Die Kino-Kritiker

«Searching»: Ein Entführungsthriller, der sich auf dem Computerbildschirm abspielt

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Der Thriller «Searching» spielt sich komplett auf einem Computerbildschirm ab und zeigt, wie ein Vater versucht, seine Tochter zu finden.

Filmfacts: «Searching»

  • Regie: Aneesh Chaganty
  • Produktion: Timur Bekmambetov, Sev Ohanian, Natalie Qasabian, Adam Sidman
  • Drehbuch: Aneesh Chaganty, Sev Ohanian
  • Darsteller: John Cho, Debra Messing, Michelle La, Joseph Lee
  • Musik: Torin Borrowdale
  • Kamera: Juan Sebastian Baron
  • Schnitt: Nick Johnson, Will Merrick
  • Laufzeit: 102 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Mit dem zunehmenden Raum und der stetig wachsenden Bedeutung, die das Internet in unser aller Leben einnimmt, müssen sich kontemporäre Serien und Filme einer Herausforderung stellen: Wie erzähle ich meine Geschichte spannend und visuell ansprechend, wenn die Figuren immer wieder auf einen Bildschirm starren? Schließlich bremsen ständige Zwischenschnitte auf das, was die Figuren gerade auf ihrem Smartphone lesen oder tippen, die Narrative aus. Aber wenn sie ständig vorlesen, was auf ihrem Bildschirm steht, wird es unglaubwürdig …

Ein dieses Dilemma umschiffender Kniff, den unter anderem die BBC-Serie «Sherlock» populär gemacht hat, und der im modernen Filmvokabular allmählich derart alltäglich wird wie Überblendungen oder der Dutch Angle, ist folgender: Die relevanten Bildschirminformationen werden (gerne semi-transparent) über oder neben der gerade digitale Medien nutzenden Figur eingeblendet. Dies ist eine sehr künstlerische, da vollkommen von der realen Welt entrückte, bildästhetische Lösung, aber eine, die uns als Publikum bereits in Fleisch und Blut übergegangen ist: Wir verstehen intuitiv, was diese Bildkompositionen transportieren wollen und hinterfragen ihre Unwirklichkeit nicht weiter – vielleicht auch, da sie galanter sind als viele 'realitätsnahe' Alternativen.



Dem vollkommen entgegengesetzt ist das, was «Wächter der Nacht»-Regisseur Timur Bekmambetov 'Screenlife' nennt, eine filmische Bewegung, bei der schlicht alles rund um den Bildschirm herum ausgelassen wird. Statt sich um eine visuell ansprechende und erzählerisch harmonische, ausgewogene Balance zwischen 'realer Welt' und dem Bildschirmgeschehen zu kümmern, lassen Produktionen wie Nacho Vigalondos «Open Windows» die Welt abseits des Bildschirms aus und bemühen sich darum, das, was auf ihm zu sehen ist, authentisch aussehen zu lassen. Während Vigalondos Thriller mit Elijah Wood und Sasha Grey den normalen Filmsehgewohnheiten noch entgegenkommt und sich nur ein Stück weit mit Computer- und Interneteigenheiten auseinandersetzt, und ein Großteil der Erzählung via Webcam- und Überwachungskamera-Filmmaterial abwickelt, geht Levan Gabriadze in seinem Horrorfilm «Unknown User» bereits einen anderen Weg.

Als handle es sich um einen Found-Footage-Film, der schlicht festgehaltenes Screen-Capture-Material präsentiert, erzählt «Unknown User» eine Horrorgeschichte allein über Webcamaufnahmen, YouTube-Clips, Skype-Unterhaltungen und Chatlogs. Bei diesem Film wirkte Bekmambetov als Produzent mit, der sich seither als großer Verfechter der 'Screenlife'-Erzählform offenbart hat. Allein dieses Jahr produzierte er eine «Unknown User»-Fortsetzung, seine eigene Regiearbeit «Profile» sowie den Entführungsthriller «Searching», darüber hinaus hat er 14 weitere 'Screenlife'-Filme in Entwicklung.

Der «Wanted»-Regisseur und «Hardcore Henry»-Produzent betont in Präsentationen, 'Screenlife' sei kein Genre, sondern eine eigene Ästhetik des Filmemachens, innerhalb derer sich allerhand Geschichten verschiedener Genres erzählen ließen. Ähnlich wie im Found-Footage-Stil, der Schule von Dogma 95 oder in der konventionellen Machart. Und «Searching» suggeriert, dass diese Ästhetik tatsächlich das Potential hat, mehr als ein bloßes Gimmick zu bleiben. Denn Aneesh Chagantys Thriller nimmt sein Publikum durch die Höhen und Tiefen, die ein Vater nach dem Verschwinden seiner jugendlichen Tochter durchlebt – und lässt es dabei beeindruckend nah an die Gefühle des Protagonisten rücken.

