Die Kino-Kritiker

«Catch Me!»: Nach einer wahren Geschichte - echt jetzt!

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In der irren Komödie «Catch Me!» geht es um eine Gruppe von Freunden, die seit über 30 Jahren regelmäßig „Fangen“ spielt und für einen Sieg zu hanebüchenen Mitteln greift – basierend auf einer wahren Geschichte.

Filmfacts: «Catch Me!»

  • Start: 26. Juli 2018
  • Genre: Komödie/Action
  • Laufzeit: 100
  • FSK: 12
  • Kamera: Larry Blanford
  • Musik: Germaine Franco
  • Buch: Rob McKittrick, Mark Steilen
  • Regie: Jeff Tomsic
  • Darsteller: Annabelle Wallis, Ed Helms, Hannibal Buress, Isla Fisher, Jake Johnson, Jeremy Renner, Jon Hamm, Rashida Jones, Steve Berg, Nora Dunn
  • OT: Tag (USA 2018)
Manche Geschichten sind so irre, dass man sie in fiktionalisierter Form selbst dem fähigsten Drehbuchautor um die Ohren hauen würde. Und seien wir einmal ehrlich: Würde uns Jemand davon erzählen, dass es da in den USA seit Jahrzehnten eine Männerclique gibt, die sich einmal jährlich im Fangenspielen (auf Englisch «Tag», wie auch der Originaltitel) duelliert, was mitunter so weit geht, dass sich die Kerle bei der Geburt ihres Kindes oder der Beerdigung des eigenen Vaters zum Mitspielen auffordern, wir würden es nicht glauben. Deshalb verweist der Trailer von «Catch Me!» auch direkt doppelt darauf, dass die darin stattfindenden Ereignisse auf wahren Gegebenheiten beruhen und als ginge man davon aus, dass einem das im Laufe des Films ohnehin keiner mehr glaubt, packt Regisseur Jeff Tomsic («This Is Not Happening») die Originalaufnahmen der absurdesten Momente noch hinten ran. «Catch Me!» auf einem Artikel im Wall Street Journal: «It Takes Planning, Caution to Avoid Being it» begann ursprünglich mal als Geschäftsführerporträt über einen der Mitspielenden. Die Arbeit daran eskalierte dann allerdings im Zuge der Arbeiten und am Ende wurde aus dem Bericht eine über die US-Grenzen hinaus bekannte Reportage über erwachsene Männer die «Tag» spielen.

Regisseur Tomic erkannte darin nachvollziehbarerweise das Potenzial für einen Kinofilm, genauso wie sich Teile des Ensembles ausschließlich über die Prämisse selbst zum Projekt locken ließen. Stargespickt und mit viel Sinn fürs Alberne ergibt das mit «Catch Me!» eine stimmungsvolle Comedy mit einigen herausragend inszenierten Actionsequenzen und einem fantastischen Cast.

Tick, du bist!


Eine Gruppe von Freunden spielt seit rund 30 Jahren das Kinderspiel „Fangen“. Was einst ganz normal auf dem Spielplatz anfing, hat sich zu einer bizarren Jagd weiterentwickelt. Obwohl sie mittlerweile sehr weit voneinander entfernt wohnen, scheuen die Kumpels dabei keine Kosten und Mühen. Jede noch so verquere Idee ist erlaubt bei dem Spiel, das sie jedes Jahr jeweils im Mai veranstalten. Wer gerade der Fänger ist, reist auch mal quer durchs Land, damit er bei einem anderen einbrechen oder hinter einem Busch vorzuspringen kann, um ihn mit einer Berührung zum neuen Fänger zu machen. In diesem Jahr steht die Hochzeit des einzigen bislang unbesiegten Mitspielers Jerry (Jeremy Renner) an. Seine Kumpels Callahan (Jon Hamm), Chilli (Jake Johnson), Hoagie (Ed Helms) und Sable (Hannibal Buress) hoffen, ihn endlich in die Finger zu bekommen. Doch der Champion ist natürlich vorbereitet…

«Catch Me!» startet zwar mit einer kurzen Sequenz, in der die Wertigkeit des Fangenspielens für unser aller Erwachsenwerden erklärt wird, doch die eigentliche Geschichte beginnt im Büro des Firmenbosses Bob Callahan, als dieser sich gerade für ein seriöses Interview mit der Wall-Street-Journalistin Rebecca Crosby (Annabelle Wallis) bereit macht. Im nächsten Moment sehen wir Hoagie, der zuvor noch bei einem Einstellungsgespräch eine Jobzusage als Reinigungskraft erhielt, damit er sich nun mit Maske und Perücke Zugang zum Büro seines besten Kumpels verschaffen kann. Das Ziel: ihn „fangen“. Bereits in dieser Einstiegsszene erkennen wir das Ausmaß der so abstrusen Prämisse: Hier unternehmen tatsächlich ein paar erwachsene Männer alles, um bei einem Kinderspiel nicht zu verlieren; auch wann das im Notfall eben die Bewerbung und Einstellung bei einem Unternehmen bedeutet. Das mag bei aller Absurdität auch befremdlich wirken, doch für die Autoren Rob McKittrick («Abserviert») und Mark Steilen («The Settlement») steht von Anfang an nicht nur die Betonung des Verrückten im Mittelpunkt, sondern auch die Auswirkungen dessen.

