Die Kino-Kritiker

«Goodbye Christopher Robin» - Die wahre Geschichte hinter Winnie Pooh

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In «Goodbye Christopher Robin» führt Simon Curtis sein Publikum behutsam an die Entstehungsgeschichte des Kinderbuchhelden Winnie Pooh heran und umgeht dabei gerade so alle Ecken und Kanten, um seinen Film immer noch wie ein weitgehend heiteres Märchen aussehen zu lassen.

«Goodbye Christopher Robin»

  • Start: 7. Juni 2018
  • Genre: Drama/Biopic
  • Laufzeit: 107
  • FSK: o.Al.
  • Kamera: Ben Smithard
  • Musik: Carter Burwell
  • Buch: Frank Cottrell Boyce, Simon Vaughan
  • Regie: Simon Curtis
  • Darsteller: Domhnall Gleeson, Margot Robbie, Kelly Macdonald, Will Tilston, Alex Lawther, Stephen Campbell Moore
  • OT: Goodbye Christopher Robin (UK 2017)
In wenigen Wochen bringt der Disney-Konzern den berühmten Bären Winnie Pooh das erste Mal als Realfilmfigur auf die große Leinwand. Doch bevor es so weit ist, macht sich erst einmal Simon Curtis («My Week With Marilyn») daran, den Mythos rund um den weltweit geliebten Bären zu ergründen. Es ist nicht das erste Mal, dass ein Film einem bekannten Popkulturphänomen auf den Grund geht: Man erinnere sich nur an das Beispiel «Mary Poppins», die mit «Saving Mr. Banks» quasi ein eigenes Biopic erhielt. Schon damals hatte der Disney-Konzern die Kontroverse bei der Entstehung seiner beliebten Filmheldin gekonnt umschifft. Das ist aber noch gar nichts gegen Curtis, der es mit «Goodbye Christopher Robin» gleichermaßen leichter wie schwerer gehabt haben dürfte: Leichter deshalb, da die Rechte an «Winnie Pooh» gar nicht zu jenem Verleih gehören, in dem sein Film nun erscheint. Er braucht sich bei der Aufbereitung des Stoffes also keine Sorge um eine etwaige Rufschädigung zu machen, wie es vermutlich bei Disney selbst der Fall hätte sein können.

Schwerer macht es Curtis dagegen die Tatsache, dass er sich für seinen Film nicht einfach an den Vorlagen bedienen kann. Und irgendwie spiegelt sich diese „Nichts Halbes/Nichts Ganzes“-Mentalität nun auch im fertigen Film wider.

Die Entstehung einer Kindheitsikone


Nach seiner Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg leidet der Veteran Alan Milne (Domhnall Gleeson) unter einem entsetzlichen Trauma. Immer wieder hört er nachts die dröhnenden Bombeneinschläge, liegt wach und treibt damit auch seine ihn liebende Ehefrau Daphne (Margot Robbie) langsam in den Wahnsinn. Als beide ihren ersten Sohn Christopher Robin (Will Tilston) bekommen, könnte sich das allerdings ändern. Nach einer schwierigen Geburt fällt es der jungen Frau schwer, eine Verbindung zu ihm aufzubauen und so wird Alan schnell zu Christophers engster Bezugsperson. Immer häufiger spielen die beiden im Wald – immer mit dabei: Christophers Kuscheltiere. Diese Erlebnisse inspirieren Alan zum Schreiben eines Kinderbuches, in dessen Mittelpunkt ein kleiner Junge und seine vielen tierischen Freunde aus dem Hundertmorgenwald stehen. Der Roman wird zu seinem bisher größten Erfolg – und die Welt bekommt plötzlich mit, dass es Christopher Robin wirklich gibt. Die Menschen wollen ihn und den Hundertmorgenwald mit eigenen Augen sehen – und seinen Eltern entgeht dabei, was für einen Stress das ihrem Sohn bereitet…

