Die Kritiker: «Poka heißt Tschüss auf Russisch»

Im Rahmen des "Kleinen Fernsehspiels" zeigt das ZDF in der Nacht auf Dienstag einen spannenden Stoff um eine russlanddeutsche Familie aus Kasachstan.

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Natalia Belitski als Lena
Pavlo Pasha Antonov als Georg
Jurij Rosstalnyj als Alexander
Gennadi Vengerov als Paschkin
Regina Kletinitch als Lusja
Thomas Pabst als Mischa
Jelena Knyaseva Shmal als Maria

Hinter der Kamera:
Drehbuch: Anna Hoffmann und Oliver Haller
Kamera: Andreas Höfer
Sogar im ländlichen Kasachstan ist im August 1989 der Umbruch angekommen. Zwar werden immer noch Studenten in die örtliche Sowchose gekarrt, um auch in Zeiten der Perestroika den Fünfjahresplan noch irgendwie zu halten. Aber trotz Pionierveranstaltungen, in Betonsprache vorgetragenen sowjetischen Treueschwüren und roten Flaggen in tapferen sozialistischen Patschehändchen ist auch die zur Idylle verklärte zentralasiatische Steppe nicht von tiefgreifenden Veränderungen ausgenommen. Wer kann, geht: Und der Empfang der Aufnahmebescheide aus der Bundesrepublik ist für jede Familie aus der beträchtlichen örtlichen russlanddeutschen Community ein Grund zur Freude.

Auch für Alexander (Jurij Rosstalnyj) und seinen Sohn Georg (Pavlo Pasha Antonov), einen Physiklehrer, der mit seinem Bruder Mischa (Thomas Pabst) unter Ausnutzung der üblichen Korruptionswege Getreide aus der Sowchose entwendet, um sie Verwandten zuzuschanzen. Als sich die Möglichkeit auftut, ist klar, dass man sich auf den Weg in den Westen machen wird, in ein besseres Leben, in Wohlstand und sozialen Aufstieg.

Gegen den Widerstand seines Vaters heiratet Georg vor der Abreise Lena (Natalia Belitski), die Tochter des Prawda-lesenden Sowchosevorstehers, die von ihm ein Kind erwartet. Zusammen tritt die Familie die Reise nach Deutschland an.

Dort landen sie in einer zur Notunterkunft umgebauten Turnhalle in Baden-Württemberg. Die Erwartungen an ein prosperierendes Leben im Wohlstand werden zumindest vorerst enttäuscht. Und auch wenn der Großteil der Familie sehr gutes Deutsch spricht, fällt schon die Akklimatisierung an westliche Verhältnisse schwer. Die Sozialisierung in sowjetischen Kultur- und Konsummustern wird nicht von einem Tag auf den anderen überwunden, und trotz der Aussicht auf eine bessere Zukunft wirkt der Weg zurück ins kasachische Niemandsland für manchen verlockend.

Der in Sowjetkasachstan respektierte Physiklehrer Georg hat in Deutschland keine Chance, in naher Zukunft als Lehrer eine Anstellung zu finden. Seiner Frau Lena, in der kasachischen Heimat Medizinstudentin, wird gerade einmal der Realschulabschluss zuerkannt. Während sich Georg in einer örtlichen Fabrik als Hilfsarbeiter verdingt, kommt Lena dadurch zu Geld, dass sie den russlanddeutschen Mitbewohnern in der Notunterkunft Lebensversicherungen andreht – was, wenig überraschend, für Spannungen sorgt.

«Poka heißt Tschüss auf Russisch» ist keiner der typischen Willkommen-in-Deutschland-Filme, die dem Dreisprung Emigration-Anpassungsschwierigkeiten-Integration folgen und in denen das narrative Ziel (der gelungene Mittelweg zwischen Integration und Assimilation in die deutsche Gesellschaft) von vornherein festgelegt scheint. «Poka» nähert sich dem Thema ergebnisoffener, allein schon indem es einen beträchtlichen Teil seiner Laufzeit nicht in Deutschland, sondern in der kasachischen Heimat seiner Figuren spielen lässt, um das sozio-ökonomisch-kulturelle Umfeld zu zeigen, aus dem sie in die Emigration gehen.

Ihre Vorstellungen, Wünsche und Handlungsweisen werden nicht als vermeintlich seltsam, abnorm oder sonderbar-fremd dargestellt, sondern als vor dem Hintergrund ihrer Sozialisation verständlich. Das erleichtert es den Zuschauern, schnell einen Zugang zu den Charakteren zu finden, und der Autorin, sie nicht nur als eine Ansammlung von Auswandererklischees zu zeichnen. «Poka» ist keine Culture-Clash-Komödie, sondern vielmehr eine Tragikomödie über Identität, kulturelle Barrieren und die Schwierigkeiten des gesellschaftlichen Aufstiegs, die an sehr konkreten Beispielen verhandelt werden: Im Vergleich zum sowjetischen Zentralasien horrenden Hauspreisen, die die Illusion aus der Heimat, es im Westen schnell zu eigenen vier Wänden zu bringen, schnell zerschlagen. Oder das Pochen auf Vertragsdetails in der hohe Rechtssicherheit garantierenden Bundesrepublik, das in der Sowjetunion mit ihrer Mangelwirtschaft und alles durchziehenden Korruption absurd wäre.

«Poka heißt Tschüss auf Russisch» verweigert sich durch seinen leichten und gleichzeitig ernsten, dabei aber nie plakativ-schulmeisterlichen Duktus einer eindeutigen Genrezuordnung, genauso wie man auch im Figurenpersonal ein sehr breites Spektrum zeigt: Nicht alle werden glücklich in Deutschland und manche wählen den Weg zurück in die kasachische Heimat. Andere hingegen wagen, trotz der Enttäuschungen und mancher Hindernisse, ein neues Leben in Deutschland. Beide Geschichten sind erzählenswert – vor allem, wenn sie mit einem solch großen intellektuellen und emotionalen Feingefühl dargestellt werden wie in diesem Film.

Das ZDF zeigt «Poka heißt Tschüss auf Russisch» im Rahmen des „Kleinen Fernsehspiels“ am Montag, den 29. Februar um 00.05 Uhr.
29.08.2016 12:33 Uhr  •  Julian Miller Kurz-URL: qmde.de/87747