Die Kino-Kritiker

«Vollblüter» - Unkontrollierbar!

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In Cory Finleys Regiedebüt «Vollblüter» repräsentieren zwei junge Mädchen die ganze Verderbtheit ihrer Generation. Die Tragikomödie ist voll von bitterbösem Humor und niederschmetternder Tragik, befeuert von zwei grandiosen Hauptdarstellerinnen.

Filmfacts: «Vollblüter»

  • Start: 09. August 2018
  • Genre: Komödie/Drama/Crime
  • Laufzeit: 92 Min.
  • FSK: 16
  • Kamera: Lyle Vincent
  • Musik: Erik Friedlander
  • Buch und Regie: Cory Finley
  • Darsteller: Anya Taylor-Joy, Olivia Cooke, Anton Yelchin, Paul Sparks, Francie Swift
  • OT: Thoroughbreds (DE 2018)
Der Filmtitel «Vollblüter» leitet sich von dem Temperament der gleichnamigen Pferde ab. Die vor allem auf der Rennbahn zum Einsatz kommnenden Tiere sind hochsensibel, elegant und heißblütig, gleichzeitig aber auch robust und genügsam. Das sind alles Attribute, die auch auf die beiden in den Tag hinein lebenden, luxusverwöhnten Frauen zutreffen, um die sich in dem Film alles dreht. Gleichzeitig spielen auch die Tiere selbst eine symbolische Rolle, über die wir an dieser Stelle jedoch nicht allzu viel verraten wollen. Direkt in der ersten Szene sehen wir zumindest ein Mädchen und ein Pferd, Stirn an Stirn gegenüberstehen – eine an Harmonie kaum zu übertreffende Szene, die jedoch mit einem Schlag beendet wird, als die Kamera andeutet, dass das Leben des Tieres durch ein Messer im nächsten Moment ein abruptes Ende finden wird.

Cory Finley, Drehbuchautor und Regisseur in Personalunion, spielt frühzeitig mit den Erwartungen seines Publikums und sorgt so dafür, dass man die beiden Protagonistinnen von Anfang an nur schwer einschätzen kann – schon wenig später kommt raus: Tatsächlich war es eines der Mädchen, das ihr verkrüppeltes Reitpferd mit dem Messer niedergemetzelt und dabei nicht die kleinste emotionale Regung verspürt hat.

Die Eine fühlt alles, die Andere nichts


Zu Schulzeiten waren Lily (Anya Taylor-Joy) und Amanda (Olivia Cooke) beste Freundinnen, eh sie sich durch den frühen Tod von Lilys Vater aus den Augen verloren. Umso überraschter ist Amanda, als ihre ehemalige Seelenverwandte eines Tages unvermittelt auf ihrer Matte steht und behauptet, ihr Nachhilfe geben zu wollen. Amanda ahnt nicht, dass ihre Mutter Lily zu dieser Verabredung überredet hat, um die Freundschaft der beiden Mädchen wieder neu zu entfachen. Tatsächlich entwickelt sich aus diesem unfreiwilligen Treffen eine emotionale Beziehung, die die beiden Mädchen wieder viel Zeit miteinander verbringen lässt. Eines Nachmittags verrät Amanda ihrer Freundin schließlich ein großes Geheimnis: Das Mädchen ist nicht in der Lage, Emotionen zu empfinden und weiß nicht, wie es sich anfühlt, glücklich, traurig oder wütend zu sein. Lily ist das genaue Gegenteil: Sie reagiert schon auf kleinste Veränderungen mit emotionalen Schwankungen und nimmt das Verhalten ihrer Mitmenschen ganz genau wahr.

Als ihr Stiefvater Mark (Paul Sparks) eines Tages droht, Lily ins Internat zu schicken, wird aus der spontanen Idee, ihn umzubringen, nach und nach ein genauer Plan. Sie wollen den Drogendealer Tim (Anton Yelchin in seiner letzten Rolle) dazu bringen, den Mord zu begehen und gehen dafür bis zum Äußersten…

Womit wir auch schon beim eigentlichen Thema des Films wären: Amanda und Lily, herausragend ätzend und in ihrem Verhalten gleichwohl jederzeit nahbar gespielt von Anya Taylor-Joy («Split») und Olivia Cooke («Ready Player One»), sind zwei Mädchen aus wohlhabenden Elternhäusern, die den ganzen Tag abhängen und dabei vorwiegend bedeutungsschwanger über das Leben sinnieren. Die beiden betont minimalistisch und gefühlskalt aufspielenden Newcomerinnen sind längst im Genrekino zuhause und schaffen es, im Laufe der knappen zwei Stunden die widersprüchlichen Facetten ihrer Figuren klar herauszuarbeiten. Denn in Wirklichkeit stecken die auf den ersten Blick so oberflächlichen jungen Frauen voller unterschwelliger Gelüste und wissen ganz genau, was sie wollen. Das Problem: So richtig aus ihrer Haut können sie beide nicht. Der Einen ist es gleichgültig (Amanda fühlt nichts), die Andere (Lily fühlt alles) geht daran fast kaputt.