«Goodbye Christopher Robin» ist ein Märchen. Dieser Eindruck beginnt bei der bilderbuchhaften Visualisierung, setzt sich bei den seichten Dialogen fort und endet schließlich bei der weitgehend facettenfreien Zeichnung von Gut und Böse. In diesem Film ist alles so offensichtlich und die Ereignisse in Verlauf und Ausgang bis zum Schluss vorgegeben, sodass es gar kein Vorwissen rund um «Winnie Pooh» und seine Entstehung braucht, um nicht etwa ab der Hälfte zu wissen, wohin die Reise geht. Die Grundidee ist stark: Der idealistische Vater lässt sich von seinem Erfolg blenden und übersieht dadurch die Belange seines Sohnes, der selbst eigentlich noch viel mehr für ebenjenen Erfolg verantwortlich ist und von seinen karrierefixierten Eltern plötzlich von einem öffentlichen Auftritt zum nächsten gescheucht wird. Die Karrieremoms und -dads gab es eben schon lange vor YouTube und Castingshows! Damit diese große Diskrepanz zwischen den Wünschen der Eltern und denen des Sohnes offensichtlich wird, bemühen sich die Macher zunächst noch darum, die Geschichte zu gleichen Anteilen aus der Sicht beider Parteien zu erzählen. Schließlich sorgt gerade diese Fallhöhe für besonderen Zündstoff in der Geschichte – vor allem, da man dem Vater nach der schrecklichen Zeit an der Front durchaus den Erfolg als Schriftsteller, dem kleinen Christopher Robin aber nun mal auch eine unbeschwerte Kindheit.

Die Autoren Frank Cottrell Boyce («Die Liebe seines Lebens») und Simon Vaughan (produzierte mehrere TV-Serien) halten mit dieser gemischten Ansicht lange Zeit nicht hinterm Berg. In der Story steckt also definitiv Potenzial für mehr als das, was «Goodbye Christopher Robin» letztlich geworden ist.

Bloß keine kritischen Fragen stellen...


Wie schon die schrecklichen Kriegsvisionen des Vaters bleibt vieles in «Goodbye Christopher Robin» bis zuletzt reine Behauptung oder wird allenfalls angedeutet. Vor allem die karikaturesk gezeichneten Figuren (insbesondere die dieses Jahr für ihre Rolle im Biopic «I, Tonya» Oscar-nominierte Margot Robbie darf hier nicht mehr spielen, als das hysterische Weib) tragen dazu bei, dass man zur emotionalen Ebene der Charaktere nie völlig durchdringt. Die Verbindung der verschiedenen Erzählebenen – die des Jungen und die der Eltern – geht ebenfalls nicht ganz auf. Anstatt sie irgendwann miteinander zu verbinden, verweigert die Geschichte konsequent die Zusammenführung. Es scheint so, als wolle man zwar schon beiden Sichtweisen irgendwie Verständnis entgegenbringen, doch um klar Stellung zu beziehen, mangelt es dem Regisseur am Mut, die offensichtlichen Reibungspunkte zuzulassen. Immerhin erreicht er so das, was wohl auch zum damaligen Zeitpunkt selbstverständlich war: Die allgegenwärtige Harmonie um Christopher Robin war stets nur vorgeschoben.

Optisch ist das dramatische Biopic dagegen eine echte Augenweide und kann durch einige optische Spielereien bisweilen intensivere Emotionen auslösen, als durch die Geschichte selbst. Wenn Alan und Christopher Robin im sonnendurchtränkten Hundertmorgenwald herumtollen, Schneeflocken plötzlich aufwärts fliegen und die Zeichnungen des Vaters für einen Moment zum Leben erwachen, ist man auf einmal ganz nah dran am Autor, der genau hierin seine Inspiration fand. Musikalisch bleibt «Goodbye Christopher Robin» unauffällig – alles hier ist auf Wohlfühlatmosphäre aus, was gerade im Hinblick auf den ersten Unterbau bisweilen befremdlich wirkt. Während Margot Robbie kaum gegen die schwache Skriptvorlage anspielen kann, agiert Domhnall Gleeson («Peter Hase») solide und holt das Beste aus seiner Figur heraus. Den liebenden Vater nimmt man ihm ebenso ab, wie den verzweifelten Kriegsveteran und den plötzlich nur noch an der Karriere interessierten Schreiberling.

Will Tilston ist als zwischen seinen Eltern hin- und hergeschubster Dreikäsehoch eine echte Entdeckung, die sich vor seinen erwachsenen Co-Stars nicht zu verstecken braucht. Man sieht: Eigentlich deutet vieles in «Goodbye Christopher Robin» auf einen wirklich guten Film hin. Doch die vielversprechenden Zutaten unter einen ut zu bringen, gelingt weder Regisseur Simon Curtis, noch den Drehbuchautoren, die wohl einfach zu sehr in die Idee verliebt waren, dass am Ende doch die Glückseligkeit überwiegt.

Fazit


«Goodbye Christopher Robin» hätte als kontroverse Geschichte rund um die Entstehung der „Winnie Pooh“-Abenteuer das Potenzial für ein ergreifendes Drama gehabt, doch den Machern war viel zu sehr daran gelegen, eine Harmonie walten zu lassen, die es ganz offensichtlich nicht gab.

«Goodbye Christopher Robin» ist ab dem 7. Juni in den deutschen Kinos zu sehen.

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