Die Kritiker

«13 Uhr mittags»

von   |  1 Kommentar

High Noon in Niedersachsen: Der ARD-Mittwochsfilm verlagert den Western-Klassiker von der Wüste New Mexicos ins Niedersachsen von Heute. Das ist schräg – und sehr gut erzählt.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Jörg Schüttauf als Olaf Gabriel
Rosalie Thomass als Gracia Keller
Thomas Arnold als Simon Held
Milton Welsh als Werner Eck
Rainer Piwek als Arne Herbst
Katharina Behrens als Julia Böhm
Peter Franke als Hinnerk Böhm

Hinter der Kamera:
Produktion: Aspekt Telefilm
Drehbuch: Klaus Burck
Regie: Martina Plura
Kamera: Monika Plura
Produzentin: Claudia Schröder
Der Dorfpolizist Olaf Gabriel (Jörg Schüttauf) ist vor sechs Jahren in einen Banküberfall gestolpert. Dabei will er Simon Held (Thomas Arnold) als Täter identifiziert haben, obwohl das denklogisch gar nicht möglich gewesen sein könne, wie Helds Verteidigerin bei der Verhandlung korrekt schlussfolgerte. Ungeachtet dessen schickte das Gericht Simon Held für sechs Jahre hinter Gittern. Trotz Gabriels Falschaussage traf es keinen falschen: Denn Simon Held war tatsächlich an dem Raubüberfall beteiligt.

Nun sind seine sechs Jahre Haft abgelaufen – und der Straftäter hat gleich mehrere Gründe, an Gabriel Rache zu nehmen. Denn Gabriel hatte damals Simon Helds ebenfalls an der Tat beteiligten Bruder festgenommen, der wenige Stunden nach seiner Inhaftierung in Gabriels Büro auf dem Revier starb, nachdem der ihm seine Herzpillen vorenthalten hatte, in der festen Überzeugung, der Verbrecher spiele ihm nur etwas vor. Außerdem sind bis heute die damals geraubten achthunderttausend Euro nicht aufgetaucht, die Simon Held aus dem verschlafenen niedersächsischen Dorf rausholen will – wenn sie noch da sind, wo er sie damals deponiert hatte.

Pünktlich zu Helds Haftentlassung will Polizist Gabriel den Ort nun ein für allemal verlassen, bevor sein Widersacher Gelegenheit hat, ihn umzulegen. Doch mehrere unvorhergesehene Ereignisse verzögern Gabriels Aufbruch: Sein geliebter (und unfassbar süßer) Hund muss so schnell wie möglich operiert werden, und sein Kollege, der den Polizeidienst auf dem Revier übernehmen soll, wird nicht rechtzeitig eintreffen, um ihn pünktlich abzulösen. Auf der Dienststelle ist aber schon Gracia Keller (Rosalie Thomass) vom niedersächsischen Landeskriminalamt anwesend, die vorsichtshalber in das Nest abgestellt worden ist, sofern Held und seine Schergen dort auftauchen sollten. Dass Gabriel nun Hals über Kopf aufbrechen will, kann sie nicht goutieren. Noch dazu scheint sie den Verdacht nicht loszuwerden, dass Gabriel genau weiß, wo sich das geraubte Geld von damals befindet.

Wie in Fred Zinnemanns Western-Klassiker, der nicht nur für den Titel dieses Films Pate stand, steuert alles auf einen langen Showdown zu: nur eben nicht in einer Kleinstadt von New Mexico, die nur so vor Hitze und Testosteron strotzt, sondern in der behäbigen, nebelverhangenen, verstockten niedersächsischen Peripherie. Vor diesem Hintergrund konnte sich das Konzept von «13 Uhr mittags» für zwei Varianten entscheiden: die einer Parodie, die ihren Witz hauptsächlich aus ihrer Parallelisierung mit «High Noon» ziehen möchte, oder die einer stimmigen Verlagerung des Themas, die über eine Persiflage auf die konzeptuellen Ähnlichkeiten hinaus gehen will. Glücklicherweise hat sich dieser Film für das letztere Szenario entschieden – und fährt damit sehr gut.

Nur sehr wenigen deutschen schwarzen Komödien ist in den letzten Jahren eine so gelungene Balance zwischen dem Komischen und dem Tragischen gelungen wie diesem Film, der die beiden Endpunkte des Genre-Kontinuums eben nicht als Gegensätze sieht, die es irgendwie miteinander zu kombinieren gilt, sondern als eine Art Mélange, in der das Tragische untrennbar zum Komischen und das Komische untrennbar zum Tragischen gehört.

Ebenso gefällt, wie natürlich und selbstverständlich die unverwechselbaren Charakteristika in das Gesamtkunstwerk verwoben werden, ohne dass es die aufgesetzten Züge annimmt, in die das Reizwort Lokalkolorit bei deutschen Fernsehfilmen oft mündet. «13 Uhr mittags» ist trotz seiner Wild-West-Vorlage unverkennbar im ländlichen Niedersachsen verortet, mit seinen Backsteinhäusern und grummelig-schweigsamen Menschen, seiner Verstocktheit, seinen Nebelschwaden, Schützenvereinen und holzgetäfelten Landgasthäusern. Dieser Ort soll keine gezwungene Coolness ausstrahlen, er soll sein, wie er ist, und der Handlung und den Figuren, die in ihrem Gestus und in ihren Befindlichkeiten stark von ihm geprägt sind, einen beiläufigen, aber prägnanten Stempel aufdrücken.

«13 Uhr mittags» präsentiert keinen Ha-Ha-Humor im Sinne von quirligen Figuren oder treffenden Punchlines. Der Humor dieses Films ist ein Humor des Absurden und Abstrusen, das jedoch trotz seiner Absurdität auf eine entrückte Art greifbar und in gewisser Weise als tatsächlich mögliches Ereignis vorstellbar bleibt. Und inmitten dieses Humors platzt immer wieder eine unerwartete Tragik, wenn liebgewonnenen Figuren auf einmal etwas Schreckliches zustößt und dieses Drehbuch mit faustdicken Überraschungen aufzuwarten weiß. Dieser Film ist nicht nur für die Konventionen des öffentlich-rechtlichen Fernsehens ein wagemutiges Experiment. Wie schön, dass es geglückt ist.

Das Erste zeigt «13 Uhr mittags» am Mittwoch, den 30. Mai um 20.15 Uhr.

Kurz-URL: qmde.de/101298
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Es gibt 1 Kommentar zum Artikel
Sentinel2003
29.05.2018 14:13 Uhr 1
Wow, wann hatte ein Mittwochs - Film mal 90%??

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