Die Kritiker

«Tatort – Her mit der Marie»

von

Der «Tatort» reist wieder nach Österreich. Oder: Macht Platz für einen Big-Kahuna-Fleckerlwestern!

Cast und Crew

  • Regie: Barbara Eder
  • Darsteller: Harald Krassnitzer, Adele Neuhauser, Thomas Stipsits, Hubert Kramar, Simon Schwarz, Christopher Schärf, Erwin Steinhauer, Maria Hofstätter, Johannes Krisch
  • Drehbuch: Stefan Hafner, Thomas Weingartner
  • Kamera: Matthias Pötsch
  • Schnitt: Christian Pilsl
  • Musik: Stefan Bernheimer
2018 im deutschsprachigen Krimi-Fernsehen: Es ist der 19. gemeinsame Einsatz für die österreichischen Ermittler Majorin Bibi Fellner und Oberstleutnant Moritz Eisner, und der zweite, bei dem Barbara Eder Regie geführt hat. Eders erste «Tatort»-Arbeit war die hoch pointierte Ebola-Folge «Virus», die sich zudem mit Rechtsextremismus befasst hat. Schwerer Tobak, vergleichsweise humorvoll behandelt.

Und jetzt? Jetzt, mit «Her mit der Marie», zeigt sich die Regisseurin von einer anderen Seite. Weite Landschaften. Markige Sprüche, nuschelnde Figuren. Der Revolver sitzt locker. Die Männer sind Machos und der Alkohol verführt selbst die hehren Gsetzeshüter – sogar die (nicht mehr) trockene Alkoholikerin Bibi. Ein sanfter Hauch von Wild-West-Attitüde weht durch den Wiener «Tatort», gekreuzt mit einem ebenso sanften Hauch Quentin-Tarantino-Mentalität.

Immer wieder schmatzt sich wer was zusammen, weil er eine leckere Leberkäs-Semmel oder einen saftigen Muffin verschlingt, während er wichtige Erkenntnisse von sich gibt. Nur alte PKW-Modelle kreuzen durchs Bild, eine ganz normale Grillparty sieht so aus, als würde sich die Edel-Unterwelt der 70er-Jahre treffen und wenn es Regisseurin Eder gerade stilistisch passt, wird der Splitscreen ausgepackt. Die Musikuntermalung ist kühl-kernig-elektrisch – oder Retro-Rock aus Österreich (auf dem Soundtrack und vor der Kamera: Voodoo Jürgens).



Wenn Quentin Tarantinos Arbeit, selbst dann, wenn er keinen Western erzählt, vom Spaghettiwestern inspiriert ist, und Barbara Eder sich hier zu gleichen Teilen von Tarantino und Spaghettiwestern beflügeln lässt, das aber klar ans österreichische Gemüt anpasst … Ja, dann haben wir es hier mit so etwas wie einem Big-Kahuna-Fleckerlwestern zu tun. Das ist zuweilen schwer ins teutonische Ohr zu zwängen – ob tätowierter Kleinganove, Lederjackenträger mit Elvis-Pomade oder Pornobarträger im Sakko, sie mögen wie US-Klischees aussehen, sprechen aber fetten österreichischen Dialekt. Den Drehbuchautoren Stefan Hafner und Thomas Weingartner gelingt aber, was insbesondere bayerischen Regionalkrimis oftmals nicht hinbekommen: Sie geben dem dialektal unterbelichteten Publikum genügend verständliche Brocken zur Hand, dass sich der Sinn aus dem Kontext erschließt und die Regionalismen Flair liefern, statt das ahnungslose Ohr zu überlasten.

Für den Fall der Fälle reißen wir hier dennoch den Plot an, sollten es ein paar Dialekt-Allergiker nachschlagen müssen: Zwei Proleten rasen vergnügt durch die Kornfelder, machen mit ihrem flotten Schlitten eine losgelöste Spritztour. Einer von ihnen wird kurz danach tot, halb verbrannt und mit zertrümmerten Zähnen vorgefunden. Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) und Bibi Fellner (Adele Neuhauser) basteln sich in mühseliger Kleinarbeit die Theorie zusammen, dass die nicht identifizierbare Leiche der Geldbote des Großkriminellen Dokta (Erwin Steinhauer) sein muss. Der ist aber, so weit die Indizien reichen, seinem Chef nie quer gekommen – und nach einem Unfall sieht es genauso wenig aus.

War also jemand wirklich so lebensmüde, sich mit dem "Dokta-Clan" anzulegen? Neben den Polizisten ermitteln auch Doktas Handlanger Pico Bello (Christopher Schärf) und Marko Jukic (Johannes Krisch) in der Sache, in der auch ein Freund Bibis, der von den Autoren fast vergessen geglaubte Publikumsliebling Inkasso Heinzi (Simon Schwarz), eine Rolle spielen könnte. Was die Majorin ihrem Partner verheimlicht …

Dieses Drama zwischen den beiden Ermittlerfiguren verhindert, dass sich die Figuren vom Plot und der Stilistik des Neunzigminüters an den Rand drängen lassen. Auch wenn der erzählerische Rückgriff auf Bibis überkommen geglaubten Alkoholismus vielleicht etwas drastisch ist: Die Zwei kabbeln sich liebevoll wie eh und je und zetern sich so immer wieder zurück ins Rampenlicht, sobald der Rest des Films sie zu überwältigen droht.

Unterm Strich entsteht so ein Österreich-«Tatort», wie es ihn nie zuvor zu sehen gab – und der auch ohne größere Spannungsspitzen gute, originelle Krimiunterhaltung bietet. Mehr davon!

«Tatort – Her mit der Marie» ist am 14. Oktober 2018 ab 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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