Gut gegruselt: «American Horror Story» stoppt Abwärtstrend in Staffel sechs

Nachdem sich im Rahmen der fünften Staffel sowohl Kritiker als auch Zuschauer vermehrt unzufrieden zeigten, verbesserte sich die Horror-Serie vor allem Dank zweier Kniffe.

Die Reichweiten der «American Horror Story»-Staffeln

  1. "Murder House": 2,82 Mio.
  2. "Asylum": 2,53 Mio.
  3. "Coven": 4,00 Mio.
  4. "Freak Show": 3,85 Mio.
  5. "Hotel": 2,89 Mio.
  6. "Roanoke": 2,93 Mio.
Durchschnitt, ab zwei Jahren
Mit dem Aufstieg der Fernsehserie in den vergangenen Jahren entwickelten sich innerhalb dieses boomenden Sendeformats mehrere Trends, von denen «American Horror Story» gleich zwei mitinitiierte. Zum einen erfreuten sich Horror-Serien, wie sie nach der FX-Serie beispielsweise mit «Penny Dreadful», «The Strain», «Ash vs Evil Dead» oder «Bates Motel» erschienen, einer immer größeren Beliebtheit. Zum anderen fanden auch immer mehr Produktionen gefallen an «American Horror Storys» Sendekonzept einer Anthology-Serie. Zwar war die Idee, jede Staffel mit einer komplett neuen Geschichte aufzuwarten, zum Start der von Ryan Murphy erdachten Serie im Jahr 2011 nicht neu, nach «American Horror Story» erlebten die Anthology-Formate jedoch wieder einen kleinen Hype: Es entstanden Produktionen wie HBOs «True Detective» oder FX-Senderkollege «Fargo», aktuell stellt «American Horror Story» jedoch das am längsten aktuell laufende Anthology-Format in dieser Größenordnung dar.

Das bringt eine große Herausforderung mit sich. Während «The Twilight Zone» oder zuletzt auch «Black Mirror» ihre Ideen meist für eine Verwertung in einer Episode und damit unter einer Stunde ausarbeiten müssen, haben die Autoren im Rahmen von «American Horror Story» jede Season eine sich über viele Episoden entwickelnde, stringente Geschichte hervorzubringen. Im Horror-Genre, das noch dazu von seinen Klischees und immer wieder neu bedienten und auserzählten Motiven lebt, gestaltet es sich noch schwieriger, jedes Mal ein neues Setting zu beleuchten, das die Zuschauer mitreißt.

Tatsächlich schien das Format vor Beginn der sechsten Staffel genau darunter zu leiden. Es fehlten neue, frische Ideen, sodass «American Horror Story: Hotel» (Foto links), die fünfte Runde der FX-Serie, nicht nur den bislang schlechtesten Stand bei Kritikern hatte, sondern erstmals auch im Rahmen von gleich zwei Ausgaben weniger als zwei Millionen Zuschauer erreichte. Die starke erste Staffelhälfte machte die bedenklichen Zahlen des Staffelabschlusses zwar wett, die Schöpfer Ryan Murphy und Brad Falchuk waren aber gewarnt. Die sechste Staffel im Jahr 2016 sollte etwas gänzlich Neues bieten. Mit der am 14. September 2016 gestarteten sechsten Staffel «American Horror Story: Roanoke» brachte die im Stile einer True-Crime-Dokumentation erzählte Geschichte um ein von Geistern heimgesuchtes Haus in North Carolina inhaltlich tatsächlich frischen Wind ins Format. Die Kritiker waren angetan, die Zuschauer auch?

Die Reichweiten der «American Horror Story»-Staffelstarts

  1. "Murder House": 3,18 Mio.
  2. "Asylum": 3,85 Mio.
  3. "Coven": 5,54 Mio.
  4. "Freak Show": 6,13 Mio.
  5. "Hotel": 5,81 Mio.
  6. "Roanoke": 5,14 Mio.
Durchschnitt, ab zwei Jahren
Dass «American Horror Story» durchaus das Potenzial hat, große Zuschauermassen zum Einschalten zu mobilisieren, zeigte sich in den vergangenen Jahren vor allem an den beliebten Staffelstarts, die Horror-Fans wohl dazu benutzten, um auszuloten, ob ihnen das Thema der neuen Staffel zusagt. Seit Staffel drei erreichten die jeweils ersten Episoden der neuen Geschichten mindestens 5,50 Millionen Zuschauer ab zwei Jahren, obwohl im Schnitt am Ende nie mehr als durchschnittlich vier Millionen Personen die Staffel verfolgten. 2015 halbierte sich die Zuschauerzahl von zunächst 5,81 Millionen Zusehern zum Start sogar fast auf letztlich mittlere 2,89 Millionen. Am 14. September 2016 kehrte «American Horror Story» am Mittwochabend um 22 Uhr unter den Augen von immerhin 5,14 Millionen Zuschauern zurück. Mit 2,8 Prozent aller in den USA lebenden 18- bis 49-Jährigen war man nicht nur insgesamt, sondern auch in dieser Altersgruppe das beliebteste Kabel-Programm des Abends, während sich Comedy Central oder TBS im Ranking mit «South Park» und Wiederholungen von «The Big Bang Theory» hinten anstellen mussten.

Im Vergleich zum Staffelstart 2015 verlor die Horror-Serie also fast 700.000 Zuschauer. Dabei hatte man im Vorfeld der sechsten Staffel auf eine besonders fintenreiche Marketing-Strategie gesetzt, indem mehrere komplett unterschiedliche Trailer zur neuen Staffel veröffentlicht wurden. Nur eines der kurzen Videos enthielt konkrete Hinweise auf die Geschichte der neuen Staffel, die erstmals erst mit dem Auftakt der neuen Season selbst bekannt wurde. Zu einem größeren Hype führte dies nicht. Wesentlich wichtiger war jedoch, wie konstant sich „Roanoke“ über die Staffel hinweg zeigen würde, denn darin lagen die großen Probleme des Vorgängers „Hotel“.

