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«Zahltag!»: RTL und Bessin nutzen den Koffer voller Chancen

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Mit einem ungewöhnlichen Sozialexperiment frischt der Privatsender sein Dienstagsprogramm nun merklich auf. Das ist sehenswert, emotional und weit mehr als nur ein Mitläufer eines Fernsehtrends. Über eine Sendung von Relevanz und mit Konfliktpotenzial, ohne sich den Niederungen des Krawalls hinzugeben.

Weitere geplante RTL-Sozialdokus

  • am 7. August zeigt der Sender vorerst einmalig «2 Familien 2 Welten», in der eine wohlhabende und eine von Hart IV lebende Familie Einblicke in ihre jeweilige Welt geben
  • schon am 31. Juli ersetzt zudem «Reich trifft Arm - Das Sozialexperiment» das nach zwei Wochen endende «Deutschland direkt»
Die Fußball-WM ist vorbei, die ersten Privatsender finden ihre Ambitionen wieder, in ihr Programm zu investieren. Besonders spannend mutet in gleich mehrerer Hinsicht der Dienstagabend-Neustart «Zahltag! Ein Koffer voller Chancen» auf RTL an: Erstmals seit langem verzichtet der Privatsender über mehrere Wochen hinweg auf das Seriengenre, das zuletzt allerdings auch nur noch selten für vollumfänglich glückliche Gesichter bei den Programmverantwortlichen gesorgt hatte. Nachdem diese erste Überraschung verklungen war, erstaunte man Mitte vergangener Woche mit der Ankündigung, nicht erst am letzten, sondern bereits am dritten Juli-Dienstag erstmals auf die neue Sendung setzen zu wollen - obwohl etwa Programmzeitschriften gar nicht mehr in der Lage sind, diese Änderung zu berücksichtigen. Und dann lässt sich der Untertitel der Sendung natürlich auch vor allem auf eine zentrale Protagonistin der Sozialdoku - ein Genre, das übrigens der kleine Schwestersender RTL II sehr erfolgreich an diesem Sendetag etabliert hat - übertragen: Ilka Bessin.

Denn auch für sie bietet die Partizipation an dem von Endemol Shine Germany produzierten Format sprichwörtlich einen Koffer voller Chancen, ist es ihr doch in den vergangenen beiden Jahren bestenfalls in Ansätzen gelungen, sich in der medialen Wahrnehmung ihrer Kunstfigur Cindy aus Marzahn zu entledigen und als ernsthafte Reporterin zum Themenspektrum soziale Ungleichheit wahrgenommen zu werden. Hier aber darf sie nun neben dem Politiker und Sozialexperten Heinz Buschkowsky sowie dem Gründungsexperten Felix Thönnessen ebenfalls eine Expertenrolle einnehmen und die teilnehmenden Familien auf ihrem Weg raus aus der Sackgasse Hartz IV begleiten. Die Idee: Arbeitslose bekommen ihre Leistungen vom Amt nicht monatlich ausgezahlt, sondern den gesamten Brutto-Jahresbezug (je nach Größe der Familien zwischen ca. 25.000 und 35.000 Euro) auf einmal vorgelegt und sollen sich damit frei von den ganz großen Geldsorgen eine neue Existenz aufbauen können - gemeinsam mit den drei Experten, wenn sie deren Hilfe erbitten, oder gänzlich auf sich alleine gestellt. Ein starkes Konzept, das RTL bereits in der ersten Folge überwiegend überzeugend umgesetzt kriegt.


Relevante Grundidee, angenehm umgesetzt


Zunächst ist einmal an der Grundidee zu loben, dass sie viele mögliche Verläufe zulässt. Die Familien bekommen das Geld nämlich nicht einfach zusätzlich zu ihren Regelbezügen geschenkt, sondern müssen sich zugleich beim Arbeitsamt abmelden, womit nicht nur die monatliche Auszahlung hinfällig wird, sondern auch die sonst vom Amt getragenen Zusatzleistungen (etwa Zahlung der Miete). Man stellt den Teilnehmern also nicht nur einen Koffer voller Chancen hin, sondern auch einen voller Verantwortung, das Geld nicht einfach leichtfertig zu verprassen und am Ende des Experiments doch wieder von Sozialleistungen abhängig zu sein. Im Kontext der Diskussionen um visionäre Konzepte wie etwa das bedingungslose Grundeinkommen gibt diese Sendung also schon mal ein wenig Aufschluss darüber, wie (einige ausgewählte) Menschen in Anbetracht eines solchen Geldsegens ticken: Nutzen sie die Gelegenheit und bauen sie etwas auf, das bestenfalls nicht nur sie selbst, sondern auch die Gesellschaft nach vorne bringt oder ergötzen sie sich in Völlerei und Maßlosigkeit, bis sie wieder vor dem Nichts stehen?

