Die Kino-Kritiker

«Das Zeiträtsel»: Ein ambitioniertes Elend bleibt noch immer elendig

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Was das Skript in «Das Zeiträtsel» vermasselt, lässt sich nur minimal durch die passionierte Herangehensweise von Regisseurin Ava DuVernay kompensieren.

Filmfacts: «Das Zeiträtsel»

  • Regie: Ava DuVernay
  • Produktion: Jim Whitaker, Catherine Hand
  • Drehbuch: Jennifer Lee, Jeff Stockwell; basierend auf "Die Zeitfalte" von Madeleine L'Engle
  • Darsteller: Oprah Winfrey, Reese Witherspoon, Mindy Kaling, Gugu Mbatha-Raw, Michael Peña, Storm Reid, Zach Galifianakis, Chris Pine
  • Musik: Ramin Djawadi
  • Kamera: Tobias A. Schliessler
  • Schnitt: Spencer Averick
  • Laufzeit: 109 Minuten
  • FSK: ab 6 Jahren
Passioniert. Ganz gleich, was alles in «Das Zeiträtsel» schief läuft, es ist und bleibt ein passionierter Film. «Selma»-Regisseurin Ava DuVernay nimmt Madeleine L'Engles Kinderbuch «Die Zeitfalte» und übergießt dessen Inhalt mit großen, spürbar persönlichen Ambitionen und einer sehr individuellen, respektive ungewöhnlichen, Inszenierung. Obwohl dies ein Disney-Realfilm mit Budget in dreistelligem Millionenbereich ist, mutet diese Fantasygeschichte nicht im geringsten angepasst oder kalkuliert an. Nein! «Das Zeiträtsel» ist auf glänzende Weise seltsam. DuVernay beginnt ihre Buchadaption mit einem ersten Akt voller Close-Ups und harten Szenenübergängen. Die drei feenhaften Damen (Oprah Winfrey, Reese Witherspoon, Mindy Kaling), die unsere Hauptfigur auf ihrem Abenteuer begleiten, sind in exzentrischen Kostümen gekleidet und variieren zudem mehrmals ihre farbenfrohe Schminke. Und der Tonfall wechselt mit desorientierter Radikalität zwischen märchenhaft, Fantasybombast, kindgerechter Sci-Fi und ins surreale abdriftender Coming-of-Age-Dramödie.

Eines, was man «Das Zeiträtsel» lassen muss: Das Widerstreben des Films, sich klar in eine Genreschublade zwängen zu lassen, steht in stimmiger Beziehung zum Grundkonflikt. Die 13-jährige Meg Murry (Storm Reid) fühlt sich seit dem Verschwinden ihres geliebten Vaters (Chris Pine) verlassen und orientierungslos. In der Schule wird sie gehänselt, die Beziehung zu ihrer wohlmeinenden Mutter ist eisig und ihr besserwisserischer Adoptivbruder Charles Wallace (Deric McCabe) hilft ihrem Ansehen auch nicht gerade. Eigentlich eine Träumerin, die von den wissenschaftlichen Bestrebungen ihres Vaters inspiriert ist, will Meg derzeit einfach nur eines: Nicht auffallen und ihre Ruhe haben. Aber: Wer nicht auffällt, wird übersehen, was Meg auch nicht recht ist …

Eines der vielen, vielen brennenden Probleme dieses (im Guten wie im Schlechten) sonderbaren Films: Die Drehbuchautoren Jennifer Lee («Die Eiskönigin – Völlig unverfroren») und Jeff Stockwell («Brücke nach Terabithia») verwenden viel, viel Zeit darauf, Charakterzüge und Konflikte zu erklären – doch nicht, sie aufzuzeigen. Charles Wallace wird mehrmals als überaus begabter Junge beschrieben, alles, was das Publikum zu sehen bekommt, ist jedoch nur ein neunmalkluger Dreikäsehoch, der täglich beschließt, ein Fremdwort zu verwenden und der besorgte Lehrer in einem affektierten Tonfall ankeift. Megs Persönlichkeit lässt sich aus den zahlreichen Behauptungen ihres Umfelds zusammenreimen, basierend auf ihren eigenen Handlungen ist diese Figur allerdings ein nahezu blankes Papier.

Dass die Protagonistin letztlich sehr wohl mehr ist als ein unbeschriebenes Blatt, ist fast ausschließlich Reids Schauspiel zu verdanken. Das Skript stellt Meg als austauschbare, dauergeknickte Jugendliche dar, doch Reid schafft es mit authentisch-wehleidigem Blick und besorgter, aber einen Hauch Vitalität bewahrender Stimmfärbung, diese Rolle aus der Ein- wenigstens in die Zweidimensionalität zu retten. Kein großes Lob, doch die Möglichkeiten, «Das Zeiträtsel» ehrlich gemeinte Komplimente zu machen, sind arg begrenzt.

