Die Kritiker

«Blind ermittelt – Die toten Mädchen von Wien»

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Der Neunzigminüter «Blind ermittelt» führt ein Ermittlerteam ein, dass gerne zurückkehren darf.

Hinter den Kulissen

  • Regie: Jano Ben Chaabane
  • Drehbuch: Ralph Werner, Don Schubert
  • Darsteller: Philipp Hochmair, Andreas Guenther, Stipe Erceg, Patricia Aulitzky, Johannes Silberschneider, Anna Rot, Jaschka Lämmert, Barbara Prakopenka, Michael Edlinger, Manuel Sefciuc, Aleksandar Petrovic, Mila Böhning
  • Kamera: Tobias Koppe
  • Schnitt: Felix Rudek
  • Musik: Tim Schwerdter
  • Produktionsfirma: Mona Film
Das Erste probiert sich an einer weiteren, neuen Krimireihe. Darin spielt, wie es wohl die Genregesetze verlangen, ein ungleiches Duo die zentralen Rollen: Philipp Hochmair als blinder, ehemaliger Chefinspektor Alexander Haller und Andreas Guenther in der Rolle des unerschrocken ehrlichen Taxifahrers Nikolai Falk. Die beiden lernen sich eines Nachts kennen, als Nikolai mit seiner Berliner Schnauze Alexander zutextet und dabei mit Anlauf in ein Fettnäpfchen tritt – Nikolai fragt, wieso Alexander mitten in der Nacht eine Sonnenbrille trägt. Als er keine Antwort erhält, zählt er noch immer nicht Eins und Eins zusammen, sondern lässt durchblicken, dass er seinen Fahrgast für einen schrägen Vogel hält.

Der Taxifahrer macht dies wieder gut, als er seinem wortkargen Gast kurz darauf das Leben rettet. Dieser gibt sich nämlich die Schuld am Tod seiner Lebensgefährtin, der Staatsanwältin Kara Hoffmann (Anna Rot), die vor zwei Jahren bei einem Sprengstoffanschlag ums Leben kam. Bei diesem Attentat verlor Alexander auch sein Augenlicht, seinen Beruf und seinen Lebensmut. Nikolai vereitelt mit Courage und einem Spritzer Frechheit den Suizid. Bald darauf wird er zu Alexanders Privatchauffeur.

Das kommt für den Ex-Ermittler zum rechten Zeitpunkt, denn Udo Strasser (Stipe Erceg), der mutmaßlich das dramatische Attentat auf Alexander zu verantworten hat, ist aus dem Gefängnis ausgebrochen – angeblich um seine Unschuld zu beweisen. Alexander will der Sache nachgehen, was seiner Nachfolgerin Laura Janda (Jaschka Lämmert) und dem Oberstaatsanwalt Pohl (Johannes Silberschneider) aber nicht gefällt. Und dann verkompliziert sich die Lage in Wien auch noch durch einen brutalen Mädchenhändlerring, der nach einer jungen Weißrussin (Barbara Prakopenka) sucht, die ihm entkommen ist ...

Das Drehbuch von Ralph Werner und Don Schubert bestückt den Kennenlernfall zwischen blindem Ermittler und Berliner Taxifahrer mit einigen Gags, die sich darauf beziehen, dass Letzterer sich einfach nicht dran gewöhnen kann, dass Ersterer blind ist. Das Humorpotential ist rasch ausgeschöpft, so dass die "Sehen Sie nicht, dass ..."-Scherze früher alt werden, als es den «Blind ermittelt»-Machern wohl lieb sein dürfte. Fraglich ist auch der Grad, mit dem der Protagonist seinen verlorenen Sehsinn kompensiert. Sein extrem gesteigertes Hörvermögen und sein Können, im Nahkampf auszuteilen, nehmen im Neunzigminüter mehrmals «Daredevil»-Formen an.

Doch was in einem bunten Superheldencomic durchgeht und in dessen geerdeter, überdramatischen Netflix-Serienadaption bereits einen guten Schuss suspension of disbelief erfordert, dort aber wenigstens mittels Rückblenden als das Ergebnis intensiven Trainings erläutert wird, grenzt in einem weitestgehend realistischen Fernsehkrimi an maßloser Übertreibung.

Wenn «Blind ermittelt» als langläufige Krimireihe funktionieren und eine spannungsfördernde, schlüssige innere Logik anstreben will, wäre es für die Verantwortlichen eine Überlegung wert, entweder Alexander Hallers Superheldenstatus zu dämpfen oder alternativ an der Realismusschraube zu drehen, so dass er nicht derart aus dem Grundtonfall des Erzählstoffes heraussticht. Dem fähigen Hauptdarsteller-Duo, dass bereits hier gut eingespielt wirkt, wäre es zuzutrauen, eine Anpassung des Formats in beide Richtungen zu stemmen.

Der eigentliche Krimiplot ist ein solides Stück Indiziensuche, das die Autoren reizvoll vom üblichen Krimiduktus entfernen, indem sie die Vor- und Nachteile berücksichtigen, die sich für ihren Ermittler ergeben. Zudem wird das solide gestaltete Rätsel nicht durch eine ermüdende Abfolge von Verhören geknackt. Inszenatorisch ist der Neunzigminüter ansprechend, erst recht, wenn man bedenkt, dass Regisseur Jano Ben Chaabane bislang hauptsächlich im Showbereich Erfahrungen gesammelt hat. In der gedämpften Farbästhetik und den gelegentlich eingestreuten, exzentrischeren Kameraeinstellungen möchte man sogar fast glauben, seine «Duell um die Welt»-Wurzeln zu erkennen.

Fazit: Zum Auftakt leidet «Blind ermittelt» noch an ein paar Kinderkrankheiten, doch Neugier auf weitere Ausgaben dieser Krimireihe ist durchaus geweckt.

«Blind ermittelt – Die toten Mädchen von Wien» ist am 5. Mai 2018 um 20.15 Uhr im Ersten zu sehen.

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