Die Kino-Kritiker

«Smallfoot» verbindet!

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Auf den ersten Blick ist der neue Warner-Animationsfilm «Smallfoot» lediglich harmloser Family-Klamauk, doch hinter dem neuesten Streich der «The LEGO Movie»-Macher steckt eine smarte Botschaft.

Filmfacts: «Smallfoot»

  • Start: 11. Oktober 2018
  • Genre: Animationsfilm/Komödie
  • Laufzeit: 96 Min.
  • FSK: o.Al.
  • Buch: Karey Kirkpatrick, Clare Sera
  • Regie: Karey Kirkpatrick, Jason Reisig
  • Deutsche Sprecher: Kostja Ullmann, Aylin Tezel, Luise Befort, Chris Tall, Robert Hofmann
  • OT: Smallfoot (USA 2018)
Je turbulenter es in der Welt zugeht, desto mehr merkt man das üblicherweise auch den in dieser Zeit entstehenden Filmen an. Die US-amerikanische Kinolandschaft sieht seit der Trump-Wahl anders aus, als zur Amtszeit von Barack Obama. Nach dem Brexit arbeiteten sich britische Produktionen wie «The Party» an diesem einschneidenden Ereignis ab und Filme wie «Heil» hätte es in Deutschland wohl nie gegeben, wenn nicht der Rechtsruck schon vor einigen Jahren spürbar gewesen wäre. Selbst im Kinder- und Jugendkino hinterlassen derartige Entwicklungen ihre Spuren. Das beste Beispiel dafür: Detlev Bucks viertes «Bibi & Tina»-Abenteuer, das ursprünglich gar nicht erscheinen sollte und in das sich sogar eine sehr offensichtliche Trump-Karikatur verirrt hatte. Offiziell haben die Verantwortlichen von «Smallfoot» nie Stellung dazu bezogen, inwiefern ihr Animationsabenteuer vom weltpolitischen Chaos beeinflusst wurde, doch eines steht fest: Durch sein Erscheinen in diesen wilden Zeiten gewinnt die auf dem Kinderbuch «Yeti Tracks» von Sergio Pablos basierende CGI-Sause eine Brisanz und Aussagekraft, die vor einigen Jahren vielleicht nicht unbedingt gegeben wäre.

Das von den «The LEGO Movie»-Masterminds Phil Lord und Christopher Miller beaufsichtigte Projekt befasst sich auf familiengerechte Weise mit „Erwachsenenthemen“ wie Fake News, Vorurteilen und Klischees, vor allem aber damit, wie man sie überwinden und gegen sie ankämpfen kann. Das alles gelingt den Machern komplett ohne moralischem Zeigefinger – selbst wer mit seinem Kind einfach nur eine gute Zeit im Kino haben will, findet in «Smallfoot» ein mit Slapstick, Wortwitz und amüsanten Figuren vollgepacktes Abenteuer, das vereinzelt sogar Spurenelemente des typischen Lord/Miller-Humors enthält.

Es gibt keine Menschen!


Eines Tages entdeckt der aufgeweckte junge Yeti Migo (in der deutschen Fassung: Kostja Ullmann) etwas, das es angeblich gar nicht gibt – einen Menschen. Die Neuigkeit von diesem „Smallfoot“ löst in der einfachen Gemeinschaft der Yeti enorme Unruhe darüber aus, was es denn sonst noch in der großen Welt jenseits ihres verschneiten Dorfes gibt. Immerhin hält sich die Yeti-Gesellschaft seit jeher streng an die Regeln der Ältesten. Migos Neugier ist geweckt und lässt ihn zu einem halsbrecherischen Abenteuer aufbrechen, in dessen Verlauf er den sympathischen Menschenjungen Percy entdeckt, der bis vor kurzem dachte, Bigfoots seien nur eine Legende. Gemeinsam setzen sich die beiden dafür ein, dass die Menschen und die Yetis endlich aufeinander zugehen und Freunde werden…

Dass im Rahmen eines (Animations-)Films verschiedene Spezies aufeinandertreffen, die einander nach und nach kennen und verstehen lernen, ist erst einmal gar nichts so Besonderes. In dieser Grundidee bildet auch «Smallfoot» keine Ausnahme und erinnert von der Prämisse her sogar sehr deutlich an insbesondere zwei berühmte Franchises: In «Die Monster AG» treffen durch ein Missgeschick Menschen und Monster aufeinander, wobei sich schnell die Frage stellt, wer hier vor wem die größere Angst hat. Und ganz ähnlich geht es auch in «Hotel Transsilvanien» zu, wobei hier noch klarer formuliert ist, dass es in erster Linie die berühmten Filmmonster sind, die vor dem unbedarften Teenagerjungen Jonathan ganz schön Schiss haben. Schon in diesen beiden Filmen spielen die Macher sehr schön mit der Idee, wie durch das ständige Befeuern verschiedener Klischees das vorgefertigte Bild einer anderen Spezies aufrecht erhalten bleibt, bis das Vorurteil-Kartenhaus in sich zusammenbricht, als Mensch und Monster erstmals persönlich aufeinandertreffen.