Die Kumpels Callahan, Chilli, Hoagie, Sable und Jerry laufen beim Tag-Spiel zwar vorwiegend voneinander weg, doch in erster Linie geht es darum, dass sie durch diese gemeinsame Aktivität jedes Jahr einen Grund dazu haben, einander wiederzusehen. Und in diesen Kreis der erlesenen Mitspieler schaffte es seit der 9. Klasse daher auch kein Neuling (was übrigens auch die nachvollziehbare Abwesenheit weiblicher Mitspielerinnen erklärt).

Actioncomedy mit Staraufgebot


Ed Helms («Vacation – Wir sind die Grieswolds»), Jon Hamm («Baby Driver»), Lil Rel Howery («Get Out»), Jake Johnson («Die Mumie») und nicht zuletzt Jeremy Renner («Wind River») bilden eine eingeschworene, darstellerisch hervorragend aufeinander abgestimmte Clique, die vor allem in den rasanteren (Action-)Sequenzen bis zum Äußersten geht. Eine der Folgen dieser aufopferungsvollen Arbeit: Jeremy Renner brach sich am ersten Drehtag den Ellbogen und konnte fortan nur noch eingeschränkt an ausgiebigen Stuntchoreographien mitwirken. Trotzdem ist Renner der Genuss an seiner zwischen Arroganz, kindischer Freude und enormem Ehrgeiz changierenden Rolle jederzeit anzumerken. Seine in Superzeitlupe gefilmten Fights gegen seine ihn fangen wollenden Freunde gehören zu den besten Szenen von «Catch Me!» und machen darüber hinaus auch erzählerisch deutlich, dass es durchaus Sinn macht, dass Jerry in dreißig Jahren von Niemandem gefangen wurde. Renners Actionheldqualitäten besitzende Figur hat sich eine ganz eigene Technik angeeignet, um zu jedem Zeitpunkt auf ihn attackierende Angreifer vorbereitet zu sein.

Wenn diese wieder einmal gefruchtet und er seine Widersacher erfolgreich aufs Kreuz gelegt hat, genehmigt er sich schließlich immer noch ein paar belehrende Worte, aus denen nichts als Stolz spricht. Der unbedingte Wille seiner Kumpels, diesem zwar liebenswürdigen, das Maul aber immer mal wieder einen Tick zu weit aufreißenden Jerry endlich das spielerische Handwerk zu legen, ist die Triebfeder von «Catch Me!» und funktioniert ab jenem Moment hervorragend, in dem er dann auch endlich das erste Mal aufs Parkett treten darf. Der Einstieg gestaltet sich aufgrund einer Aneinanderreihung von recht beliebig inszenierten „Wir trommeln alle zusammen!“-Szenen leider ein wenig zäh.

Trotzdem funktioniert das „Konstrukt «Catch Me!»“ am Ende dann aber doch die meiste Zeit über. Daran ist neben der Performance der Schauspieler nicht bloß Isla Fisher («Nocturnal Animals») als Hoagies bemerkenswert toughe (und laute!) Ehefrau Anna Schuld, die die Regeln des Spiels fast noch mehr verinnerlicht hat, als ihre männlichen Freunde. Es ist vor allem das irrsinnige Tempo, von dem «Catch Me!» im Gesamten profitiert. Nachdem die Komödie zunächst noch ein wenig schleppend in Gang kommt, reiht sich eine halsbrecherische Fangaktion an die nächste, bei der die Jungs über einen fast leeren Golfplatz, durch gruseliges Moor und schließlich in eine Kirche getrieben werden. Immer im Hintergrund: die Szenerie der Hochzeit, zu der für das Tag-Spiel besondere Regeln aufgestellt werden. Schließlich will Jerry ganz in Ruhe seine Liebste ehelichen, ohne Angst haben zu müssen, vor dem Traualtar gefangen zu werden. Ob ihm das am Ende doch geschieht, sei an dieser Stelle nicht verraten. Nur so viel: Es kommt alles anders, als man denkt.

Vergleicht man «Catch Me!» mit einer der besten Komödien des laufenden Kinojahres, so mangelt es ihm im Vergleich zu «Game Night» nur ein wenig an der grundsätzlichen, technischen Brillanz. In der Spieleabend-Comedy mit Rachel McAdams Jason Bateman wirkte jede Kamerafahrt bis ins kleinste Detail durchdesignt. In «Catch Me!» stechen die Kampfszenen in Slow-Motion nun vor allem deshalb so heraus, weil der Rest visuell nicht allzu viel hermacht. Geschenkt: Dem Spaß am Zuschauen tut das dennoch keinen Abbruch.

Fazit


«Catch Me!» lebt zu fünfzig Prozent von seiner irrwitzigen Prämisse und zu 50 Prozent davon, dass die Darsteller alles geben, um diese zum Leben zu erwecken. Ein paar visuelle Kabinettstückchen geben außerdem Pluspunkte in der B-Note.

«Catch Me!» ist ab dem 26. Juli bundesweit in den deutschen Kinos zu sehen.

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