Für die erste Folge beschränkt man sich bei der Antwortfindung auf zwei Familien, die beide mit emotionalen Vorstellungsfilmen als geeignete Kandidaten auserkoren werden: Ein Paar mit zwei kleinen Kindern, die unverschuldet in die Hartz-IV-Falle gerutscht sind, nachdem der Familienvater von einem Gerüst fiel und seine Tätigkeit als Maurer nicht mehr ausüben konnte. Und eine Mutter mit fünf (teilweise schon erwachsenen) Kindern, deren Männer sie mit den Zöglingen im Regen stehen ließ. Diese Fokussierung auf nur zwei Geschichten ist sehr zu begrüßen, da man als Zuschauer somit recht schnell eine Bindung zu den Familien aufbauen kann und nicht mit Personen und Geschehnissen überfrachtet wird. Und das ist insbesondere für eine private Fernsehsendung, die ja ganz wesentlich auch darauf abzielt, ihr Publikum zu unterhalten und berühren, ein starkes Gütekriterium.

Zumal «Zahltag!» ja zumindest teilweise auch davon lebt, dass der Zuschauer vor dem heimischen Fernsehgerät nur einer von vier Rezipienten ist, der das gefilmte Material von den Familien auf sich wirken lässt. Parallel dazu geben ja auch Bessin, Buschkowsky und Thönnessen ihre Eindrücke wieder, was sinnhaft nur dann funktionieren kann, wenn sie ähnlich umfangreiche Impressionen von den Familien dargeboten bekommen wie der Fernsehende. Insofern macht es Sinn, relativ viel Material von relativ wenigen Teilnehmern zu zeigen, um nicht den unbefriedigenden Eindruck aufkommen zu lassen, als TV-Zuschauer bekomme man ohnehin kaum etwas mit. Doch keine Sorge: Zäh wird es in der zweistündigen Folge dennoch nie und Zeitsprünge über mehrere Wochen finden durchaus statt - was anders auch kaum realisierbar ist, wenn über viele Monate hinweg gefilmtes Material auf gerade einmal drei Zweistünder reduziert werden will.


Bipolarität bei den Familien - und im Expertentrio


Und das gefilmte Material aus den beiden Familien deutet bereits nach der ersten Folge stark darauf hin, dass auf die Frage nach dem Segen oder Fluch der einmaligen Geldausschüttung keine eindeutige Antwort gefunden wird. Manch ein Partizipant scheint sich doch arg hemmungslos dem naheliegenden Reflex hinzugeben, sich im Zuge der monetären Bereicherung einfach mal was zu gönnen. Und noch was. Und noch was. Manch anderer dagegen richtet den Fokus von Beginn an stark darauf, die Gelegenheit beim Schopfe zu packen, etwas nachhaltiges aufzubauen, das im besten Falle letztlich mehr Geld einbringt als es kostet - wenngleich auch das mit Risiken und Investitionen behaftet ist, die sich im schlimmsten Fall als Griff in die Toilettenschüssel herausstellen können. Es ist spannend zu sehen, welche Eigendynamik diese unterschiedlichen Wesenszüge schon nach kurzer Zeit annehmen können. Und wie schnell 25.000 Euro passé sein können, wenn man mit diesen nicht behutsam umgeht.

