Gefangen im Pflegenotstand

Die Kritiker: Dr. Prohacek ermittelt in einer neuen Folge von «Unter Verdacht», "Grauzone", wieder angenehm unaufgeregt. Unsere Vorab-Rezension:

Cast & Crew

Vor der Kamera:
Senta Berger als Dr. Eva Maria Prohacek
Rudolf Krause als André Langner
Gerd Anthoff als Dr. Claus Reiter
Marc Oliver Schulze als Peter Söllner
Jürgen Tarrach als Hubert Cuntze
Ryszard Ronczewski als Oleg Kindraschuk
Juta Vanaga als Irina Sokolova

Hinter der Kamera:
Produktion: EIKON Media GmbH
Drehbuch: Isabel Kleefeld und Oliver Pautsch
Regie: Andreas Herzog
Kamera: Wolfgang Aichholzer
Max Söllner, ein Mitarbeiter des Münchner Sozialreferats, wird vor einer Mietskaserne überfahren. Ein Unfall. Doch Söllner war auf der Flucht vor einem finsteren Typen, der ihm seine Unterlagen abnehmen wollte. Man wird ihm in dieser Folge noch oft begegnen.

Max Söllner war der Bruder des derzeit beurlaubten Polizisten Peter Söllner, der bei der Verkehrskontrolle des offensichtlich stockbesoffenen bayerischen Landtagsabgeordneten Hubert Cuntze kürzlich recht unangemessen reagierte. Die Dienstaufsichtsbeschwerde landete auf dem Schreibtisch von Dr. Prohacek und André Langner bei der Internen Ermittlung, die nun ihre Arbeit aufnehmen.

Schnell kommen auch sie dem umfangreichen Sozialbetrug auf die Spur, den der verunglückte Max Söllner untersuchte – auch wenn er nicht lange genug lebte, um alles lückenlos zu dokumentieren: Vornehmlich russlanddeutsche Pensionäre werden von einem dubiosen Pflegedienst betreut, der gut in hohe Kreise im Landtag vernetzt ist und maßlos überhöhte Abrechnungen mit den Kassen vornimmt, sogar für Patienten, die bereits verstorben sind oder mittlerweile gar nicht mehr in Deutschland leben.

Mit dem Mann fürs Grobe kriegt es auch Peter Söllner noch zu tun. Dass er damals im Dienst so ausgerastet ist, liegt vor allem an seinen privaten Lebensumständen: Seine Frau ist vor einigen Monaten schwer verunglückt und seitdem vom Hals abwärts gelähmt. Neben seinem Vollzeitjob besorgt er einen großen Teil der Schwerstpflege allein. „Kranken- und Pflegeversicherung ist keine Vollkaskoversicherung“, lassen die Autoren die Pflegekraft sagen. An anderer Stelle spult Langner ein paar Statistiken über den deutschen Pflegenotstand ab, falls man bei «Unter Verdacht» noch etwas lernen soll, was man eh schon wissen dürfte.

Dass der Duktus an manchen Stellen also ein bisschen arg didaktisch wurde, scheinen die Macher miteinkalkuliert zu haben. „Sehr gut, Fleißkärtchen“, kontert Langners grantiger Vorgesetzter Dr. Reiter dessen problemfilmtypischen Redeschwall.

Ansonsten präsentiert sich «Unter Verdacht» mit „Grauzone“ erneut angenehm unaufgeregt, indem man davon absieht, die gesellschaftlichen Missstände wie eine Monstranz vor sich herzutragen, um Relevanz vorzutäuschen. Stattdessen lädt dieser Film nicht nur zu einer abstrakten Reflexion über die schwierigen bis katastrophalen Bedingungen des deutschen Pflegesystems ein, sondern verdeutlicht die Notwendigkeit einer solchen Reflexion an einer einfachen, aber erfreulich unplakativ gestellten Frage: Wie will ich selbst im Alter leben?

Eine Frage, die auch die Figuren beschäftigt, die noch ein ordentliches Stück bis zur Verrentung oder Pensionierung vor sich haben: Prohacek hat niemanden, mit dem sie im Alter zusammenleben könnte. Langner kontert, er könne wahrscheinlich mit gar keinem Menschen zusammenleben. Und Dr. Reiter hat vorgesorgt: Sein Geld ist im geschlossenen Immobilienfonds von just dem Mann angelegt, der mit den finsteren Gestalten gemeinsame Sache macht, gegen die Prohacek und Langner gerade ermitteln.

Und so fügt sich in „Grauzone“ ein Plot-Rädchen perfekt ins andere. Fast ein wenig zu perfekt, um vollends die Glaubwürdigkeit zu bewahren. Trotzdem bleibt der Stoff letztlich sehr nahbar: Dafür sorgt das nach wie vor sehr einnehmende Spiel von Senta Berger und ihren Kollegen Rudolf Krause und Gerd Anthoff.

Das ZDF zeigt «Unter Verdacht – Grauzone» am Samstag, den 9. Mai um 20.15 Uhr.
09.05.2015 14:00 Uhr  •  Julian Miller Kurz-URL: qmde.de/78127