First Look

«Chilling Adventures of Sabrina»: Schön fies aufgeweckt

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Mit der Teen-Horrorserie «Chilling Adventures of Sabrina» hat Netflix eines seiner besten Formate veröffentlicht.

Infos zu «Chilling Adventures of Sabrina»

  • Serienschöpfer und Showrunner: Roberto Aguirre-Sacasa
  • Darsteller: Kiernan Shipka, Ross Lynch, Lucy Davis, Chance Perdomo, Michelle Gomez, Jaz Sinclair, Tati Gabrielle, Adeline Rudolph, Richard Coyle, Miranda Otto
  • Musik: Adam Taylor
  • Episoden: 10 in Staffel eins
  • Staffel zwei ist bereits bestätigt
  • Ausführende Produzenten: Lee Toland Krieger, Jon Goldwater, Sarah Schechter, Roberto Aguirre-Sacasa, Greg Berlanti
  • Produzenten: Craig Forrest, Ryan Lindenberg, Matthew Barry
  • Netflix-Altersempfehlung: ab 16 Jahren
Lieb, harmlos und albern war gestern: Nach Jahrzehnten, in denen die Archie Comics allgemeinhin als risikoscheu und kindisch abgestempelt wurden, kam es zu einem Umdenken. Der Verlag mit Außenseiterstatus in der englischsprachigen Comicbranche wagte sich mit verrückten Crossovern und neuen, mutigen Reihen aus seiner einstigen Komfortzone heraus. Zu diesen Experimenten gehört die 2014 gestartete Reihe «Chilling Adventures of Sabrina», die sich der blonden Teenager-Hexe Sabrina Spellman annimmt. Zuvor erlebte sie jahrzehntelang in den Archie Comics gediegene Geschichten und eroberte mit der flachsenden Sitcom «Sabrina – total verhext!» auch das Fernsehen. Die an ein älteres Publikum gerichtete Comicreihe interpretiert den Stoff rund um Sabrina als düstere, schaurig-okkulte, trotzdem noch immer gewitzte Horrorgeschichte neu. Und jetzt, vier Jahre später, sowie nach dem großen Erfolg der Dramaserie «Riverdale», in der die Archie-Kindercomichelden sexy-mörderisch umgedeutet werden, kommt «Chilling Adventures of Sabrina» als Netflix-Serie auf die Bildschirme.

Bereits der Vorspann ist eine markante Ansage: In hoch stilisierten, schaurig-drastischen Comicbildern aus der Feder des «Chilling Adventures of Sabrina»-Zeichners Robert Hack kündigt sich der Netflix-Originaltitel als kantige, mit klassischen Horror-Referenzen arbeitende Serie an, die bloß einige, wenige Spurenelemente von «Sabrina – total verhext!» aufweist. Denn hier hat alles einen dunkleren, dramatischeren Twist: Halb-Hexe Sabrina, die eine Beziehung zum Sterblichen Harvey unterzieht und bei ihren Hexen-Tanten lebt, soll zu ihrem 16. Geburtstag endlich der Kirche des Leibhaftigen beitreten. Doch dafür müsste sie sich aus ihrem bisherigen Leben zurückziehen, was in ihr Zweifel weckt ...

Auf visueller Ebene legt «Chilling Adventures of Sabrina» die Messlatte sehr hoch: Rob Seidenglanz («The Following»), der die Hälfte der ersten Staffel inszeniert hat, sowie seine Kolleginnen und Kollegen, verleihen «Chilling Adventures of Sabrina» noch mehr distinguiertes, leinwandtaugliches Flair als seiner Schwesternserie «Riverdale». Die atmosphärisch ausgeleuchteten Sets werden so gefilmt, dass sie eine große optische Tiefe entwickeln, und die zahlreichen, filigranen Details verleihen den Schauplätzen eine prägnante Charakteristik: Als wäre Greendale die Welthauptstadt Halloweens, finden sich überall Spinnweben, knorrige Äste, schummrige Lichtquellen und geisterhafte Verzierungen. Eine besondere Glanzleistung sind die Kostüme, die zwar zeitgemäß genug wirken, um glaubhaft zu machen, dass die Serie im Jetzt spielt, jedoch gleichzeitig tief in der Horrorfilmästhetik der 60er- und 70er-Jahre verwurzelt sind. Somit zollen sie den direkten und indirekten Inspirationen zur Serie Tribut und verdichten die eh schon zum Schneiden dicke Atmosphäre dieser Serie.

