Die Kino-Kritiker

«Hotel Artemis» - Der kleine Bruder von «John Wick»

von   |  1 Kommentar

Drew Pearces «Hotel Artemis» wirkt wahlweise wie das vor einiger Zeit angekündigte «John Wick»-Spin-Off oder der Auftakt zu einer Serie. Und da haben wir auch schon das Problem, denn der fiebrige Noir-Thriller ist nun mal weder das eine, noch das andere.

Filmfacts: «Hotel Artemis»

  • Start: 26. Juli 2018
  • Genre: Thriller/Action
  • Laufzeit: 94 Min.
  • FSK: 16
  • Kamera: Chung-hoon Chung
  • Musik: Cliff Martinez
  • Buch und Regie: Drew Pearce
  • Darsteller: Jodie Foster, Sofia Boutella, Dave Bautista, Charlie Day, Jeff Goldblum, Sofia Boutella, Zachary Quinto
  • OT: Hotel Artemis (UK/USA 2018)
Auf die Frage, wie Regisseur und Drehbuchautor Drew Pearce («Iron Man 3») reagiert hat, als er erfuhr, dass die Reaktionen auf den ersten Trailer seines neuen Films «Hotel Artemis» vornehmlich darin bestanden, dass er viele an die beiden Keanu-Reeves-Actionkracher «John Wick» und «John Wick: Kapitel 2» erinnern würde, gab dieser jüngst zu Protokoll, dies durchaus als Ehre zu empfinden. Er möge die Arbeit von David Leitch und Chad Stahelski, wisse aber auch, dass sich durch diese hervorgerufene Erwartungshaltung möglicherweise später eine Ernüchterung beim Kinopublikum einstellen könnte. Wir kennen das nur zu gut, Stichwort «Drive» oder, um ein ganz junges Beispiel zu nennen, «Hereditary». Es ist aber auch einfach zu verlockend, einen Film mit einem möglichst massentauglichen Trailer zu bewerben und dadurch viele Menschen in die Kinos zu locken. Selbst wenn sie am Ende enttäuscht sind, haben sie schließlich immerhin Geld für ein Kinoticket hinterlassen.

In den USA ist diese Strategie noch nicht mal aufgegangen. «Hotel Artemis» hat nicht einmal seine mickrigen Produktionskosten von gerade einmal 15 Millionen US-Dollar wieder eingespielt – und das trotz Starpower einer extra für dieses Projekt aus dem Ruhestand zurückgekehrten Jodie Foster («Der Gott des Gemetzels»). Man kann es irgendwie verstehen: «Hotel Artemis» ist nicht schlecht und heutzutage schaut man lieber einen mittelmäßigen Film, der immerhin ambitioniert erzählt und inszeniert ist, als den x-ten gleichgeschalteten Mega-Blockbuster. Aber Pearce hätte hier durchaus auch sowas wie der ganz große Wurf gelingen können, von dem sein Film leider weit entfernt ist.

Ein Hospital für Gangster


Im Los Angeles des Jahres 2028 versinken die Straßen der Stadt im Chaos eines außer Kontrolle geratenen Bürgeraufstands: Für Waikiki (Sterling K. Brown) und seine Kumpanen die perfekte Gelegenheit eine Bank zu überfallen. Als ihr Raubzug vom Kugelhagel der Polizei unterbrochen wird, bleibt der schwerverletzten Gang nur ein Ort, an den sie sich retten kann: Hotel Artemis – ein längst zum Mythos erklärtes, geheimes Krankenhaus für Schwerverbrecher. Unter der Obhut der Schwester (Jodie Foster) und ihres Assistenten (Dave Bautista) glaubt sich Waikiki zunächst sicher. Doch der wahre Ärger beginnt, als plötzlich weitere Outlaws im Hotel einchecken…

Die Haupt„figur“ von «Hotel Artemis» ist ohne Zweifel das titelgebende Hotel, das allerdings eher einem Krankenhaus gleicht. Und genau hierin liegt dann eben auch der Grund, weshalb man durchaus davon ausgehen könnte, «John Wick» und «Hotel Artemis» entstammen demselben Filmuniversum. Auch in den Reeves-Vehikeln gibt es schließlich ein Hotel (das Continental), in das sich jeder noch so abgebrühte Auftragskiller zurückziehen kann, um hier für eine Weile garantierte Sicherheit zu finden. Was passiert, wenn man sich gegen die hier wie dort sehr strengen Benimmregeln auflehnt, sehen wir spätestens am Ende von «John Wick 2», als sich Keanu Reeves‘ schweigsamer Killer dazu entschließt, gegen das Tötungsverbot zu verstoßen. Erst dieser Schritt sorgt überhaupt dafür, dass wir in einem Jahr bereits den dritten «John Wick»-Film zu sehen bekommen werden. Im Artemis ist es verboten, das Personal zu beschimpfen, Waffen mitzubringen und andere Patienten abzumurksen – es bedarf keiner näheren Ausführungen, dass all das im Laufe der folgenden 95 Minuten mindestens einmal passieren wird. Schließlich befinden wir uns im Los Angeles einer fernen Zukunft, wo vor den Türen des Artemis die Anarchie tobt.

