Die Kino-Kritiker

«Love, Simon»: Eine einfach schöne Teenie-Romantikkomödie

von

«Riverdale»-Produzent Greg Berlanti inszeniert mit «Love, Simon» einen herzlichen und lustigen Film, der ganz nebenher auch ein Novum im Hollywood-Kino darstellt.

Filmfacts: «Love, Simon»

Regie: Greg Berlanti
Produktion: Marty Bowen, Wyck Godfrey, Isaac Klausner, Pouya Shahbazian
Drehbuch: Isaac Aptaker, Elizabeth Berger; basierend auf dem Roman von Becky Albertalli
Darsteller: Nick Robinson, Josh Duhamel, Jennifer Garner, Talitha Bateman, Katherine Langford, Alexandra Shipp Jorge Lendeborg Jr., Logan Miller, Tony Hale
Musik: Rob Simonsen
Kamera: John Guleserian
Schnitt: Harry Jierjian
Laufzeit: 110 Minuten
FSK: ohne Altersbeschränkung
Na endlich, Hollywood. Lang genug hat es gedauert: Mit «Love, Simon» kommt der erste Teenie-Film eines großen Filmstudios heraus, in dessen Zentrum eine gleichgeschlechtliche Liebesgeschichte steht. Bislang waren solche Romanzen auf Subplots beschränkt oder auf Indie-Produktionen, die obendrein in den meisten Fällen dramatischer Natur sind. Die Romanadaption «Love, Simon» dagegen vergönnt es seiner schwulen Hauptfigur, eine komödiantische Liebesfindungserzählung durchzumachen, wie schon Dutzende, ach, Hunderte Heterojungs und Heteromädchen zuvor in der Kinohistorie. Fast. Ein Hauch mehr Dramatik als in ähnlich gelagerten High-School-Romantikkomödien wie «Das darf man nur als Erwachsener» oder «10 Dinge, die ich an dir hasse» weist «Love, Simon» dann doch auf. Und so absolviert die Kinoregiearbeit von «Riverdale»- und «The Flash»-Produzent Greg Berlanti einen überzeugenden Balanceakt zwischen Vorbildfunktion (durch den selbstverständlichen Umgang mit einer gleichgeschlechtlichen Teenagerbeziehung) und Einfangen der Wirklichkeit (es gibt noch immer Idioten, die es queeren Teenagern eine Spur schwieriger macht als den Heterokids).

Die Geschichte dreht sich um Simon (Nick Robinson), der mit seiner liebenden Familie in einem Vorort von Atlanta lebt und sich tagein, tagaus mit seinen Kindergartenfreunden Leah (Katherine Langford) und Nick (Jorge Lendeborg Jr.) sowie der erst kürzlich hinzugezogenen Abby (Alexandra Shipp) den Schulalltag versüßt. Als sich eines Tages auf der Tumblr-Seite 'creeksecrets', einem Schulblog, ein anonymer Junge zu Wort meldet und verrät, schwul zu sein, springt Simons Herz auf: Er ist also nicht der einzige Schwule auf der Schule, der bislang niemandem von seinem Geheimnis erzählt hat! Simon eröffnet ein anonymes Mailkonto, um mit dem 'Blue' genannten Jungen in Kontakt zu treten. Es entsteht eine digitale Brieffreundschaft: Die beiden muntern einander auf, flirten sogar ein wenig. Aber keiner traut sich, zu verraten, wer er ist.

Als Simon eines Mittags vergisst, sich nach einem Mailaustausch wieder aus dem Schulcomputer auszuloggen, stößt jedoch sein vorlauter Mitschüler Martin (Logan Miller) auf sein Geheimnis, woraufhin er ihn zu erpressen versucht: Sollte Simon nicht sein Bestes versuchen, Martin mit Abby zu verkuppeln, wird er Simon outen …

Martins Erpressungsversuche bringen ein Element der Bedrohung in diese von Kameramann John Guleserian («The Overnight») in leuchtend-hellen Farben eingefangene Geschichte. Jedoch packen Elizabeth Berger und Isaac Aptaker Martins Gemeinheiten in ihrem Drehbuch auf eine verdauliche Weise an: «Love, Simon» betritt selbst in seinen dramatischsten Phasen nicht die Gefilde eines Coming-out-Indiedramas über die Leiden, die queere Jugendliche an der Schule mitunter zu durchstehen haben.

