möglich sind, wenn ohnehin keiner weiß, wo sich der Musiker gerade aufhält. Duncans Fanliebe ist in erster Linie komisch anzuschauen, sorgt allerdings nie für echtes Unbehagen beim Zuschauer; Duncan ist einfach (noch) kein Psycho. Unter diesen Voraussetzungen wird «Juliet, Naked» seiner Ausrichtung als Komödie voll und ganz gerecht. Es wäre ein ungutes Gefühl zurückgeblieben, hatte man sich hier mit einem Stalker oder dergleichen solidarisieren müssen.

Wohlfühlkino mit Ecken und Kanten


Dass Duncan gleichermaßen nicht zu einer Lachnummer wird, ist vor allem Chris O’Dowd («Molly’s Game») zu verdanken. Der gebürtige Ire spielt den hemmungslosen Tucker-Crowe-Liebhaber voller Leidenschaft, aber ohne seine Figur ins Karikierende kippen zu lassen. Duncan hat über sein Fan-Sein einfach das Maß verloren; das ist nicht bösartig, zielt aber auch nicht explizit auf brachiale Gags ab. Es ist einfach extrem unterhaltsam, dabei zuzusehen, wie Duncan etwas nicht wirklich Normales vollkommen normal findet. Und Rose Byrne («Spy – Susan Cooper Undercover») steht als Identifikationsfigur genauso ungläubig daneben, wie das Publikum. Auch wenn man zu Beginn geneigt ist, mit der vernachlässigten Frau Mitleid zu empfinden, entwickelt sich nicht bloß die Geschichte schnell zum absoluten Gegenteil einer „eine Frau lernt endlich, für ihre Bedürfnisse einzustehen“-Story, auch Byrne begibt sich sehr zügig aus ihrer zunächst eher passiven Rolle hinaus.

Mit dem Verriss des Crowe-Albums, auf das ausgerechnet sie eine anerkennende Mail des Künstlers selbst erhält, setzt sich die Entwicklung einer hinreißenden Leinwandfreundschaft in Gang, die in sich bemerkenswert unkompliziert ist, jedoch immer wieder von kleinen Problemen am Rand in ihrer Entwicklung gestört wird. Und das ist mal komisch, mal tragisch, meistens aber beides zugleich.

Während sich durch Duncans permanente Lobpreisungen eine immense Erwartungshaltung aufbaut, was für ein gottgleicher Mann denn wohl hinter dem ominösen Namen Tucker Crowe stecken mag, liefert Ethan Hawke («Die glorreichen Sieben») eine einem Understatement gleichkommende, bemerkenswert zurückhaltende Performance, in der jedoch nach wie vor eine Nuance Altrocker steckt, der bis heute immer ein wenig Kind geblieben ist. Während mit der Zeit immer mehr die (auch amouröse) Annäherung zwischen Annie und Tucker in den Fokus rückt, behandelt der Film am Rande auch noch ganz andere Probleme, geht hier allerdings nicht immer zur Genüge ins Detail. Ob es nun die schwierige Beziehung zu seinen Kindern ist, oder nicht verarbeitete Traumen aus der Vergangenheit: Gerade gen Ende erhalten viele der angedeuteten Themen nur eine unzureichende Auflösung.

Zum allzu großen Problem wird das jedoch nie. Jesse Peretz macht (auch durch die sehr stimmungsvollen, lichtdurchfluteten Bilder von «Ein ganzes halbes Jahr»-Kameramann Remi Adefarasin) nie einen Hehl daraus, dass sein Film in erster Linie Spaß machen soll. Und wenn es ihm dann auch noch gelingt, nicht immer die einfachsten, erzählerischen Wege zu gehen und hier und da sogar aktiv gegen das RomCom-Klischee zu inszenieren, dann besteht «Juliet, Naked» nicht bloß die Pflicht, sondern auch die Kür.

Fazit


Die auf dem gleichnamigen Roman von Nick Hornby basierende Tragikomödie «Juliet, Naked» thematisiert auf sehr humorvolle Weise, was passiert, wenn Fantum außer Kontrolle gerät. Ein leichtfüßiger, erzählerische Haken schlagender und stark gespielter Wohlfühlfilm, der nur gen Ende ein wenig an Substanz einbüßt, als er plötzlich noch einen kleinen Tick mehr will, als nur unterhalten.

«Juliet, Naked» ist ab dem 15. November in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
15.11.2018 16:38 Uhr 1
Ich habe gestern 2 völlig unterschiedliche Kritiken "gehört", von der RBB - "zibb" Kino - Kritikerin, bei der das irgendwie nicht allzu berauschend klang, im Gegensatz zum ZDF MorgenMagin Menschen!


Und, ich habe allerdings auch kaum Bock drauf, extra dafür Kino - Kohle auszugeben...

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