Aufgezogen wie ein Kammerspiel, ist Drew Pearce allerdings vorwiegend daran interessiert, was sich im Inneren des prunkvoll eingerichteten Gebäudes abspielt. Zwar erfahren wir immer mal wieder vereinzelt, wie sich die Lage auf den Straßen dramatisch zuspitzt, doch ein Gespür für die Welt an sich bekommt man in «Hotel Artemis» nur bedingt; auch weil die Gründe für den Absturz der Gesellschaft vage bleiben.

Ein ambitionierter Noir-Thriller, der nicht so richtig aus dem Quark kommt


Drew Pearce verlangt von seinem Publikum absolute Aufgeschlossenheit gegenüber der Situation. Wie es gelingen konnte, eine derartige Institution so lange aufrechtzuerhalten, ohne dass hier jemals das völlige Chaos ausgebrochen ist, sollte man daher ebenso wenig hinterfragen wie die Sinnhaftigkeit hinter dem Interieur des Krankenhauses. Vieles an «Hotel Artemis» ist Spielerei, der Regisseur und Autor konnte sich in seiner Fantasie zu dieser Prämisse so richtig austoben, sodass man sich an den einzelnen Krankenzimmern (allesamt jeweils eingerichtet wie ein anderer Ort auf der Welt), genauso wie an diversen futuristischen Gadgets einfach nicht sattsehen kann. Da ist es letztlich auch völlig egal, dass vermutlich nur wenig davon einer Überprüfung auf die Einhaltung logischer Grundsätze standhalten würde; den Verantwortlichen lag eben zu recht mehr daran, ein möglichst exotisches Setting zu schaffen, das einfach nur in der hier dargebotenen Welt funktionieren muss.

Schade ist allerdings, dass Pearce ziemlich wenig daraus macht, denn ohne von ihm zu verlangen, aus «Hotel Artemis» einen generischen 08/15-Actioner zu machen, braucht er für seine Variation des bleihaltigen Noir-Thrillers (der eben gar nicht so bleihaltig ist, wie das Marketing ihn verkauft!) einfach viel zu lange, bis endlich einmal etwas passiert. Bis zum finalen Shootout ist nämlich der Großteil des Films schon wieder vorbei und so wahnsinnig viel über die das Artemis bewohnenden Zeitgenossen haben wir bis dato immer noch nicht erfahren.

Ein wenig wirkt «Hotel Artemis» dadurch wie der Auftakt zu einer (definitiv ambitionierten) Fernsehserie: In diesen eineinhalb Stunden werden viele spleenige, exzentrische und damit potenziell spannende Charaktere eingeführt. Sie tauschen sich aus, man erfährt aus den Dialogen grob etwas über ihre Hintergründe, aber kaum glauben wir, uns annähernd ein Bild von ihnen und ihren Beweggründen machen zu können, läuft im letzten Drittel schließlich alles auf eine möglichst allumfassende Eskalation hinaus – als hätte man die zehn Minuten der letzten Folge an die 70 Minuten der ersten rangehängt. Das ist schade, da so der Eindruck entsteht, zwischen der Einführung der Kulisse und dem finalen Shootout würde eigentlich gar nicht so wirklich was passieren. Und wer sich von «Hotel Artemis» ohnehin so etwas wie ein „«John Wick» mit Jodie Foster“ erhofft hat, wird so oder so enttäuscht.

Was abseits der audiovisuellen Gestaltung hingegen funktioniert, ist das stete Schüren anwachsenden Unbehagens. Je mehr Figuren das Artemis bewohnen, desto mehr lässt sich erahnen, dass hier irgendwann die Fetzen fliegen müssen. Jodie Foster als gleichermaßen eigenbrötlerische wie aufopferungsvolle Krankenschwester hält das instabile Gefüge zusammen und wirkt neben einer unnahbar-verführerischen Sofia Boutella («Die Mumie»), dem zwielichtig aufspielenden Charlie Day («Pacific Rim: Uprising») und Jeff Goldblum («Jurassic World 2») als ihr cholerischer Vorgesetzter wie der Fels in der Brandung, was den Film darstellerisch auf die qualitative Ebene seiner Inszenierung hebt. Schade, dass das Skript da nicht mithalten kann.

Fazit


«Hotel Artemis» ist Noir-Thriller-Kino mit vereinzelten Actionanleihen, das mehr auf Dialoge und eine angespannte Atmosphäre setzt, als darauf, mit den vielversprechenden Figuren eine ihnen ebenbürtige Geschichte zu erzählen.

«Hotel Artemis» ist ab dem 26. Juli in den deutschen Kinos zu sehen.

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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
26.07.2018 21:03 Uhr 1
Woher weißt de, daß Jodie Foster im Ruhestand war?? Das Sie nur gut alle 2-3 Jahre einen Film dreht ist doch auch schon lange bekannt!

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