«Smallfoot» spinnt diese Idee sogar noch weiter: Hier gibt es nicht bloß zwei voneinander vollkommen unabhängig lebende Gesellschaften (eine aus Menschen, eine aus Yetis), jede von ihnen hat sich für die jeweils andere auch noch eine eigene Legende zusammengesponnen. Der Mythos vom Bigfoot ist der, den man der echten Welt kennt; im Gegensatz dazu erzählen sich die Yetis vom Smallfoot – und beide schmücken ihre Legenden mit viel Fantasie aus.

Ein Plädoyer für ein friedliches Miteinander


Natürlich treffen in «Smallfoot» irgendwann beide Spezies aufeinander – und für sämtliche Altersklassen ergeben sich hieraus viele verrückte Situationen. Zum einen sind es die Verständigungsschwierigkeiten und das Entdecken der Gewohnheiten und Dinge des jeweils anderen, die für Missverständnisse, Chaos und dadurch eben auch viel Spaß sorgen. Zum anderen bemerkt man früh, dass die Autoren Karey Kirkpatrick und Clare Sera ihren smarten Hintergedanken von der sanften Verständigungsbotschaft gleichermaßen sensibel wie konsequent durchziehen. Das Besondere: Dadurch, dass wir die Ereignisse durch die Augen zwei sehr junger Protagonisten erleben, stellen uns die Macher immer wieder die Gesinnung der Konservativen (also der Dorfältesten) und der jungen, um Veränderung und Kommunikation bemühten Menschen und Yetis gegenüber. So amüsant viele Einzelszenen in «Smallfoot» auch sind, so ernst ist es den beiden Regisseuren Kirkpatrick («Ab durch die Hecke») und Jason Reisig (verantwortete die Animation von «Der gestiefelte Kater») mit ihrer Botschaft.

Das merkt man auch an dem Herzblut, das sie in die jeweiligen Filmelemente stecken. So bleiben sie erzählerisch und bei der Zeichnung ihrer Charaktere hier und da hinter dem Durschnitt zurück (einen Song darüber, wie es um die berufliche Situation von Abenteurer Percy bestellt ist, hätte es einfach nicht gebraucht – überhaupt sind die vereinzelten Gesangsdarbietung nicht einmal im Ansatz so kreativ geraten wie in vergleichbaren Filmen von Disney, zumal der Musical-Ansatz nicht einmal konsequent zu Ende gedacht wird). Wenn Yetis stolpern, mit voller Wucht gegen einen Felsen donnern oder eine Verfolgungsjagd in bester Slapstick-Manier außer Kontrolle gerät, dann richtet sich derart grobmotorischer Witz vornehmlich an die jüngeren Zuschauer – und immerhin funktioniert es.

Trotzdem ist «Smallfoot» noch weitaus smarter, wenn man sich auf den Hintersinn der Story konzentriert. Völlig ohne einen konkreten Antagonisten auskommend, erfährt das Publikum nach und nach, wo all die Vorurteile über die jeweils andere Spezies herkommen und machen es dadurch möglich, dass man sogar die Beweggründe und Gedanken derjenigen nachvollziehen kann, die sich der Kommunikation erst einmal verschließen. «Smallfoot» ist keine Anklage, kein Lehrfilm – aber er ist ein Paradebeispiel dafür, wie Filmemacher ihr Projekt unterschwellig mit mehr anreichen können, als nur mit Gags und einer harmlosen „Wenn Du nur willst, kannst Du alles schaffen!“-Message, wie sie gerade im Familienkino mittlerweile zum Usus geworden ist. Das lässt «Smallfoot» aus der Masse an Animationsproduktionen hervorstechen, was sich von der technischen Gestaltung nur bedingt behaupten lässt. Für eine CGI-Trickproduktion aus einem großen Major-Studio sieht der Film nämlich allenfalls solide aus (etwa vergleichbar mit dem letzten «Ice Age»-Film), kann mit der Detailverliebtheit großer Franchises aber nicht mithalten.

Dafür überzeugen die deutschen Synchronsprecher auf ganzer Linie. Während in der Originalfassung Namen wie Channing Tatum, James Corden und «Greatest Showman»-Star Zendaya mit an Bord sind, gehören hierzulande Kostja Ullmann («Mein Blind Date mit dem Leben») und Aylin Tezel («Liliane Susewind – Ein tierisches Abenteuer») zu den bekanntesten Namen im Sprachcast. Sie alle hauchen ihren Figuren authentisch Leben ein und erden dadurch auch die absurdesten Situationen, während sie dem Film in den ruhigen Momenten das notwendige Herz verleihen.

Fazit


«Smallfoot» ist unter den diesjährigen Animationsfilmen eine echte Entdeckung, denn in dem bisweilen ein wenig zu aufgedrehten Animationsabenteuer steckt eine subtile Verständigungsbotschaft, wie sie aktueller kaum sein könnte.

«Smallfoot» ist ab dem 11. Oktober in den deutschen Kinos zu sehen.

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