Die Zusammenarbeit des Expertentrios wiederum ist als konfliktiv zu bezeichnen, was insbesondere der Anwesenheit Heinz Buschkowskys geschuldet ist. Während seine Kollegen eher zurückhaltend dabei agieren, das Verhalten der Teilnehmer zu problematisieren und auch die eine oder andere nicht ganz so existenzielle Investition auf die emotionale Ausnahmesituation der Menschen attribuieren, gibt der ehemalige Bürgermeister von Berlin-Neukölln gleich den Mahner und Skeptiker und erinnert rasch daran, dass mit dem Geld doch bitte sinnvolle Unternehmungen anzustellen sind. Damit nimmt er schnell eine Außenseiter-Rolle ein, die er selbst forciert, indem er schnell die beleidigte Leberwurst mimt und sich häufig auch schon durch Kleinigkeiten angegriffen fühlt.

Während seine arg defizitorientierte Grundhaltung in Bezug auf das Handeln der Familien partiell noch näher an der Wahrheit zu sein scheint als die eher positive und offene Herangehensweise von Bessin und Thönnessen, entpuppt sich sein Verhalten spätestens in einem Moment als eher destruktiv und miesepetrig, in dem er seinen Kollegen die Freude über das Aufblühen eines Teenagers in einer Sportmannschaft mit dem Verweis auf dessen Schulschwänzen madig macht - selbst aber keinerlei alternative Herangehensweise aufzeigen kann, um den jungen Mann zu fördern. Spätestens hier wirkt die Stimmung innerhalb des Expertentrios nicht mehr auf eine konstruktive und förderliche Weise konfliktiv, sondern nahe an der Eiseskälte. Hier müssen die Beteiligten aufpassen, dass ihnen die ansonsten durchaus interessanten Impulse aus dem Expertenzimmer nicht komplett entgleiten.

Kleiner Quotentipp: Wie gut läuft «Zahltag!» in der Zielgruppe (14-49 Jahre)?
Herausragend, ich erwarte 15% oder mehr.
23,6%
Ziemlich gut, zwischen 12,5% und 15% sind drin.
38,2%
Mittelprächtig, aber noch zweistellig.
24,6%
Nicht einmal zweistellig, erwarte nur etwas mehr als 8%.
6,5%
Desolat, wird nicht mal 8% einfahren.
7,0%


Fazit: Eine Bereicherung für den Trend der authentischen Sozialdoku


Alles in allem ist «Zahltag!» aber sehr sehenswert geraten und bietet das aktuell in Deutschland boomende Thema Sozialdoku auf eine frische Art und Weise dar, die den Zuschauer, der die Auftaktfolge gesehen hat, dazu veranlassen dürfte, auch in den kommenden beiden Wochen am Ball zu bleiben. Ilka Bessin tritt als nahbares Paradebeispiel für eine Ex-Arbeitslose in Erscheinung, die den Sprung aus der Abhängigkeit vom Staat mit Bravour gemeistert hat und dürfte damit mehr Sympathiepunkte machen als die etwas glattgebügelten bzw. stark mürrischen Männer an ihrer Seite. Mindestens sie und die Geschichten der Familien sind gute Einschaltargumente für dieses Format, das im englischen Original bereits für kontroverse Debatten gesorgt hat. Und aufgrund der authentischen Dialoge und zurückhaltenden Inszenierung des gefilmten Materials kann man die Sendung auch als weiteren Vertreter des Rückbesinnungstrends auf Reality im eigentlichen Sinne begreifen, der ohne Krawall und Emotion auf Knopfdruck und nach Drehbuch auskommt.

Intelligent ist ferner die Entscheidung des Senders, nach «Zahltag!» mit «Armes Reiches Deutschland» und «Deutschland direkt! Wenn das Geld hinten und vorne nicht reicht» noch zwei weitere Neustarts auszustrahlen, die sich der sozialen Frage annehmen - in ersterer Sendung übrigens sogar ebenfalls mit Ilka Bessin. Inwiefern der plötzliche Aktionismus in der RTL-Programmführung, das neue Abendprogramm schon jetzt und nicht erst wie geplant in zwei Wochen auszustrahlen, ist hingegen fraglich. Einige potenzielle Zuschauer dürften somit verloren gehen, da sie nur die obligatorische «Bones»-Dauerschleife und mit Sicherheit kein dokumentarisches Format erwarten. Das gefährdet den Auftakterfolg des ambitionierten Primetime-Programms latent. Ansonsten gilt: Einschalten, es lohnt sich.

RTL zeigt zwei weitere Folgen von «Zahltag!» in den kommenden beiden Wochen dienstags um 20:15 Uhr.

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