Serien-Update: «Chuck»

Die sympathische Agentenserie scheut die Veränderung. Nur langsam schritt die Entwicklung der Figuren und ihrer Beziehungen voran.

Nach nur 13 Folgen endete im Herbst 2009 auf den deutschen Bildschirmen die Serie um den Agenten wider Willen: Chuck Bartowski war die gesamte Datenbank der CIA ins Gehirn geladen worden, wodurch er zum wertvollsten Spion überhaupt wurde - nur leider keinerlei Ausbildung besaß. Mit viel Humor gelang es «Chuck» eine tolle Balance zwischen Comedy und Actionserie zu wahren, auf der einen Seite Agentengeschichten zu erzählen und auf der anderen Seite nie das Privatleben der Figuren aus dem Blick zu verlieren. Was «Chuck» schon in der ersten Staffel so besonders machte, war die stimmige Mischung und der große Sympathiefaktor seiner Antihelden.

Die Episodenzahl, die sonst meist eine schnelle Absetzung bescheinigt, hatte hier einen anderen Grund: Aufgrund des Autorenstreiks im Jahr 2008 hatte NBC die Produktion der Staffel an dieser Stelle auf Eis legen und die erste Staffel beenden müssen. Doch «Chuck» schaffte trotz durchwachsener Quoten den Sprung ins zweite Jahr, dann mit noch schlechteren Zahlen und einer groß angelegten Fankampagne auch die Verlängerung für Staffel drei. Im vergangenen Frühjahr war klar: «Chuck» wird auch noch eine vierte Staffel erleben - mit 24 Episoden sogar eine überlange.

Die Serie ist ein wahrer Überlebenskünstler mit einer kleinen aber treuen Fanbasis. Wohl auch aus dem diesem Grund, um die Erwartungshaltung zu erfüllen, veränderte sich seither nicht viel am Status Quo der Serie. Verschleißerscheinungen wurden immer bis zum allerletzten Moment ignoriert, bevor Stellschrauben nachgezogen wurden. Zwar entwickeln sich die Figuren langsam weiter, insbesondere Chuck und seine Beziehung zu Sarah, aber im Endeffekt bleibt auch nach vier Jahren alles beim Alten. Umwerfende Twists wie am Ende der zweiten Staffel gibt es nur auf dem Papier - in der realen Umsetzung verlieren sie meist schnell ihre Relevanz.

«Chuck» ist ein bewusstes Relikt aus den 70ern und 80ern, als Agenten flotte Sprüche auf den Lippen statt das Folterwerkzeug in Reichweite hatten, die größten Schießereien erstaunlich unblutig abliefen und man sich am Ende der Serie nicht sicher war, ob wirklich sieben Jahre oder bloß sieben Tage vergangen waren. Beharrlich verweigern sich die Autoren dem seriellen Trend einschneidender Entwicklungen. Wird ein konkreter Handlungsbogen aufgesetzt, so kann man davon ausgehen, dass er spätestens in zwei Wochen abgeschlossen ist. Das macht «Chuck» nicht zur spannendsten Serie auf dem Markt, aber zu einer, bei der man sich als Zuschauer und Fan Zuhause fühlen kann.



Da dürften selbst die vielen tausend Fans einstimmen, die ihre Lieblingsserie mit großen Kampagnen und Massenkäufen in Restaurants des Sponsors Subway jedes Frühjahr unterstützen: Mutig sind die Produzenten von «Chuck» nicht, große Veränderungen scheuen sie oder schrecken vor den Konsequenzen zurück. Als am Ende der zweiten Staffel der Buymore-Markt in Schutt und Asche gelegt wird, wurde heiß diskutiert, was das für die Serie bedeuten würde und wie viele der dort angesiedelten Figuren ausscheiden müssten. Zu Beginn von Staffel drei stand einfach ein nagelneuer Markt dort. Geht Sarah zeitlich unbegrenzt undercover, so endet die Mission schon nach zwei Wochen, verliert Chuck die Intersect, so erhält er sie zwei Wochen darauf zurück.

So steht die Serie beinahe am Anfang: Chuck, Sarah und Casey bilden das Agententeam und auch wenn sich die Fähigkeiten etwas zugunsten von Chuck verschoben haben, sind die Rollen darin immer noch dieselben. Morgan und Devon wissen von Chucks Spionage-Tätigkeit, ausgespielt wird das aber immer nur dann, wenn sich gerade die Gelegenheit ergibt. Auch der Buymore-Markt mit all seinen schrägen Insassen ist weiterhin im Zentrum des Geschehens obwohl ihn viele Zuschauer seit drei Jahren als überflüssig ansehen. Mit diesem Urteil sollte man vorsichtig sein - es ist gut möglich, dass ohne Buymore ein sympathisches Herzstück der Serie verloren ginge.

Chuck und Sarah. Diese Beziehung bildet die Konstante der gesamten Serie, durch all ihre Höhen, Tiefen und insbesondere Längen. Viel zu lange dauerte das Hin und Her zwischen den beiden Hauptrollen bis sie nach immerhin zweieinhalb Jahren schließlich endgültig zueinander fanden. Daraus haben die Produzenten gelernt, denn seither wird die Beziehung langsam, aber stetig weiterentwickelt statt auf der Stelle zu stehen. Doch «Chuck» ist vorhersehbar: Wer würde dagegen wetten, dass im Staffelfinale eine weitere Hochzeit ansteht und im Falle einer Fortsetzung auch das Babyglück nicht allzu lange auf das junge Paar warten wird?

Während «Chuck» immer wieder mit grandiosen und schrägen Einzelepisoden punkten kann, ob sie nun komplett für sich allein stehen oder einen Teil des roten Staffelfadens bilden, so blieb letzterer als großes Ganzes bislang immer recht dürftig. Ob FULCRUM oder der mysteriöse Ring: Die großen Gegner von Chuck und seinem Team waren Abstrakta, Organisationen ohne Gesicht und komplett austauschbar. Daran hat die vierte Staffel gefeilt, mit Volkoff und Tochter den Konflikt auf eine privatere Ebene heruntergesetzt. Und trotzdem bleibt die Ausarbeitung mager, Potential wird verschenkt.

Potential, das «Chuck» offenbar gar nicht unbedingt nutzen will. Sympathisch, anachronistisch, ein wenig naiv. Der Charakter der Serie ist einzigartig in der heutigen Fernsehlandschaft. So wäre es trotz aller Schwächen schade, wenn in diesem Jahr Schluss sein sollte, denn nirgendwo sonst bekäme man zu sehen, wie eine Atombombe mit Apfelsaft entschärft wird. Derzeit sieht es nicht gut aus - genau wie in den drei Jahren zuvor.
06.04.2011 14:20 Uhr  •  Stefan Tewes Kurz-URL: qmde.de/48847