Die Kritiker

«Jenny – echt gerecht»

von   |  3 Kommentare

Mit seiner neuen Dienstagsserie «Jenny – echt gerecht» serviert RTL ein leicht verdauliches Comedy-Format mit Herz, das mit feministischen Noten aufwartet, aber nicht immer glaubhaft erscheint.

Cast & Crew

  • Regie: Andreas Menck, Nina Wolfrum & Florian Eichinger
  • Drehbuch:Sabine Leipert, Sabrina M. Roessel u.w.
  • Darsteller: Birte Hanusrichter, August Wittgenstein, Isabell Pola, Peter Benedict, Esther Esche, Marc Ben Puch, Anna Büttner, Zora Müller, Isaak Dentler, Nik Fuhrmann u.w.
  • Kamera: Mathias Prause & Florian Licht
  • Schnitt: Oliver GIeth, Johannes Schäfer & William James
  • Musik: Dynamedion
  • Casting: Gitta Uhlig Casting
  • Produzent: Carsten Kelber
  • Produktionsfirma: Talpa Germany Fiction GmbH
Immer mehr hat sich RTL in den vergangenen Jahren im Bereich eigenproduzierter Serienformate getraut, meist fanden sich darin neue Comedy-Stoffe, etwa diese, die zuletzt donnerstags immer häufiger für Quotenerfolge sorgten – darunter «Der Lehrer» oder «Magda macht das schon». Während der Donnerstag also nun schon seit längerer Zeit den Sendeplatz für Eigenproduktionen kennzeichnet, modelte der Kölner Sender erst kürzlich die Dienstags-Primetime um, wo mit «Sankt Maik» und «Beck is back!» zwei weitere Comedys installiert wurden, die allerdings nicht die erhoffte Durchschlagskraft mit sich brachten. Doch RTL lässt sich vorerst nicht entmutigen und präsentiert ab dem 3. April mit «Jenny – echt gerecht» denn nächsten Versuch für eine eigenproduzierte Erfolgsgeschichte.

Titelfigur Jenny Kramer (Birte Hanusrichter) lernen die Zuschauer darin von Anfang an als Frau mit Hirn, aber auch sehr viel Herz kennen. Als einer von wenigen Menschen versucht sie sich, um alle Menschen in ihrer Umgebung zu kümmern, obwohl sie sich mit ihrem Temperament häufig selbst in die Bredouille bringt. Weil sie aufgrund ihrer überbordenden Empathie ihrem Chef trotz all des souveränen Multitaskings immer wieder negativ auffällt, verliert sie gleich zu Beginn ihre Arbeitsstelle bei einem Fast-Food-Lieferservice. Schnell wird klar: Das war kein Einzelfall. Ihr Mundwerk und ihr starker Sinn für Moral bereiten der alleinerziehenden Mutter zweier Töchter in der Arbeitswelt immer wieder Probleme, während ihr Ex-Mann und Vater einer ihrer Töchter (Isaak Dentler) als windiger, aber abgehalfterter Möchtegern-Geschäftsmann die Fürsorge vermissen lässt und Jenny mit ausgelassenen Unterhaltszahlungen im Stich lässt.

Die Rechtswelt gerechter machen


Vor Gericht hat die temperamentvolle Überlebenskünstlerin allerdings keinen Erfolg, als sie endlich Unterhalt von ihrem Mann erfordert – auch weil ihr Anwalt Maximilian Mertens (August Wittgenstein) den Prozess nach der feuchtfröhlichen Partynacht in Folge eines gewonnenen Falls verschläft. Als Jenny ihn in der angesehenen Berliner Kanzlei „Von Bergen & Partner“ konfrontiert, führen Zufälle dazu, dass sie die vakante Stelle als Bürohilfe erhält, nachdem Mertens erfolglos versuchte, sie abzuwimmeln. Damit Jenny nicht Mertens‘ Prozessversäumnis petzt, lässt dieser seine neue Angestellte gewähren. Jenny bringt die Arbeit in der Kanzlei jedoch gehörig durcheinander, als sie gleich in Episode eins eigenhändig einen neuen Fall annimmt. Das ukrainische Zimmermädchen eines städtischen Hotels sucht die Kanzlei auf und berichtet, dass sie der heiße Anwärter auf das Amt des neuen Bürgermeisters, Jacob Theissen, geschwängert habe, nun aber mit dem Kinds nichts zu tun haben möchte. Ein Gewissenskonflikt für Mertens, der Theissen eigentlich als Klienten gewinnen sollte. Doch Jenny fordert Gerechtigkeit…