«Vollblüter» zeigt, was passiert, wenn auf das permanente Zusammenreißen schließlich das Loslassen folgt – aller Konsequenzen zum Trotz. Und damit ebendiese Konsequenten ihre volle, niederschmetternde Wirkung entfalten, wendet Cory Finley zunächst viel Zeit dafür auf, seine beiden, den Großteil des Films allein bestreitenden Protagonistinnen bei langen Gesprächen zu zeigen.

Ein perfektes Gespür für Stimmung und Design


Nicht alles davon ist besonders aussagekräftig und wirkt daher ganz besonders lebensecht. Denn manchmal albern die zwei eben auch einfach nur herum, oder lassen sich zu oberflächlichen Gedankenspielen hinreißen, was «Vollblüter», anders als das zeitweise einfach zu perfekt wirkende Dialogwechselspiel «303» deutlich authentischer wirken lässt. Hier hat nicht Jeder automatisch eine Antwort auf sein Gegenüber parat, sondern muss stattdessen auch schon mal überlegen, abwägen und im Zweifelsfall passen. Gleichzeitig hat jedes einzelne Wort den Wert eines Puzzleteils, die der Regisseur im Rahmen von vier unterschiedlichen Kapiteln nach und nach zusammenfügt. «Vollblüter» ist trotz seines dramaturgischen Aufbaus, dessen Höhepunkt ein zuvor lang geplantes Gewaltverbrechen ist, kein bloßer Thriller, sondern in erster Linie ein Charakterdrama, das auch davon lebt, die Hauptfiguren einfach nur beim „Sein“ zu zeigen. Und das ist richtig so, denn die große Gefühlsregungen bleiben bei diesen beiden Grazien nun mal aus und so muss man sich eben anhand anderer Details sein Bild von ihnen machen.

Eine der spannendsten Fragen des gesamten Films ist beispielsweise, inwiefern der verhasste Mark denn überhaupt eine Bedrohung für die Mädels darstellt, was sich vor allem an Details innerhalb der Interaktion zwischen ihm und den jungen Frauen zeigt.

Das besagte Verbrechen ist nicht bloß der erzählerisch wichtigste Moment im gesamten Film. Der Moment, in dem schließlich Nägel mit Köpfen gemacht werden (so viel können wir verraten: Der eigentlich von den beiden Mädels angeheuerte Mörder, den Anton Yelchin («Green Room») mit einer bemerkenswerten Diversität verkörpert, hat letztlich doch nicht den Mumm, den verhassten Stiefvater um die Ecke zu bringen), gehört zu den brillantesten Szenen des aktuellen Kinojahres und katapultiert Cory Finley direkt mit an die Spitze der aufregendsten Neu-Regisseure unserer Zeit. Das hat auch viel mit der Optik zu tun: «Vollblüter» ist in seiner visuellen Geradlinigkeit und dank eines genauen Blicks für Proportionen und Bildaufteilung (Kamera: Lyle Vincent, «A Girl Walks Home Alone at Night») von Anfang an ein spektakulärer Film.

Später lässt Finley den blutigen Exzess im Off stattfinden – also jene Szene, auf die er eineinhalb Stunden lang hingearbeitet hat. Dadurch animiert er den Zuschauer nicht bloß selbst dazu, sich das Grauen vorzustellen, er verlangt zwangsläufig auch, sich noch einmal ins Gedächtnis zu rufen, was bis zu diesem Punkt alles passiert ist, sodass man sich grob ein Bild davon machen kann, wie weit das Mädchen außerhalb unseres Blickfeldes da wohl gerade gehen dürfte. Als er das Szenario schließlich auflöst, hat er den ultimativen Thrill dadurch hervorgerufen, absolut nichts zu zeigen – denn das musste er nicht, er hat zuvor schon genug Indizien für das gestreut, was da vor sich geht.

Fazit


Cory Finley legt in seinem bitterbösen Debüt «Vollblüter» einen bemerkenswerten Stilwillen an den Tag und treibt seinen herausragenden Cast zu Höchstleistungen an. Hier hat selbst manch zähe Minute ihre absolute Daseinsberechtigung.

«Vollblüter» ist ab dem 2. August in den deutschen Kinos zu sehen.

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