Wie Simon selbst über seinen Erpresser sagt, stellt er die Linie zwischen "Mit jemandem lachen" und "Über jemanden lachen" dar. Von Logan Miller mit unausstehlich großem Ego angelegt, ist Martin ein schleimiger Typ – doch er ist auch albern und chaotisch, statt etwa boshaft und hasserfüllt. Er will Simon nicht primär schaden und macht sich auch nichts aus seinem Geheimnis, er versucht während des Erpressens sogar, noch immer sein Kumpel zu werden. Stattdessen nutzt er "nur" den Umstand, dass Simon etwas geheim halten will, und Kontakt zur beliebten Abby hat, um mehr Zeit in der Nähe dieser begehrten Mitschülerin zu erhaschen.



Dadurch bleibt Martin noch immer eine Nervensäge und ein Fiesling, der seine Absichten über die Gefühle seiner Mitschüler stellt. Allerdings nimmt dies bewusst etwas Biss aus dem Erpressungsplot: Simon ist nicht wegen seines Schwulseins das Ziel von Martins Handeln – und dennoch fühlt Simon durch seine Orientierung einen Ballast auf seinen Schultern. So schafft es «Love, Simon» das Ungleichverhältnis zwischen den romantischen Erfahrungen von Hetero-Teenies und ihren queeren Mitmenschen anzureißen und das reale Problem erzwungener Coming Outs zu thematisieren, ohne der langen Reihe an Problemverarbeitungsfilmen zu einem weiteren Eintrag zu verhelfen. Simons Dilemma wird von Regisseur Greg Berlanti nur eine Spur arger inszeniert, als es von den Liebesärgernissen anderer Teeniekomödien-Protagonisten gewohnt ist.

Insgesamt ist «Love, Simon» nämlich ein bezaubernder Feel-Good-Film: Nick Robinson darf als Simon einen verspielten, trotzdem trockenen Humor an den Tag legen. Etwa, wenn Simon in seinen Mails und Monologen spitzfindig betont, wie albern es ist, dass er sich outen 'muss', seine Heterofreunde aber nicht. Zudem hangeln sich das fürs Drehbuch verantwortliche Duo sowie Berlanti gekonnt an Genrekonventionen entlang, die sie mit Vergnügen dezent abwandeln. Von der grandios schief laufenden, großen romantischen Geste über eine eskalierende Party ist alles dabei, was zum Genre dazugehört – ohne dass «Love, Simon» daher generisch wirkt. Erfrischend ist dabei auch Berlantis Spagat zwischen Modernität und John-Hughes-Nostalgie:

Die Ausstattung von «Love, Simon» sowie weite Teile des Soundtracks haben einen Retrocharme, gleichwohl sind tumblr, Textnachrichten, Mails und Facetime-Unterhaltungen Alltag in Simons Leben – auch wenn der von Tony Hale launig gespielte, exzentrische Konrektor ein "softes" Handyverbot an der Schule verfolgt. Das gibt dem Film weitere Gagmöglichkeiten und dient als plausible Erklärung, weshalb sich die Teeniefiguren sehr viel häufiger ins Gesicht schauen (und viel weniger am Smartphone kleben) als es im Heute eigentlich der Fall sein müsste. Ergänzt durch das charmante Spiel des ergänzenden Casts, das energiereich und dennoch nicht anbiedernd-flippig ausfällt, findet «Love, Simon» einen stimmigen Platz zwischen zeitgemäß und zeitlos. Da lässt es sich auch leicht verzeihen, dass das Ende (genregemäß) ans Kitschige grenzt – zumal die wundervolle Jennifer Garner kurz vor Filmschluss einen herzzerreißenden, motivierenden Monolog hält, der das Potential hat, alle zu berühren, die in ihrer Jugend dachten, Dinge verheimlichen zu müssen. Egal ob queer oder nicht.

Fazit: Ein liebenswerter Film mit viel Witz und einer gesunden Mischung aus Optimismus und Glaubwürdigkeit: «Love, Simon» reiht sich behände in den oberen Pantheon der Teenieromanzen ein.

«Love, Simon» ist ab dem 28. Juni 2018 in vielen deutschen Kinos zu sehen.

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