Die Rollen in «Jenny – echt gerecht» sind von Anfang an klar verteilt, dafür sorgt die Charakter-Exposition der Titelfigur in Episode eins, als diese noch als Angestellte bei einem Liefer-Service jobbt. Jenny ist menschlich zu gut für diese Welt, ihre Sorge für den Nächsten schadet ihrem beruflichen Erfolg jedoch eher. Unterdessen tut ihr die eher auf Pragmatismus und Erfolg konzentrierte Geschäftswelt Unrecht, was den Zuschauer nicht nur auf Anhieb mit Jenny Kramer mitfühlen lässt, sondern auch den Weg für den Krieg der Ideale ebnet, der später innerhalb der Anwaltskanzlei ihren Lauf nimmt. Nicht nur an den Motiven der verschiedenen Anwälte dort werden die Unterschiede zur Protagonistin auffällig, schon die Kleidung verrät grundlegende Differenzen: Jenny erscheint in der grauen Anwaltswelt aus schicken Anzügen und Krawatten in ihrer poppigen bunten Kleidung. Angesichts dessen, dass ihr übertriebener Kleidungsstil direkt ins Auge springt, aber zu keinem Zeitpunkt Erwähnung seitens ihrer neuen Chefs und Kollegen findet, wirken die visuellen Hinweise auf den sich anbahnenden Konflikt zwischen der herzensguten jungen Mutter und den kühlen und sachlichen Anwälten von vornherein etwas plump.

Reibung erzeugt Unterhaltung


Schon zu diesem Zeitpunkt ist klar: «Jenny – echt gerecht» überfordert seine Zuschauer zu keinem Zeitpunkt. Dass die Serie ihre Zuschauer für dumm verkauft, kann jedoch auch nicht behauptet werden. Zwar wirkt der Quereinstieg der Tausendsassarin ohne jegliche Qualifikation in der Welt des Rechts alles andere als glaubhaft, die Verortung des Formats in der Anwaltskanzlei ist jedoch ohnehin nur Vehikel für die wesentlich differenzierteren Zwischenmenschlichkeiten, die sich zwischen Jenny und ihrem neuen Chef Maximilian Mertens abspielen. In diesem findet sich ein klassischer Stereotyp eines Jura-Absolventen: Als Sohn reicher Eltern, karriere-, geld- und erfolgsorientiert, interessieren ihn die wirklich dicken Fische, um in seinem Beruf möglichst schnell aufzusteigen. Dass er es damit sehr eilig hat, zeigt nicht nur sein Maserati, sondern auch die fehlende Gewissenhaftigkeit, mit der Mertens den Pro-Bono-Fall von Jenny verkatert verschlief.

Die Reibungspunkte, die durch dieses neue Verhältnis zwischen den so unterschiedlichen Figuren Jenny und Mertens entstehen, sind tiefgründiger als man zunächst annehmen würde. Schon von Episode eins an zeichnet sich ein Lernprozess beider Charaktere ab, die sich durch ihre Interaktion besser kennenlernen. Beim Versuch Jennys, die Welt in ihrem neuen Job „echt gerecht“ statt nur scheinbar gerecht zu machen, merkt sie, dass sie ihre emotionale Herangehensweise drosseln und nach den Regeln spielen muss, während Jenny ihren Chef darauf besinnt, mehr Empathie und Initiative für die einfachen Menschen und ihre Schicksale aufzubringen.