«American Horror Story: Roanoke» - das inhaltliche Fazit zur Staffel

"Die Macher von «American Horror Story: Roanoke» haben etwas bewiesen: Es ist tatsächlich möglich, einen Twist zu kreieren, der einem Plot gleichwohl gut tut, wie schadet."
Lesen Sie hier Antje Wessels komplette Staffelkritik.
Auch in den nächsten Wochen brachte es die Horror-Serie nicht auf das Niveau des Vorjahres. Wie üblich verlor das FX-Format im Rahmen der zweiten Episode erst einmal gehörig an Zuschauern. Wandten im Vorjahr satte 1,75 Millionen Zuschauer dem Grusel-Hotel den Rücken zu, sodass noch knapp vier Millionen Personen erreicht wurden, verabschiedeten sich 2016 sogar 1,87 Millionen. Dies bedeutete noch eine Reichweite von 3,27 Millionen Zuschauern nach einer Woche, das Rating gab um einen ganzen Prozentpunkt auf 1,8 ab. Viele Zuschauer wurden wohl mit dem etwas sperrigen Dokumentar-Stil nicht auf Anhieb warm. Zumindest die Konkurrenz im 22 Uhr-Slot am Mittwoch zeigte sich auch in Woche zwei unverändert, sodass die Quotenschwächen eher auf «Amerian Horror Story» selbst zurückzuführen sind. Im Zuge von Folge drei am 28. September schaffte es die Anthology-Serie immerhin, die Verluste niedrig zu halten, als noch 3,08 Millionen Personen einschalteten, weiterhin hätten sich die Senderverantwortlichen jedoch eher Veränderungen in die andere Richtung gewünscht.

Schlimmes mussten letztere befürchten, als «American Horror Story» mit der vierten Episode aus Staffel sechs erstmals unter drei Millionen Zuschauer rutschte und nur noch 2,83 Millionen Fernsehende ansprach, darin enthalten noch 1,4 Prozent aller 18- bis 49-Jährigen in den USA. Folge fünf am 12. Oktober war daraufhin die einzige Episode, die es schaffte, das Niveau der Vorwoche einigermaßen zu halten – nur 10.000 Zuschauer weniger zählte „Chapter 5“ und damit insgesamt 2,82 Millionen Personen ab zwei Jahren. Doch «American Horror Story» hatte diesmal noch einen Trumpf in der Hinterhand. Mit Episode sechs folgte ein großer Plot-Twist mitten in der Staffel, der das Format auf unterhaltsame Weise auf eine Meta-Ebene hob. Viele Horror-Fans fanden so wieder mehr Interesse an der seit 2011 existierenden Serie. Zwar nicht im Rahmen von Episode sechs selbst, die 2,48 Millionen Menschen unterhielt, dafür aber sieben Tage später, als Episode sieben erstmals mit einer höheren Reichweite aufwartete als die vorangegangene Episode.

Hierin lag der große Vorteil der sechsten Staffel gegenüber Season fünf. Während „Hotel“ über die ganze Laufzeit hinweg kontinuierlich Zuschauer verlor und ab Folge 10 unter zwei Millionen Interessenten fiel, brachte der Twist in Staffel sechs „Roanoke“ wieder kurzfristig etwas mehr Aufmerksamkeit. Eine zweite wichtige Entscheidung der Macher war, die sechste Staffel auf zehn Episoden zu verkürzen, denn auch nach dem aufsehenerregenden Bruch in der Staffel ging es zunächst wieder abwärts.

Episode acht verbuchte 2,20 Millionen Zuschauer, wonach Episode neun sich wieder auf 2,43 Millionen verbesserte. Damit lag «American Horror Story» eine Folge vor dem Staffelfinale bei einem Rating von 1,3 Prozent. Schon zu diesem Zeitpunkt konnte man sich bei FX sicher sein, dass Staffel sechs eine bessere Performance hinlegen würde als ihre Vorstaffel. Diese Annahme bestätigte das Staffelende, der große Aufschwung kam zum Finale jedoch nicht. Mit 2,45 Millionen Zuschauern am 16. November 2016 bestätigte man in etwa das Niveau der Vorwoche.

Mit «American Horror Story: Roanoke» manövrierten die Showrunner Ryan Murphy und Brad Falchuk das Format inhaltlich und zum Teil auch quotentechnisch wieder in die richtige Richtung. Dies hatte mehrere Gründe: Zum einen durch ein erfrischendes neues Konzept, das Genre-Grenzen aufsprengte, zum anderen durch zwei wichtige Kniffe: Den Twist innerhalb der Staffel, der einige Zuschauer zurück zum Format holte und durch die verringerte Episodenzahl, die zu einer größeren Kompaktheit der Season führte. Letztlich verbesserte sich «American Horror Story: Roanoke» gegenüber der Vorstaffel jedoch nur leicht, weshalb abzuwarten bleibt, ob die Macher auch in Staffel sieben wieder mit Ideen aufwarten können, die zu einem gesteigerten Sehinteresse führen. Insgesamt 2,93 Millionen Zuschauer verfolgten Staffel sechs im Schnitt. Einer siebten Runde sollte in dieser Form nichts im Wege stehen. Der vor allem inhaltliche Druck bleibt jedoch groß.
21.11.2016 18:30 Uhr  •  Timo Nöthling Kurz-URL: qmde.de/89459