Die Kritiker

«Der Tod und das Mädchen - van Leeuwens dritter Fall»

von

Der ZDF-Film will einen besonders schweren Fall von ausbleibender Gerechtigkeit erzählen, macht daraus aber ein populistisches Schmierstück.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Peter Haber als Bruno van Leeuwen
Marcel Hensema als Anton Gallo
Laura de Boer als Tess
Katharina Lorenz als Vicky Jacobs
Bruno Cathomas als Piet Martens
Mats Thiersch als Nils Martens
Barbara Auer als Maria Jacobs

Hinter der Kamera:
Produktion: Network Movie
Drehbuch: Nicole Armbruster
Regie: Hans Steinbichler
Kamera: Bella Halben
Produzenten: Bettina Wente und Wolfgang Cimera
Vor drei Jahrzehnten hat Piet Martens (Bruno Cathomas) die damals neunjährige Vicky entführt, vergewaltigt und dabei so bestialisch zugerichtet, dass sie noch heute an den körperlichen Folgen leidet, von den psychischen ganz zu schweigen. Dreißig Jahre lang konnte er nicht überführt werden, schien niemandem als Täter in Betracht gekommen zu sein.

Nun lässt ein neuer DNA-Test keinen Zweifel mehr. Kommissar van Leeuwen (Peter Haber) verhaftet Martens in der Kirche vor den Augen seiner Frau und seines Sohnes und bringt ihn aufs Revier. Doch zum Prozess wird es nicht kommen, wie seine eiskalt-rabiate Anwältin unmissverständlich klar macht. Nach niederländischem Recht ist der Fall verjährt. Vicky (Katharina Lorenz) kann es nicht fassen. In ihrer Wut setzt sie ihrem Vergewaltiger nach, zieht ihm eine Flasche über den Kopf und verletzt ihn damit schwer. So kommt es doch noch zum Prozess – nur dass nun Vicky auf der Anklagebank sitzt, für ihre Tat verurteilt wird und wegen dieser Vorstrafe auch noch ihren geliebten Job als Sportlehrerin los ist.

«Der Tod und das Mädchen» nimmt diese emotionale Zumutung zum Anlass für eine besonders unangenehme Darstellung des Spannungsfelds aus positivem Recht und Gerechtigkeit. An einer halbwegs realistischen Darstellung hat der Film indes keinerlei Interesse: Martens‘ kaltschnäuzige Anwältin darf „Einspruch!“ grölen – in niederländischen Gerichten so ungewöhnlich wie in deutschen, – wenn der gutväterliche Kommissar van Leeuwen detailliert die für den Fall unerheblichen Verletzungen von Vickys dreißig Jahre zurückliegender Vergewaltigung vorträgt, und als die unappetitlich rechtshörige Anwältin auch noch eine Entschuldigung der Täterin bei ihrem Mandanten fordert, geht ein theatralisches Raunen durch den Gerichtssaal.

Doch ein Raunen ist kein Rechtsstaat, und die Unverfrorenheit, mit der diese Szene ganze Regalmeter an Rechtsdogmatik in ein tumbes Gefühl pressen will, ist schwer erträglich. Die westliche Rechtsordnung basiert auf der Grundüberzeugung, dass auch der niederträchtigste Verbrecher denselben Schutz von Recht und Staat genießt wie jeder andere auch, dasselbe Recht auf körperliche Unversehrtheit, dasselbe Recht auf Sühne der gegen ihn verübten Verbrechen.

Das ist im Extremfall natürlich schwer vermittelbar. Doch «Der Tod und das Mädchen» will das gar nicht verstehen. Im Erzählstil eines Melodrams wäre es angesichts des hier geschilderten Falls auch nicht zu vermitteln. Das macht den hier gewählten Weg jedoch weder argumentativ noch logisch legitim. Vielmehr lässt dieser Umstand einzig den Schluss zu, dass ein solcher Stoff in einem solchen Duktus zwangsläufig zum unanständigen populistischen Schmierstück verkommt. Die ZDF-Serien «Verbrechen» und «Schuld» geben einen guten Eindruck, wie mit solchen Themen stattdessen zu verfahren ist, dramaturgisch effektiv und emotional einnehmend.

«Der Tod und das Mädchen» lässt stattdessen in einem Plot-Twist Piet Martens spurlos verschwinden und Vicky ins Visier der Ermittler geraten. Doch auch hier stößt der Film nicht recht zu seinem eigentlichen Untersuchungsfeld durch: der alten Schuld ohne Sühne, und der ständigen Präsenz von Tat und Täter im Leben des Opfers. Beide Themen haben immenses dramatisches Potential und laden ein zu einer tiefgreifenden Charakterstudie. Doch auch hieran zeigt dieser Film bestenfalls ein oberflächliches Interesse, lässt kurz die gängigen Motive auftreten – die Wand des pädophilen Täters wird beschmiert, sein Sohn in der Schule beschimpft, und Vicky zeigt noch heute jedes exzessiv darstellbare innerliche wie äußerliche Symptom einer posttraumatischen Belastungsstörung, – ohne aus ihnen eine kohärente Geschichte und einnehmende Charaktere schaffen zu können.

Das ZDF zeigt «Der Tod und das Mädchen – Van Leeuwens dritter Fall» am Montag, den 17. September um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/103790
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