Hingeschaut

«Voller Leben»: RTL II packt Niveau und Aufrichtigkeit auf die Liste

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Wie kann man Menschen helfen, die nach einer Krebs-Diagnose plötzlich mit der Vergänglichkeit ihres Seins konfrontiert werden? In «Meine letzte Liste» versucht man es mit einer simplen Herangehensweise - und macht damit inhaltlich Vieles richtig.

Die großen Zeiten des abendlichen Dokusoap-Krawalls sind weitgehend vorbei, längst erzielen Formate wie «Frauentausch» nicht mehr die Spitzenquoten vergangener Jahre und wirken mitunter auch einigermaßen verbraucht. Die ganz schwierige Aufgabe - insbesondere für einen Sender wie RTL II, der in erster Linie für derartige Unterhaltungsformen bekannt ist - besteht darin, neue narrative Wege für die faktuale Unterhaltung darzubieten, um die doch immer zahlreicher werdenden Menschen, die sich schrittweise vom linearen Fernsehen zu entfremden beginnen, für das Medium (zurückzu)gewinnen, ohne das Stammpublikum zu verschrecken. Ob das nun mit «Voller Leben - Meine letzte Liste» gelingen mag, muss angezweifelt werden. Bei einer rein qualitativen Sichtweise auf den Neustart von Joker Producions muss aber mindestens ebenso deutlich betont werden, dass der Neustart das Sender-Portfolio ungemein bereichert.

Konzeptionell ist die Sendung recht einfach erklärt: Die Bestseller-Autorin Myriam von M. begleitet todkranke Menschen auf ihrem wahrscheinlich letzten Lebensweg, indem sie diese eine Liste ihrer letzten großen Lebensträume erstellen lässt und diese anschließend gemeinsam mit ihnen in die Tat umsetzt. Myriam von M. ist dabei insofern eine besonders kompetente Ansprechpartnerin, da sie selbst bereits mehrfach an Krebs erkrankt war und mit der von ihr ins Leben gerufenen Bewegung "Fuck Cancer!" seit geraumer Zeit schon auf die Kraft der kollektiven Bewegung setzt, um mit diesem einschneidenden Erlebnis möglichst gut zurecht zu kommen. Und nunja, der Rest der Folgen besteht dann eben daraus, die Menschen besser kennen zu lernen, ihnen Kraft zu geben und mit ihnen ihre Wünsche schrittweise "abzuarbeiten".

In der ersten Folge lernen die Zuschauer die erst 22-jährige Nadja (Foto) sowie die 54-jährige Maren kennen, die beide an Krebs erkrankt sind und den möglicherweise gar nicht mehr so großen Rest ihres Lebens so gewinnbringend und erfüllend wie möglich begehen möchten. Nadja sieht man etwa dabei zu, wie sie erstmals gemeinsam mit ihrer kleinen Band in einem professionellen Tonstudio einen Song aufnehmen und mit ihrer Schwester auf Wildpferden in Frankreich reitet, die nach ihrer Diagnose von ihrem Mann verlassene und generell familiär weitaus weniger gestützte Maren findet in Myriam eine empathische Begleiterin nach Norwegen, um dort die Polarlichter zu erblicken. Da die einstündige Brutto-Sendezeit nicht langt, um die gesamte Lebensgeschichten und anschließende "Wunsch-Erfüllerei" zu präsentieren, wird ein Teil dessen einfach auf die nächste Folge vertagt.

Auffällig ist der sehr ruhige, sachliche und empathische Erzählstil des Formats, der auch von seinem Sprecher perfekt verkörpert wird. Man kann nicht sagen, dass es keine emotionalisierenden Stilmittel gibt, die zur Verstärkung eingesetzt werden, aber sie finden doch eine recht behutsame und adäquate Anwendung. Auch die optisch zunächst einmal sehr schrill und auffällig daherkommende Myriam von M. stellt sich rasch auch fernab ihres sozialen Engagements und ihrer eigenen Erfahrungen mit dem Thema Krebs als ideale Besetzung des "Helferleins" heraus, da sie es gut versteht, die Menschen an ihrer Seite in den Fokus zu rücken und dennoch eine Stütze für sie darzustellen, die insbesondere in Marens Fall fast schon in Richtung einer Begleiterin durchs Leben geht.

Hier wirkt nichts überkandidelt, aufgesetzt oder in sonstiger Form unangenehm, das ist schön und löblich. Aber ist es auch etwas, was man als Zuschauer zwingend sehen muss? Gewiss nicht, denn dafür ist «Voller Leben» eine Nummer zu unspektakulär und vom Grundkonzept her auch eine Idee zu altbekannt, um einen kritikerseitigen Einschaltbefehl ohne Wenn und Aber zu formulieren. Zugleich muss man es aber auch als sehr gelungene und sehr aufrichtige Form der televisionären Aufbereitung des nicht unbedingt einfachen Themas Krebs betonen, das ein Stück weit auch einen Trend mit begründen könnte, der sich schon mit «Hartz und herzlich» und «Armes Deutschland» andeutet: Schluss von der Überbetonung des Wortes "Soap" in der Dokusoap hin zu mehr "Doku". Wenngleich man auch hier gleich wieder die Frage aufwerfen kann: Hat dafür in den vergangenen Jahren nicht eigentlich VOX mehr getan?

Wie hat euch der Auftakt von «Voller Leben - Meine letzte Liste» gefallen?
Sehr gut, ich freue mich schon auf die weiteren Folgen.
60,0%
War in Ordnung, da kann man zumindest mal reinschauen.
8,6%
Ganz mies, das muss ich nicht noch einmal sehen.
0,0%
Habe es (noch) nicht gesehen.
31,4%


Wie dem auch sei: «Voller Leben - Meine letzte Liste» ist umso ergreifenderes Fernsehen, da es nicht in jeder Szene mit dem Holzhammer ergreifen möchte. Es lässt mit den Protagonisten mitfühlen, da diese echte Menschen und keine überzeichneten Fratzen sind und es ist inhaltlich so unspektakulär geraten, dass man es wunderbar als Abbild des "echten Lebens" konsumieren kann - fraglich ist nur, wer das auf einem Sendeplatz tun möchte, auf dem man bei diesem Sender bislang in erster Linie sich gegenseitig ankeifende Familien wahrgenommen hat. Übrigens: Wessen zeitliche Ressourcen begrenzt sind, kann im Zweifelsfall auch bis Montagabend warten, wo RTL mit «Jenke macht Mut» einen Zweistünder auf Sendung schicken wird, der sich mit der Thematik Brustkrebs auseinandersetzt - und nochmal eine deutliche Spur informativer und berührender daherkommt als dieser nichtsdestotrotz rundum sehenswerte Neustart.

RTL II zeigt vier weitere Folgen von «Voller Leben - Meine letzte Liste» in den kommenden Wochen donnerstags um 20:15 Uhr - zumindest, sofern die Einschaltquoten mitmachen.
Unsere Kritik zum artverwandten RTL-Neustart «Jenke macht Mut» folgt in den nächsten Tagen.

Kurz-URL: qmde.de/100728
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