Vermisstensuche 2.0


«Searching» erzählt dies nicht in Found-Footage-Logik, sondern benutzt typische Filmmethoden wie Rückblenden – bloß, dass sich der Film einzig und allein auf Material verlässt, das man auf einem Computer- oder Smartphone-Bildschirm sehen könnte. Im Mittelpunkt des Geschehens steht David Kim (ein ebenso verletzlicher wie sich allem Schmerz zum Trotz durchbeißender John Cho), ein zwar humorvoller Vater, der allerdings den Draht zu seiner Teenager-Tochter Margot (Michelle La) verloren hat. Eines nachts ruft sie ihn drei Mal hintereinander an, allerdings überhört David dies. Am nächsten Morgen versucht er, sie zurückzurufen – erfolglos. Kurz danach bemerkt er, dass Margot ihren Laptop in der Küche hat liegen lassen, was für sie völlig untypisch ist. Als David besorgt in Margots Schule anruft, und gesagt bekommt, dass sie nicht im Unterricht war, gerät er in Panik: Wurde Margot etwa entführt?

Der Rest des Films zeigt, wie David auf Anraten der ermittelnden Polizistin (Debra Messing) unter anderem auf Margots Laptop sowie in ihren Social-Media-Accounts nach Hinweisen sucht, was ihr widerfahren sein könnte. Regisseur Aneesh Chaganty, der außerdem zusammen mit Sev Ohanian das Drehbuch verantwortete, nutzt dabei, was in Film und Fernsehen ja noch immer nicht alltäglich ist, nahezu durchweg reale Webdienste: Facebook, Twitter, tumblr und Co., frei erfunden ist bloß ein Livestreamingdienst, der eng an reale Portale wie twitch angelehnt ist, jedoch eine übersichtlichere, filmisch attraktivere Benutzeroberfläche aufweist. Authentisch ist zudem die digitale Belesenheit der Hauptfigur:

Geschäftsmann David Kim weiß, mühelos Google-Spreadsheets einzurichten, ist ein findiger Problemlöser und versteht es, mit Geduld und Um-die-Ecke-denken Margots Accounts zu knacken, um mehr Informationen über ihren Verbleib zu sammeln, und wird auch sonst glaubwürdig gezeichnet. Er hat das Wissen und Können, dass man einem modernen Geschäftsmann Mitte 40 zuschreiben würde – sowie die Web-2.0-Wissenslücken, die man bei so jemandem erwarten würde. Durch diesen Aspekt der Charakterzeichnung erhöhen Chaganty und Ohanian konsequent das Spannungselement des Films, da Davids Webrecherche in sich stimmig und damit fesselnd ist: Obwohl das Mysterium und Margots Verschwinden filmisch-überspitzte, krimihafte Wenden nimmt, fängt der Großteil von «Searching» glaubwürdig und lebensnah ein, wie Eltern im Hier und Heute vorgehen würden, sollten ihre Teenager wie vom Erdboden verschluckt sein.

Auf dem Bildschirm – im Kopf der Hauptfigur


Durch die 'Screenlife'-Ästhetik zeigt Chaganty zudem immer wieder das Innenleben Davids auf eine effiziente Art und Weise, wie es konventionelle Filme nicht könnten: Mail- und Chattexte, die er schreibt, aber nicht abschickt, lassen das Publikum genauso an seinen Gedankengängen teilhaben, wie Einstellungen, die den gesamten (immer unaufgeräumter werdenden) Desktop enthüllen und so eine Momentaufnahme von dem bieten, was David gerade bewegt. Smart ist auch, wie Chaganty und seine Cutter Nick Johnson sowie Will Merrick durch sich ändernde Einstellungsgrößen und Kamerafahrten innerhalb des Bildschirmgeschehens einerseits der Gefahr visueller Monotonie vorbeugen, und andererseits das Auge des Publikums lenken. Der Cursor wird vielleicht in etwas unrealistischer Häufigkeit als 'Lesehilfe' benutzt, um auf handlungsrelevante Informationen hinzuweisen, dafür ist Torin Borrowdales Score eine unaufdringliche, effiziente atmosphärische Stütze für die emotionale Achterbahnfahrt, die David Kim hier durchläuft.

Nachdem der konventionell inszenierte «Slender Man» erst kürzlich noch einmal vor Augen geführt hat, wie zäh und dröge Spannungsgeschichten 2.0 sein können, beweist «Searching» nun, dass sich allein mit Bildschirmen Geschichten erzählen lassen, die spannend sowie berührend sind. Der detailreiche Thriller holt das Publikum da ab, wo es eh täglich mehrere Stunden verbringt, und nutzt sein vermeintliches Gimmick clever, intuitiv und mitreißend. Ganz wichtig: Bloß nicht auf den Gedanken hören "Wenn «Searching» eh nur auf dem Computer spielt, kann ich ihn ja auch erst irgendwann mal auf dem Laptop gucken"! Chagantys packende Erzählung und seine leinwandfüllende Menge an Bildinformationen sind vollkommen kinotauglich und sollten daher, sofern möglich, im Lichtspielhaus bestaunt werden!

«Searching» ist ab sofort in einigen deutschen Kinos zu sehen.

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