Die Kino-Kritiker: «Eine schöne Bescherung»

Mit ihrer umwerfenden Weihnachtskomödie «Eine schöne Bescherung» liefert die schwedische Regisseurin Helena Bergström ein Plädoyer für Vielfalt und Toleranz in jeglicher Hinsicht ab.

«Eine schöne Bescherung»

  • Kinostart: 22. Dezember
  • Genre: Tragikomödie
  • Laufzeit: 108 Min.
  • Kamera: Peter Mokrosinski
  • Musik: Per Andréasson
  • Buch: Helena Bergström, Daniel Réhn, Edward af Sillén
  • Regie: Helena Bergström
  • Darsteller: Anastasios Soulis, Anton Lundqvist, Helena Bergström, Maria Lundqvist, Rakel Wärmländer, Robert Gustafsson
  • OT: En underbar jävla jul (SWE 2015)
In ihrem Heimatland Schweden gehört Helena Bergström zu den gefragtesten Schauspielerinnen in Kino und Fernsehen. Seit 2007 verdingt sie sich auch als Regisseurin, schreibt für ihre Filme die Drehbücher selbst und konnte für ihre dort schon so erfolgreiche Weihnachtskomödie «Eine schöne Bescherung» entsprechend viel nationale Prominenz versammeln. Zu den auch hierzulande wohl bekanntesten Gesichtern ihres außergewöhnlichen Festtagsreigens gehört Robert Gustaffson, der vielen durch seine Rolle des Allan Karlsson in «Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand» im Gedächtnis geblieben ist. In «Eine schöne Bescherung» spielt er nun ebenfalls eine der Hauptrollen, wobei die Geschichte um zwei Patchworkfamilien, die gemeinsam ein besinnliches Weihnachtsfest feiern wollen, gar nicht darauf ausgelegt ist, sich nur mit einer Hauptfigur zu beschäftigen.

Die in anderen Ländern noch ein wenig treffender unter dem Titel «Holy Mess» vermarktete Komödie ist ein Ensemblestück aller erster Güte, punktet aber bei Weitem nicht nur mit ihren starken Darstellerleistungen. Helena Bergström, die auch für diesen Film das Skript selbst verfasst hat, kreiert zunächst eine ungewöhnliche Ausgangssituation und lässt diese mit der Zeit gediegen, aber gekonnt eskalieren, bis von trauter Weihnachtsstimmung kaum mehr etwas übrig ist. Doch so oberflächlich andere Christmas-Comedies letztlich auf ein forciertes Happy End zusteuern, so elegant bringt Bergström mit «Eine schöne Bescherung» die Melancholie des Alltags und die märchenhafte Weihnachtsstimmung unter einen Hut – auch, wenn wohl kaum einer davon Notiz nehmen wird, so ist ihr Film doch ein kleines, unauffälliges Juwel.

Ein Baby zu Weihnachten


Simon (Anastasios Soulis) und Oscar (Anton Lundqvist), beide 27 Jahre alt, sind schon seit drei Jahren ein Paar. Zusammen mit ihrer guten Freundin Cissi (Rakel Wärmländer) haben sie außerhalb von Stockholm ein Haus gekauft. Das Haus muss schwer renoviert werden, nur ein Zimmer ist bereits fertig: das Kinderzimmer, denn Cissi ist im neunten Monat schwanger. Aber wer ist der Vater, Simon oder Oscar? So oder so – sie wollen eine Familie gründen. Ihren Familien haben sie die Neuigkeit noch nicht mitgeteilt, aber ihnen ist klar, dass sie das Geheimnis lüften müssen – und was wäre dafür eine bessere Gelegenheit als Weihnachten, das Fest der Liebe und Toleranz. Doch während Oscars Vater (Robert Gustafsson) das baufällige Haus erbarmungslos auf Mängel untersucht, taucht Simons Mutter mit ihrem neuen, sehr jungen Liebhaber auf. Und von der verkündeten modernen Familienplanung ist anfangs niemand so richtig begeistert…

Es gibt viele Geschichten darüber, wie ausgerechnet das Weihnachtsfest als Inbegriff für Ruhe und Besinnlichkeit aus den Fugen gerät. In «Eine schöne Bescherung» geschieht das zwar auch, aber irgendwie ist in dieser 108 Minuten langen, tragikomischen Produktion dann doch alles anders. Helena Bergström inszeniert ihren Film als einen solchen kleiner Gesten. Brodelnde Aggression, Missverständnisse oder gegenseitiges Unverständnis werden hier lange Zeit nicht offen ausgetragen. Entsprechend leise geht es hier zu; große Slapstick-Einlagen oder offensiver Körperhumor finden in «Eine schöne Bescherung» nicht statt. Stattdessen richtet die Regisseurin ihren Blick verstärkt auf die zwischenmenschliche Interaktion, die im Anbetracht der vielen, vollkommen unterschiedlich und konträr gezeichneten Figuren genug Eskalationspotenzial bereithält. Doch einfach nur Gegensätze aufeinander prallen, lässt Bergström nicht.

