First Look

«Patrick Melrose»: Heroin Chic mit Benedict Cumberbatch

von

Benedict Cumberbatch spielt in der Produktion von Showtime und Sky Atlantic einen heroinsüchtigen Dandy in den frühen 80er Jahren, den seine schwere Kindheit nicht loslässt. Ein einnehmendes Portrait.

Cast & Crew

Drehbuch: Edward Berger
basierend auf den Romanen von Edward St Aubyn
Regie: David Nicholls
Darsteller: Benedict Cumberbatch, Jennifer Jason Leigh, Hugo Weaving, Anna Madeley, Allison Williams, Blythe Danner, Pip Torrens u.v.m.
Executive Producer: Rachael Horovitz, Michael Jackson, Adam Ackland, Benedict Cumberbatch und Helen Flint
In den frühen 80er Jahren erfährt Patrick Melrose (Benedict Cumberbatch), ein Mann aus gutem Hause mit einem umfangreichen Familienvermögen, für das niemand aus seiner Verwandtschaft je gearbeitet hat, von einer vertrauten Stimme am Telefon, dass sein Vater zwei Nächte zuvor in New York verstorben ist. Eher aus Pflichterfüllung tut er ein wenig so, als bedrücke ihn die Botschaft, doch spätestens nachdem der Hörer wieder auf der Gabel liegt, kann er sich ein freudvolles Lachen nicht verkneifen: Das Ableben des alten Mannes ist die erste wirklich gute Nachricht, die ihn seit langer Zeit erreicht hat.

Natürlich wird dieser Eindruck bald vielschichtiger. Patricks enges Umfeld, insbesondere all die attraktiven Londoner Frauen, mit denen er schläft, weiß vom intensiven Hass, den er seinem Vater sein ganzes Leben und nun auch im Tod entgegenbringt, und es weiß, dass diese fürchterliche Wut nicht unbegründet ist: Nur zaghaft, aber filmisch sehr effizient und psychologisch feinfühlig spielt die erste Folge der Serie bereits auf die Misshandlung (möglicherweise auch sexueller Art) an, die Patrick als Kind von seinem Vater ertragen musste.

Nach außen hin, etwa anlässlich eines Gesprächs mit alten Freunden seines Vaters, geführt in einem dieser sündhaft teuren angelsächsischen Alt-Herren-Clubs, belässt Patrick es jedoch beim Vortrag oberflächlicherer, wenn auch nicht minder bestialischer Anekdoten: Einmal habe sein Vater bei einer Expedition in den Orient einen mit der Tollwut infizierten Mann erschossen, um dessen Leiden zu verkürzen. Doch die Bestialität dieser Geschichte liegt nicht so sehr in ihrem Inhalt als in der Art ihres Vortrags, im entmenschlicht-nüchternen Stil einer karikaturhaften englischen Oberschicht, die das Selbstverständnis der stiff upper lip zu einer folgerichtigen, aber verstörenden Conclusio führt.

Patrick Melrose ist derweil ein Mann, in dem es brodelt: ein Dandy in der Ära von „Video Killed the Radio Star“, steinreich, der in den besten Häusern New Yorks ein- und ausgeht, ohne jemals für sein Geld arbeiten zu müssen. Anstatt von vulgärer Erwerbstätigkeit wird seine Zeit von der Aufarbeitung seelischer Wunden und dem Konsum zahlloser Drogen in Anspruch genommen. Zumindest mit dem Heroin möchte er nun jedoch aufhören, ein neuer Versuch, dem bereits zahllose vorhergegangen sind. Wie Suchtkranke das eben so machen, redet er sich ein, dass sein Kurzaufenthalt in New York anlässlich der Überführung der Asche seines Vaters der ideale Rahmen dafür ist. Mit Elan und einem beseelten Geist stürzt er sich in den kalten Entzug, dessen Unzumutbarkeiten er bald durch den erhöhten Konsum von Benzos, Kokain und Unmengen Martinis behandeln möchte. Bis nach einigen Stunden, in einer erneuten, aber stets abzusehenden grässlichen Niederlage der Weg in die Gosse nicht mehr weit ist, um sich bei einem alten Bekannten mit Heroin einzudecken, und schließlich – damit endet die erste Folge – zwei Tage später vor dem Rückflug nach New York der nächste Entzugsplan gefasst und einem Vertrauten in England telefonisch kommuniziert wird.

Die einstünde erste Episode dieser insgesamt fünfteiligen Miniserie würde schon für sich genommen als abgeschlossener Film, als erzählerisch prägnante und künstlerisch eindrucksvolle Vignette funktionieren. Angesichts dessen, dass auf sie noch vier weitere Episoden folgen werden, hat sich «Patrick Melrose» für eine eingehendere Studie und eine umfangreichere Betrachtung entschieden, die es angesichts der erstaunlichen Symbiose aus thematischer Dichte und erzählerischer Weitläufigkeit des Auftakts schwer haben wird, diese herausragende Spannung zu halten, psychologisch wie dramaturgisch.

«Patrick Melrose» erzählt die für Außenstehende kuriosen Lebensumstände seiner Titelfigur dabei mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, die gerade in ihrer ostensiblen Beiläufigkeit ihren ganzen Schrecken offenbart. Der unaufhörliche Zyklus aus selbstauferlegtem Entzug, Rückfall und der Rückkehr in die Normalität der Drogensucht wird trotz all der Exzentrizität der dandyhaften Hauptfigur im Kern aufrichtig lebensnah erzählt, wodurch diese Serie eine stärkere Wirkung entfalten dürfte als jede didaktische Aufklärungskampagne.

In seinem Pulitzer-prämierten Buch „Evicted“ hat der amerikanische Soziologe Matthew Desmond die Methadon-Klinik von Milwaukee als den gesellschaftlich heterogensten Ort der Stadt bezeichnet. Dort sind alle Bevölkerungsgruppen vertreten: sechzehnjährige High-School-Schülerinnen neben 80-jährigen Hausfrauen, der verwahrlosteste Obdachlose neben dem adrett zurechtgemachten Manager, der am Telefon Millionengeschäfte abwickelt, während er bei der Medikamentenausgabe in der Schlange steht. «Patrick Melrose» erzählt das Thema Sucht auf der obersten Sprosse der sozioökonomischen Leiter, aber diese Erzählung gelingt so universell, dass ihr Kern auch weit jenseits der sehr spezifischen persönlichen Umstände der Hauptfigur wahrhaftig bleibt und verfangen kann.

Doch es wäre viel zu kurz gedacht, diese Serie nur von ihrer Wirkung und ihrer gesellschaftlichen Relevanz her zu interpretieren: Die kann ohnehin nur eintreten, weil «Patrick Melrose» erzählerisch und visuell so gut funktioniert und in all ihrer Tragik auch zahlreiche komische Momente findet. Benedict Cumberbatch beeindruckt in den lauten wie in den leisen Momenten, wenn seine Figur permanent zwischen drogeninduzierter Euphorie und bitterster Depression alterniert. Noch dazu hat er bereits in «Sherlock» sein Talent bewiesen, die seelisch verlorenen Söhne der englischen Oberschicht mit einer besonderen Treffsicherheit darzustellen. Sätze wie I’m not fit for human company sagt wohl niemand schöner als er.

In Deutschland läuft die Serie ab dem 29. Mai 2018 dienstags um 20.15 Uhr und ist danach natürlich On Demand verfügbar.

Kurz-URL: qmde.de/101056
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