Während sich die Handlung in behutsamen Schritten entwickelt, bleibt das Pacing fesch: So sehr sich Showrunner Roberto Aguirre-Sacasa in der Netflix-Adaption seines eigenen Comictitels von schleichend Spannung schürenden, okkulten Horrorklassikern wie «Rosemaries Baby» und «Der Exorzist» leiten lässt, sprechen die Figuren in einem modern-zügigen Duktus. Darüber hinaus sind die Nebenhandlungsstränge rund um Sabrinas sterbliche Freunde stringenter erzählt als der Hauptplot. So gelingt «Chilling Adventures of Sabrina», woran beispielsweise «Luke Cage», «Daredevil» und diverse andere Netflix-Originaltitel katastrophal scheitern: Der zentrale Storyfaden wird ausführlich ausgebreitet und lässt das Publikum ausgiebig an den charakterbildenden Herausforderungen der Hauptfigur teilhaben, und dennoch gibt es einen stetigen narrativen Vorwärtsdrang. Selbst mit Episoden, die teils weit über eine Stunde gehen, gerät «Chilling Adventures of Sabrina» niemals in solche ermüdenden Leerlaufphasen wie die meisten Marvel-Serien der Streamingplattform.

Dem Erzählfluss kommt zudem entgegen, dass die Nebenfiguren gleichzeitig für Varianz in der Serienerzählung sorgen und konsequent die zentrale Handlung spiegeln. Denn während Sabrinas menschliche Bekanntschaften für Abwechslung vom okkulten Drama sorgen, dreht es sich bei ihnen zumeist darum, wie es ist, wenn man sich nicht schlicht in eine einzige Schublade stecken lässt, oder wie es ist, wenn man für das, was man ist, verurteilt wird. Dies sind Themen und Konflikte, die sich durch die gesamte Serie ziehen und von den Autoren nuanciert und mit dramatischer Spannbreite beäugt werden. So gewinnt sukzessive die Story um Sabrinas Schulfreundin Susie Putnam (toll: Lachlan Watson) an Gewicht und vermenschlicht die Erzählung konsequent, wohingegen die Titelheldin unentwegt in Situationen gerät, in denen sie Gutes tut, sich dazu aber von bösen Mächten verleiten lässt.

Dadurch bleibt die Serie lange schwer vorhersehbar: Mehrmals will man die aufgeweckte Sabrina anfeuern, die mal mit sterblichen, mal mit okkulten Methoden den Kampf gegen das puritanische Patriarchat aufnimmt, gleichwohl zeichnen sich dadurch größere Sorgen für die Protagonistin ab, weil ihr die Idee etwa unbemerkt von einer Gegenspielerin eingeflößt wurde, die einen größeren Plan verfolgt. Und selbst, wenn die Fronten deutlicher geklärt sind, muss sich die Heldin oft zwischen Macht und Freiheit entscheiden; wobei sich die Frage aufdrängt, ob man ohne Macht überhaupt frei sein kann – und wie mächtig man ohne Freiheit ist.

Die aus «Mad Men» bekannte Kiernan Shipka begeistert in der Titelrolle und meistert die dramatischen, schaurigen und frohen Momente des Erzählstoffes gleichermaßen. Egal, wie sehr sich ab und zu die (überraschend guten) Effekte in den Vordergrund drängen, ganz gleich, wie sehr sich die Serie an Querverweise auf Horrorklassiker wie etwa «Tanz der Teufel» übt: Shipka verleiht dem Geschehen Gravitas – und egal, wie finster die Serie gelegentlich wird, dank Shipka bleibt sie ein teuflisch-amüsantes Vergnügen. Ein spezieller Fall bleibt dabei aber der Soundtrack: Einerseits ist der Einsatz von solchen Klassikern wie "Devil Woman" und "I've Put a Spell on You" gewieft, andererseits hangelt sich die Serie von einem offensichtlichen, altbekannten Lied zum Thema Monster, Hexen, Grusel und Übernatürliches zum nächsten, was stellenweise unfreiwillig komisch ist. Adam Taylors Instrumentalmusik unterdessen schafft effektiv eine Gruselatmosphäre zwischen düster-beklemmend und verhext-amüsiert, ohne im Zuge dessen einprägsame Themen zu entwickeln.

Fazit: Zeitgemäße Themen und Konflikte, verpackt in einer zeitlosen, atmosphärisch dichten Okkulthorrorstory, erzählt mit guten Darstellern und in stimmigen Bildern: «Chilling Adventures of Sabrina» zaubert sich in die Riege der besten Netflix-Originalserien.

«Chilling Adventures of Sabrina» ist auf Netflix abrufbar.

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