Dafür sind die Charaktere in sich zu komplex, die Beweggründe für ihr Handeln zu gut durchdacht und die Vernunft der Figuren zu stark ausgeprägt. Stattdessen pickt sich die Filmemacherin in ihrer Charakterstudie die Rosinen raus; sie entlarvt unterschwelligen Fremdenhass, Homophobie oder aber auch einfach nur bislang verleugnete Ängste, die nach und nach alle an diesem Weihnachtsabend zutage treten. Hierbei zeichnet vor allem eine Sache Bergströms Inszenierung aus: die Behutsamkeit, mit der sie die Probleme und mitunter doch kontroversen Ansichten ihrer Figuren betrachtet.

Zwischen Melancholie und Märchen


Verharmlosen tut Helena Bergström indes nichts. Wenn sie die latent schwulenfeindlichen Äußerungen von Familienoberhaupt Ulf zum Auslöser einer großen Krise macht, dann lässt sie den Urheber des Streits später schon früh genug dafür bezahlen, ohne auf Biegen und Brechen eine Läuterung zu fokussieren. Bergström lässt ihre Charaktere einander zuhören und sich austauschen; für Plattitüden oder leere Worthülsen ist da kein Platz. Vielmehr ist ihr daran gelegen, den Ursachen für die verschiedenen Fehlverhalten auf den Grund zu gehen und die Probleme entweder beim Schopf zu packen, oder gleich im Keim zu ersticken. All das klingt für einen Familien-Weihnachtsfilm, erst recht mit betont komödiantischem Einschlag, ganz schön theoretisch.

Dabei bringen es die Regisseurin und ihr exzellent aufeinander eingespieltes Ensemble fertig, die bitteren Zwischentöne dieses aus dem Ruder geratenen Weihnachtsfestes mit viel Erdung zu versehen, wo im Umkehrschluss auch für Humor jede Menge Platz ist. Die Ereignisse auf der Leinwand könnten sich so tatsächlich auch in jeder anderen Familie abspielen, wo unterschiedliche Werte- und Moralvorstellungen aufeinander prallen, einem manch eine Nase des Gegenübers nicht passt, oder wo eben einfach mal nicht alle einer Meinung sind. Ins Bösartige oder Unbelehrbare lässt Bergström ihre Figuren dabei nie kippen; das mag vielleicht eine Spur zu idealistisch sein. Andererseits bleibt «Eine schöne Bescherung» bei allem Realismus ja immer noch ein Weihnachtsfilm.

Um das zu betonen, reichern die Macher das Kammerspiel-Szenario der Familienzusammenkunft mit einigen ausgewählten, das Geschehen prägenden Ereignissen an, die über bloße Gesprächsabläufe hinaus gehen. Mit einer Geburt an Heiligabend meint es die Regisseurin in letzter Instanz vielleicht etwas zu gut, denn wie schon zu Beginn kurz angerissen, ist «Eine schöne Bescherung» vor allem deshalb ein so feiner Film geworden, weil er sich in den leisen Momenten besonders entfalten kann. Hin und wieder durchbricht Bergström das Muster, lässt ihre Charaktere laute Streits austragen oder inszeniert als eine der Highlight-Szenen ein Aufeinandertreffen zwischen zwei Weihnachtsmännern, die beide nichts vom jeweils anderen wussten. Der Film spielt mit den Erwartungen des Zuschauers, deutet viele Storyentwicklungen an, die er letztlich aber nie verfolgt. Hier geht es nicht um die ganz große Katastrophe (wer die will, der erfreut sich derzeit wohl eher an der krawalligen Christmas-Comedy «Office Christmas Party»), sondern um die Nachbildung eines absolut glaubhaften Familientreffens, das Helena Bergström an den richtigen Stellen mit bösem Humor, stiller Hoffnung, viel Nachdenklichkeit und ganz viel Weihnachtszauber anreichert.

Fazit


Mit ihrem tiefsinnigen Weihnachtsfilm «Eine schöne Bescherung» gelingt es der schwedischen Regisseurin Helena Bergström, der dem Weihnachtsfest inne wohnenden Melancholie ein filmisches Gesicht zu geben, ohne dabei auf die Tränendrüse zu drücken. Und für jede Menge beißenden Humor und die eine oder andere Lektion fürs Leben ist obendrein auch noch Platz.

«Eine schöne Bescherung» ist ab dem 22. Dezember in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.
20.12.2016 10:00 Uhr  •  Antje Wessels Kurz-URL: qmde.de/90086