Serientäter

«Beat»: Wenn Amazon auf Droge ist

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Zwei präparierte Leichen werden in einem Berliner Club gefunden. Und dessen Promoter Beat wird daraufhin aus seinem Partyleben gerissen. Amazons neue deutsche Serie ist stark – aus überraschenden Gründen.

Industriebauten, dreckig und dunkel, nur das Neonlicht führt den Weg durch den dunklen Tunnel dorthin, wo der Moment lebt: Ist man einmal drin im Club, fallen Vergangenheit und Zukunft auseinander. Techno-Bässe wummern die Masse in Trance, die Drogen tun ihr Übriges.

Die neue Amazon-Serie «Beat» fängt in dieser Hinsicht ganz gewöhnlich an. Denn Storys über die Berliner Club-Szene wirken mittlerweile fast altbacken aus dem letzten Jahrzehnt. Die bekannten Beispiele: Helene Hegemanns wegweisendes Buch «Axolotl Roadkill» bzw. das Vorbild «Strobo» erschienen 2010 und 2009, der Film «Berlin Calling» bereits 2008. Insofern fühlt man sich in der ersten Folge von «Beat» stellenweise vor Klischees gelangweilt – wäre da nicht der Plottwist, der das verbrauchte Club-Sujet auf intelligente Weise frisch macht. Denn in einer der Techno-Nächte holt die Realität den Eskapismus ein; die Party endet abrupt: An der Decke des angesagten Clubs Sonar hängen zwei tote Gäste, aufgeschlitzt und wie Engelsfiguren in Leinentücher gewickelt.

Der Club muss vorübergehend schließen. Für den Promoter Robert, den alle nur Beat nennen, ist es ein Einschnitt, hat er den Laden mit seinem besten Freund Paul doch aufgebaut. Beat ist bestens vernetzt in der Clubszene, kennt alle Gerüchte, kennt alle Gesichter, kennt alle Drogen, ist auf allen Drogen drauf. Doch dieser Mord an zwei Partygirls stellt auch ihn vor ein Rätsel. Es scheint, als müsse Beat sich plötzlich mit dem echten Leben auseinandersetzen, mit der Welt da draußen. Sein Zuhause ist weggebrochen, vorerst. Weitere Morde geschehen. Und dann wird Beat auch noch von Agenten eines europäischen Geheimdiensts kontaktiert: Einer der neuen Teilhaber von Beats Club soll in der international organisierten Kriminalität die Strippen ziehen. Und Beat soll den Informanten spielen.

Die Serie verbindet auf überraschend einfache Weise drei Genres, die so wohl noch nicht in den Topf geworfen wurden: den Club-/Szene-/Popkultur-Film mit dem Thriller und ein wenig Spionage-Drama. Diese Mischung funktioniert deswegen, weil sie von der vielschichtigen Figur Beat zusammengehalten wird. Er ist das zentrale Bindeglied aller Storys, die sich in der Amazon-Serie entfalten. Und der Charakter ist vielschichtig genug, um diese Rolle anzunehmen. Beat, aufgewachsen ohne Eltern, kennt die hedonistische Seite des Lebens, er kennt den Rausch und den Exzess – der für ihn zur Normalität geworden ist. Er ist tief im Herzen Idealist, und damit vielleicht naiv: Freiheit, Gerechtigkeit, Party und Liebe für jeden immer und überall.

«Beat» bei Amazon Prime: Existenzielle Fragen
Der 28-Jährige ist die Antithese zu dem, was man erwachsen werden nennt. Und damit auch die Antithese zu seinem Freund und Geschäftspartner Paul, der eine Familie versorgen muss, der die Party-Zeit hinter sich hat. „Das Leben geht weiter, Beat.“ Dieser erwidert: „Fragt sich nur, in welche Richtung.“ Paul: „Weißt du, was uns unterscheidet? Ich weiß, wo ich hingehöre. Ich hab ein Zuhause.“ Woraufhin Beat wütend herausschreit: „Ich hab auch eins, nur aus meinem machst du ne WG mit Arschlöchern.“ Er meint den Club, natürlich. Eine weitere Antithese ist Beat zu den Anzugträgern vom Geheimdienst, die ihm das unmoralische Angebot machen: Soll er den Informanten spielen, um endlich wieder an Geld zu kommen? Soll er sich mit dem korrupten System einlassen? Beats Charakter wird vor essentielle Fragen gestellt. Vor Fragen des richtigen Lebensentwurfs. Darsteller Jannis Niewöhner spielt diese Figur großartig – die innere Zerrissenheit, die Selbstzweifel werden in fast jeder Szene sichtbar. Beat ist das eigentlich Spannende an der Serie, nicht die Morde oder die Frage, ob man den Geschäftspartner überführen kann. Viel interessanter ist die Frage, wo Beats Ich am Ende der ersten Staffel steht.



Klischeehaft verrennt sich «Beat» bei einem ominösen Charakter namens Jasper, der in der Berliner Unterwelt sein Unwesen treibt, menschliche Organe in Weckgläsern konserviert und mit den Morden in Verbindung steht. Dieser Charakter, der sich als eine Art Joker-Bösewicht inszeniert, reißt die Serie aus ihrer sonstigen Authentizität und Glaubwürdigkeit. Man fühlt sich an die schrecklichen Klischees erinnert, die die Amazon-Serie «You Are Wanted» bedient hat.

Davon abgesehen inszeniert Regisseur Marco Kreuzpaintner einen temporeichen Genre-Mix, der trotz aller Verbrauchtheit des Club-Sujets bildgewaltig und akustisch wuchtig daherkommt. Es sind zudem tolle Leistungen der Schauspieler, neben Niewöhner allen voran der Geheimdienst-Darsteller Karoline Herfurth und Christian Berkel. Es macht Spaß, ihnen beim Zusammentreffen völlig unterschiedlicher Lebensentwürfe zuzusehen.

Je länger man in den Welten von «Beat» verbringt, desto spannender werden sie. Die anfängliche Langeweile und Klischeehaftigkeit verfliegt dank der intelligenten Plots und des vielschichtigen Charakters Beat. Es ist eine der besten deutschen Serien jüngerer Zeit – und für Amazon endlich ein Produkt, das sich nicht primär über bekannte Namen vermarktet. Sondern einfach über einen richtig guten Inhalt.

Alle Folgen von «Beat» sind ab Freitag bei Amazon Prime Video abrufbar.

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