Was noch positiv heraussticht, ist die überbordende Passion, mit der DuVernay «Das Zeiträtsel» ihren persönlichen Anliegen anpasst – wie etwa dem Streben nach einer größeren Diversität in Hollywood. Dies äußert sich nicht nur in der multikulturellen Besetzung, sondern auch in so selbstverständlichen, kleinen Details, wie beiläufigen Dialogwechseln über das lockige Haar der Hauptfigur oder Hintergrundelementen wie einem Buch über einflussreiche, indische Frauen, in dem Reese Witherspoons sprunghafte Rolle in einem ruhigen Augenblick blättert.

Jedoch müssen diese Aspekte von «Das Zeiträtsel» mit aller Macht gegen das grauenvolle Drehbuch ankämpfen – und sie scheitern brutal. Denn was sich Lee und Stockwell hier an Dialogen zusammengezimmert haben, macht in Sachen mangelnder Raffinesse glatt dem Totalausfall «Verborgene Schönheit» Konkurrenz. Wenn die Figur mit den am feinsten geschliffenen, am unprätentiösesten dargebotenen Dialogzeilen ausgerechnet eine andersweltliche Kreatur ist, die sich ausschließlich in Aphorismen ausdrücken kann (jedenfalls, bis dieses Gimmick aus halbseidenen Gründen aufgegebenen wird), dann hat ein Film ein überdeutliches Problem …

Vor allem eine von DuVernay auf lachhafte Art inszenatorisch vergötterte, in einem starren Moderationsduktus salbadernde Oprah Winfrey lässt Sätze vom Stapel, als hätte sie zehn Jahresauflagen an alten Motivationspostern gefrühstückt. Doch auch sonst reiht sich in «Das Zeiträtsel» ein Kalender- und Glückskeksspruch an den nächsten – und wenn sich mal eine augenzwinkernde Leichtigkeit einstellt, wird sie prompt mit einem umso deutlicheren, sülzenden Merksatzmonolog hinfort gewalzt. Etwa, wenn die Botschaft, seine glückliche Mitte finden zu müssen, erst durch einen süffisanten Zach-Galifianakis-Auftritt angedeutet und dann ausführlich verbalisiert wird.

Bei aller Gewalt, mit der «Das Zeiträtsel» durch schieren Text die "Sei motiviert! Du bist etwas wert! Lass dich nicht unterkriegen!"-Keule schwingt, bleibt wenig Raum, um durch die Erzählung wirklich zu inspirieren. Die Etappen, die Meg, ihr Adoptivbruder und ihr Schwarm Calvin (Levi Miller) auf ihrer weltenumspannenden Reise nehmen, haben selbst für einen Kinderfilm lachhaft niedrige Fallhöhen aufzuweisen. Erst labern die guten Damen, die den Kindern das blitzschnelle, intergalaktische Reisen beibringen, die Figuren mit "Ach, alles halb so wild!"-Kommentaren zu, dann heißt es plötzlich, dass Megs Vater dringend gefunden werden muss. Schon begeben wir uns in zügigen Schritten aufs Finale hinzu. Die Warnung, die Kinder dürften nun niemandem mehr trauen, vergessen die angeblich ach-so-vorsichtigen-und-schlauen Figuren sehr bald, in ernstzunehmender Gefahr sind sie dennoch nicht, dann bricht ein chaotisch inszeniertes CG-Gewitter ein. Seufz.

Der Look der digitalen Elemente von «Das Zeiträtsel» ist kurioserweise genauso seltsam wie der restliche Film: Auf der einen Seite sind die unterschiedlichen Welten, die im Laufe der rund 109 Filmminuten bereist werden, hübsch gestaltete, farbintensive Anblicke – und meistens sind die Figuren auch nahtlos in die digitalen Hintergründe eingefügt. Andererseits wirkt nicht eine einzige der Filmwelten echt – sie sind unterbevölkert, statisch und steril. Es ist so, als würden die Protagonisten in «Das Zeiträtsel» durch eine Reihe digitaler Gemälde reisen, statt durch eine Vielzahl an glaubhaften Welten.

Aber: Nach dem mit Anschlussfehlern übersäten Filmeinstieg und dem bemühten Mittelteil mündet «Das Zeiträtsel» (vor seiner Fremdscham-Finalschlacht) in einen surrealen dritten Akt, in dem DuVernay und Spencer Averick kreative, assoziative Wege finden, Schauplätze zu wechseln und die quietschsüße, moralinsaure Art des Films durch atmosphärische, fast schon beklemmende Räume aufwiegen. Diese Momente, in denen sich DuVernay völlig frei von erzählerischen Zwängen und den Händchenhalt-Dauermotivationsdialogen des Drehbuchs entfaltet, machen «Das Zeiträtsel» noch immer nicht zu einem passablen Film. Aber wenigstens zu einem faszinierenden Rohrkrepierer. Übereifrige Disney-Komplettisten werden bei einem Kinobesuch also zumindest verwundert dreinblicken, statt sich vor aggressiver Langeweile zu winden – da haben vereinzelte Disney-Flops schon uninspirierter enttäuscht.

«Das Zeiträtsel» ist ab dem 5. April 2018 in einigen deutschen Kinos zu sehen.

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