Eine toll aufgelegte Hauptdarstellerin & ein Hauch Feminismus


Gerade Jenny erschüttert mit ihrem Erscheinen das Berufsbild, das Mertens von seinem Fach hat. Das macht ihn fast zur interessanteren Figur der beiden. Zumindest in Episode eins scheint es August Wittgenstein («Ku’damm 56») aber noch nicht leicht zu fallen, seine Figur mit der angelegten natürlichen Arroganz zu verkörpern. Nicht immer nimmt man ihm die Rolle des kalten und schmierigen Anwalts ab. Sein Spiel wirkt zuweilen etwas hölzern und aufgesagt, was jedoch auch am auf Anhieb temperamentvollen und einnehmenden Spiel von Birte Hanusrichter («Seitensprung») liegen kann, die in ihrer neuen Rolle von Beginn an brilliert und es damit auch schafft, schwächer geschriebene Szenen deutlich aufzuwerten. Dieser Wirbelwind könnte Zuschauer im Rahmen der zunächst zehn Folgen von «Jenny – echt gerecht» noch sehr viel Freude bereiten.

Serienfans, die es mit hochwertiger Ware von Premium-Sendern oder den anspruchsvollen Produktionen von Streaming-Diensten halten, sollten nicht mit zu großen Erwartungen an die neue RTL-Serie herangehen. Die Talpa-Produktion hält sich an die visuellen Standards anderer Senderkollegen, wartet oftmals mit etwas zu poppiger musikalischer Untermalung auf und lässt vor allem Episodenfiguren zumeist flach, was für je 45 Minuten umfassende Episoden aber kein Beinbruch ist. Mit «Jenny – echt gerecht», das zeichnet sich schon im Piloten ab, scheint RTL aber das richtige Mittel zwischen inhaltlichem Anspruch und handwerklichem Aufwand gefunden zu haben.

Spannend wird auch sein, wie sich der Blick auf die verschiedenen Geschlechter im weiteren Verlauf des Formats entwickelt. In Ausgabe eins enthält «Jenny – echt gerecht» fast schon feministische Noten. Frauenfiguren, allen voran Jenny, sind rechtschaffen und offenherzig, ihre Probleme ergeben sich nur aus den Verfehlungen der Männerwelt. Dagegen finden sich in den männlichen Charakteren egozentrische, sexistische und kalte Figuren, denen Jenny mit viel Esprit an den Kragen geht.

Fazit:«Jenny – echt gerecht» besticht durch seine Hauptdarstellerin sowie die Zwischenmenschlichkeiten und moralischen Dilemmata, die die neue Serie anhand ihrer Protagonistin und ihres neuen Chefs behandelt. Hatten Zuschauer im Vorhinein noch gedacht, daraus müsse sich früher oder später eine Liebesgeschichte entwickeln, deutet der Pilot in eine andere, erfrischendere Richtung, macht damit aber soweit alles richtig. Die Dramedy-Serie steht für leicht bekömmliche Dienstagabendunterhaltung, die zwar handwerklich keinen großen Glanz versprüht, aber dennoch kurzweilige Hausmannskost mit Herz und Moral darstellt. Reicht das, um bei RTL zum nächsten Serienhit zu avancieren?

RTL zeigt die ersten zwei Folgen von «Jenny - echt gerecht» am Dienstag, 3. April, ab 20.15 Uhr.

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Es gibt 3 Kommentare zum Artikel
Kingsdale
03.04.2018 11:33 Uhr 1
Fliesbandproduktion ohne neue Ideen! Flop angesagt!
petra.fratzel
03.04.2018 12:40 Uhr 2
Ich weiß schon nach der Vorschau ,dass das ein Flop wird! Einfach nur blöd!
Sergej
10.04.2018 16:21 Uhr 3
Naja besser als der Rest bei RTL, außer der Lehrer, man kann es schon gucken. Die 70% sagt alles, es ist nicht schlecht, aber auch nicht genial. Die Darsteller sind jedenfalls nicht schlecht.

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