Sex. Crime. And Jennifer Lopez.

Jennifer Lopez als korrupte Polizistin des NYPD: Dieser Stoff ist tragfähiger als man zunächst denken würde. Unser First Look zur neuen NBC-Serie:

Cast & Crew

  • Produktion: Nuyorican Productions, EGTV Productions, Ryan Seacrest Productions, Jack Orman Productions, Adi TV Studios und Universal Television
  • Schöpfer: Adi Hasak
  • Darsteller: Jennifer Lopez, Ray Liotta, Drea de Matteo, Warren Kole, Dayo Okeniyi, Hampton Fluker, Vincent Laresca u.v.m.
  • Executive Producer: Jennifer Lopez, Ryan Seacrest, Adi Hasak, Barry Levinson, Nina Wass, Jack Orman, Elaine Goldsmith-Thomas und Benny Medina
New York City gilt bekanntermaßen als ein Hort der Korruption. Das ist in Amerika allgemein bekannt – sei es aus der (fast immer aktuellen) Berichterstattung über groteske Fälle, in denen sich Politiker in schummerig beleuchteten Dinern dicke Umschläge zustecken lassen, einschlägigen Filmen von Martin Scorsese oder Period Dramas wie HBOs «Boardwalk Empire», die dem amerikanischen Publikum zeigen, dass es früher allenfalls noch schlimmer war und manche Dinge sich eben nie ändern.

Lieutenant Matt Wozniak (Ray Liotta) hat in seiner Einheit beim NYPD ein ziemlich stringentes Korruptionsgefüge aufgebaut. Mit hehren Motiven, versteht sich: Er und seine Detectives, darunter die alleinerziehende Mutter – und Hauptfigur – Harlee Santos (Jennifer Lopez), halten die Parks und Schulen sauber von Drogen, Prostitution, illegalem Glücksspiel und gemeingefährlichen Banden und spielen dafür mit den Bossen aus der Unterwelt ein Quid-pro-Quo-Spielchen. Die Cops drücken bei den lukrativen, aber vergleichsweise harmlosen Deals beide Augen zu, die Ganoven halten sich an die Absprachen – und drücken an Matt, Harlee und ihr Team fünfzehn Prozent ab. Wie soll Harlee ihre Tochter bei den lausigen NYPD-Gehältern auch sonst auf eine gute Privatschule schicken, um ihr eine ordentliche Zukunftsperspektive zu ermöglichen?

Das geht natürlich nur mit knallhartem Corpsgeist, der sich zumindest in der Auftaktfolge noch relativ robust zeigt. Als Harlees neuer Kollege, der Rookie Michael Loman bei einem Zugriff ein bisschen schneller zur Waffe greift, als es die Interne Ermittlung so ohne weitere Fragen durchwinken würde, konzipiert Harlee für ihn ein glaubwürdiges, astrein legal klingendes Szenario. Und auch als der Neuling erste Gewissensbisse anmeldet, ob er nicht doch lieber mit der Wahrheit rausrücken soll, bringt Harlee ihn zügig auf Linie. “For the greater good“, wabert das Leitmotiv, das sie mit Matt teilt. „That badge makes us family. There is no I anymore. There is only We.“

Glücklicherweise bleibt «Shades of Blue» jedoch weit davon entfernt, eine Verherrlichung von Corpsgeist oder einem Parallel-Justiz-System zu sein, in dem vielleicht etwas verschrobene, aber eigentlich doch grundgute Cops das Recht, wie sie es auslegen, selbst in die Hand nehmen. Denn ziemlich schnell bringen die Autoren Unruhe in dieses austarierte Quid-pro-Quo-System, von dem Matts NYPD-Einheit auch finanziell gut lebt: Das FBI ist ihnen auf die Spur und Harlee wird auf frischer Tat ertappt, wie sie einem gerade im Geschäft gestarteten Buchmacher (blöderweise ein Undercover-Agent des FBI) die Regeln der Straße erklärt und ihm die erste Tranche abluchsen will. Die Bundespolizei hat Harlee nun in die Hand: Entweder sie beschafft Beweise für die grenzenlose Korruption ihrer Einheit, oder sie wandert für zehn Jahre in Haft.

Zwei Wochen später (ein Flashforward ganz am Anfang des Piloten) zeichnet Harlee an ihrem Laptop ein Video auf: “I always told myself that the end would justify the means. But now that I am at the end I can’t justify anthing.”

Korrupte Cops, die einmal nicht das Böse in Person sind, und denen gleichzeitig nicht allerhand apologetische Mitleidsmonologe ins Drehbuch geschrieben werden – das zeigt auch das amerikanische Fernsehen nicht alle Tage. Natürlich: Das hier ist Network-Fernsehen und eine psychologische, geschweige denn rechtsphilosophische Betrachtung der (rechts-)ethischen Verfehlungen der NYPD-Bullen findet nur sehr begrenzt statt. Trotzdem hat uns «Shades of Blue» etwas zu sagen: über einen kollegialen Zusammenhalt, der zu einer verschworenen Gemeinschaft degeneriert, die bald Grenzen überschreitet, die für sie eigentlich als absolut gelten müssen. Das mit einem spannenden, schnellen Plot zu verweben, ist dieser neuen NBC-Serie durchaus gelungen. Auch wenn – oder vielleicht gerade weil – sie sich tendenziell lieber für eine schnelle, launige, denn eine leise, betrachtende Erzählweise entscheidet.

Der geniale Regisseur Barry Levinson («Wag the Dog». «Sleepers».) hat dabei einen äußerst atmosphärischen Piloten gedreht, in dem der Cast um Ray Liotta, Jennifer Lopez und die ebenfalls sehr präsente Drea de Matteo – alle drei New Yorker Urgesteine – wirklich tolle Performances zeigt. Die emotionale Bandbreite ihrer Figuren, vom Hadern bis zur apologetischen, selbstbesoffenen Self-Righteousness, wird von ihnen sehr einnehmend dargestellt, mit einer klaren und überzeugenden inneren Logik, die man intellektuell verstehen, aber gleichzeitig ablehnen darf. Nur, dass uns das als emotional erlebbares Drama präsentiert wird statt als moralisierendes Lehrstück. Wahrscheinlich sogar die bessere Variante.
12.01.2016 12:30 Uhr  •  Julian Miller Kurz-URL: qmde.de/83106