Die Kino-Kritiker

«7 Tage in Entebbe»: Ein Entführungsfilm vom «Narcos»-Produzenten

von

José Padilha erzählt die wahre Geschichte der Entführung einer Air-France-Maschine im Jahr 1976 nach.

Filmfacts: «7 Tage in Entebbe»

  • Regie: José Padilha
  • Produktion: Tim Bevan, Liza Chasin, Eric Fellner, Ron Halpern, Kate Solomon, Michelle Wright
  • Drehbuch: Gregory Burke
  • Darsteller: Rosamund Pike, Daniel Brühl, Eddie Marsan, Ben Schnetzer, Lior Ashkenazi, Denis Ménochet
  • Musik: Rodrigo Amarante
  • Kamera: Lula Carvalho
  • Schnitt: Daniel Rezende
  • Laufzeit: 107 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Es gibt einen denkbar einfachen Test, um abzuwägen, ob einem der historische Entführungsthriller «7 Tage in Entebbe» gefallen könnte oder nicht. Alles hängt davon ab, wie man über die nachfolgende Beschreibung denkt: Diese Verarbeitung der wahren Entführungsgeschichte des Air-France-Flug 139 im Juni 1976 mündet darin, dass die Erstürmung des Gebäudes, in dem die Geiseln gehalten werden, in einer rhythmisch vorantreibenden Parallelmontage mit der Aufführung eines Ausdruckstanzes verschränkt wird. Wer bei dieser Vorstellung entnervt mit den Augen rollt oder erbost aufschnaubt, sollte einen weiten Bogen um «7 Tage in Entebbe» machen. Wessen Neugier nun erst so richtig gepackt ist, darf gerne weiterlesen und danach entscheiden, ob er einen Kinobesuch in Erwägung zieht.

«Tropa de Elite»-Regisseur und «Narcos»-Produzent José Padilha sowie Drehbuchautor Gregory Burke erzählen den realen Vorfall primär aus der Sicht zweier deutscher Täter: Brigitte Kuhlmann (Rosamund Pike) und Wilfried Böse (Daniel Brühl). Die beiden Mitglieder der Revolutionären Zellen planen diese Kaperung, um ein Zeichen gegen die Militarisierung Israels zu setzen. Sie werfen Frankreich vor, Israel beim Aufbau eines drastischen Militärapparats geholfen zu haben und wollen 40 in Israel inhaftierte Palästinenser freipressen.

Sie sind sich bewusst, welches Licht es auf sie wirft, dass sie drohen, israelische Flugzeuginsassen hinzurichten, sollten ihre Forderungen nicht eingehalten werden – aber sie argumentieren, nichts mit der faschistischen Vergangenheit ihres Heimatlandes gemein zu haben. Ihre Mittäter von der Volksfront zur Befreiung Palästinas gehen jedoch mit einer anderen Grundhaltung an diese Entführung heran, ebenso hat ihr Unterstützer, Ugandas diktatorischer Präsident Idi Amin, eigene Ziele.

In einem Nebenstrang werden auch die verzahnten Verhandlungen innerhalb des israelischen Kabinetts gezeigt, wie mit der Situation umzugehen ist. Darüber hinaus skizziert «7 Tage in Entebbe» in einer kleinen Handvoll Szenen, wie sich eine Spezialeinheit Israels auf einen etwaigen Eingriff vorbereitet und wie dies die Freundin eines Mitglieds dieser Streitkraft emotional mitnimmt, während sie für eine nahende Theateraufführung probt …

«Gone Girl»-Star Pike spielt ihre Rolle nuanciert und lässt Raum, Empathie für sie zu empfinden: Ihrem spröde, bestimmten Auftreten zum Trotz bewahrt sie in Unterhaltungen Ruhe, wenn sie den Geiseln gegenüber harsch wird, lässt Pike in ihrem Spiel durchschimmern, dass ihre Interpretation der Brigitte Kuhlmann in diesem Momenten die ruchlose Entführerin bloß mimt. Brühl trägt etwas dicker auf, legt Böse als schwadronierenden Sozialphilosophen an, der eher cholerisch wird als Kuhlmann, gleichzeitig aber, wenn sie alleine sind, früher dazu neigt, zu zweifeln, während sie sich in den Plan lange verbeißt.

Obwohl durch die von Gregory Burke verfassten, einen etwas erklärenden Unterton aufweisenden, aber präzisen Dialoge die Motive der Entführer deutlich und begreifbar werden, beschönigen der Autor und José Padilha die Flugzeugentführung nicht. Dieser Balanceakt gehört zu den größeren Leistungen von «7 Tage in Entebbe»: Der komplexen Politik hinter diesem Vorfall wird der Film durchweg gerecht, womit er ganz beiläufig, aber eindrucksvoll unterstreicht, weswegen sich der Nahostkonflikt nicht so leicht lösen lässt – vor allem nicht durch die Bundesrepublik.

Woran Padilhas zumeist sehr routiniert inszenierter Film dagegen zwischenzeitlich scheitert, ist das Schüren von Spannung: In Entebbe angekommen, tut sich der Regisseur streckenweise schwer, die Gefahr, in der sich die Geiseln befinden, spürbar zu machen, obendrein nimmt die bemüht eingewobene Tanznebenhandlung im Mittelteil nur Schwung und Dramatik aus dem Stoff. Das Tanzelement glänzt jedoch im aufsehenerregenden Prolog sowie im Finale, in dem Padilha und Cutter Daniel Rezende («The Tree of Life») eine fesselnde, nahezu perfekt auf die Musik abgestimmte, ausdrucksstarke Parallelmontage zwischen den verschiedenen Schauplätzen ihres Films kreieren. Ein außergewöhnlicher Abschluss für einen lange Zeit recht gewöhnlichen Historienfilm.

«7 Tage in Entebbe» ist ab sofort in einigen deutschen Kinos zu sehen.

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