«Lena»-Produzenten: 'Hoffen auf ein Steigerungspotential'

Sie sind jung und erfolgreich und machen jetzt die neue ZDF-Telenovela. Manuel Weis sprach mit den beiden Filmemachern über «Lena».

Herr Berg, Herr Wiedemann, was sehen Sie selbst eigentlich gerne im TV?
Quirin Berg: Spontan schaue ich eigentlich sehr selten TV, ich suche mir gezielt Filme oder deutsche Serien heraus. Z.B. die neuen Sat.1-Serien am Montag sind sehr gelungen, ich freue mich da auf die Fortsetzung. Oder eben die Sendeplätze Montag im ZDF, Dienstags in Sat.1 oder die Mittwochsfilme in der ARD. So rein nach dem Lustprinzip schaue ich viel auf DVD, zuletzt 5 Staffeln «Entourage».

Max Wiedemann: Wir haben in Deutschland ein hervorragendes Fernsehprogramm von unschlagbarer Vielfalt und ich würde mir manchmal wünschen mehr Zeit vor dem Fernseher verbringen zu können. Serien haben für mich eine große Faszination, amerikanische wie deutsche gleichermaßen. Zur Zeit sehe ich mir auf DVD «Curb your Enthusiasm» an, sehr zu empfehlen.

Sie sind junge Fernsehmacher, haben bislang Filme umgesetzt wie «Friendship!». Nun werden Sie eine Telenovela für das ZDF machen, also ein Format, das eher auf eine Zielgruppe 40+ abzielt. Wissen Sie denn, was diese Gruppe sehen möchte?
Berg:
Ich versuche eine Antwort zu geben, die nicht allzu sehr nach „Frauenversteher“ klingt. Eine Telenovela hat sehr viel mit Handwerk zu tun. Man braucht viel Know-How um in diesem Maße seriell zu arbeiten, das reizt uns. Die Produktion von «Lena» stemmt ein großes Team, das reichlich Erfahrung mitbringt, auch für die Zielgruppe. Gerade bei unserem Autorenteam ist das natürlich berücksichtigt. Man darf diese Zielgruppenteilung zwar nicht unterschätzen, aber sie sollte andererseits auch nicht erschränkend gesehen werden. Natürlich möchten wir, dass sich die Telenovela-Fans wohl fühlren, aber wir freuen uns auch über neue Zuschauer. Das Format Telenovela darf ruhig etwas breiter werden, auch jüngere Zuschauer begeistern.

Kurze „Ja-Nein-Antwort“, Herr Berg, weil wir später noch exakter inhaltlich darauf zu sprechen kommen. Ist «Lena» denn auch etwas für junge Männer?
Berg:
Ja.

Sie müssen mir etwas erklären: Ich habe die Filmerfolge wie «Friendship» schon angesprochen – und jetzt gehen Sie her und produzieren eine Telenovela, also ein Format über das vor vier oder fünf Jahren noch die Nase gerümpft wurde und in dem einige Schauspieler nur mitwirkten, weil sie eben Geld verdienen mussten.
Wiedemann:
Hier hat sich vieles geändert. Rein aus Produzentensicht hatte ich immer vollsten Respekt vor der Arbeit der Kollegen. Die Arbeit an «Lena» ist für uns alle etwas ganz besonderes. Es ist ein unglaubliches Gefühl, wenn man das Studio betritt, all die Sets sieht. An dem Format arbeitet ein so großer Apparat, das macht richtig viel Spaß. Der Reiz bestand unter anderem auch in der logistischen Herausforderung, wir müssen jeden Tag mehr als 40 Minuten sendefähiges Material herstellen. Inhaltlich und optisch haben sich Soaps und Telenovelas in den vergangenen fünf Jahren unglaublich weiterentwickelt – das merken alle. Deswegen meine ich sagen zu können, dass alle Schauspieler mit denen wir hier arbeiten, auch wirklich Lust auf das Projekt haben. Ich habe großen Respekt vor dem Pensum, dem sich die Darsteller hier stellen. Unsere Hauptrollen drehen jeden Tag mit wirklich enormen Text-Pensen – das ist fast unglaublich. Das kann man meiner Meinung nach auch nur leisten, wenn man wirklich leidenschaftlich dabei ist. Ich glaube übrigens auch, dass Telenovelas für den Zuschauer heute einen anderen Stellenwert haben als noch vor wenigen Jahren.

Gehen wir ganz zurück zu den Anfängen dieses Projekts: War da zuerst die argentinische Grundlage, die umgesetzt werden sollte, oder war da die Idee einer Telenovela für das ZDF?
Berg:
Das Ziel war eine Telenovela für das ZDF zu machen. Man muss hier erklären, dass wir Anfang des Jahres ein Joint Venture mit Endemol geschlossen haben. Unsere bisherige Firma Wiedemann & Berg Film konzentriert sich ausschließlich auf Kinoproduktionen, mit Endemol haben wir eine neue Firma für die Produktion von TV-Formaten gegründet. Endemol ist eine große internationale Produktionsfirma, die in 26 Ländern tätig ist und für eine Vielzahl sehr erfolgreicher Formate steht. Unter anderem hat Endemol Argentinien eine Telenovela produziert, die in der Spitze fast 65 Prozent Marktanteil erreichte. Durch das Joint-Venture hatten wir exklusiv Zugriff auf diese Vorlage und konnten sie nun für das ZDF adaptieren.

Kommen wir auf das Original zu sprechen: Was macht dieses Format so Besonders?
Berg:
Argentinien ist eines der Mutterländer aller Telenovelas, dort wird wirklich auf höchstem Niveau und mit großer Erfahrung gearbeitet. Das Original ist sehr dicht und temporeich erzählt, ist sehr wendungsreich, emotional, raffiniert. Aber unsere Autoren haben auch in der Adaption einen hervorragenden Job gemacht und daraus eine wirklich starke Geschichte für die deutschen Zuschauer entwickelt.

Ich habe gehört, dass Sie für die deutsche Adaption einige Änderungen vornehmen mussten…
Berg:
Ja, in Argentinien handelte es sich um ein Primetime-Format. Gesellschaftliche Gewalt spielte darin beispielsweise eine große Rolle – in diesem Punkt mussten wir die Geschichten einfach „europäisieren“. Auch die vorkommenden Konflikte zwischen Mann und Frau ließen sich so nicht 1:1 für deutsche Verhältnisse adaptieren, da sind die Rollenbilder in Argentinien immer noch anders als bei uns. Gleich geblieben sind aber die Liebesgeschichte, die Intrigen, der Crime-Plot und natürlich auch das zentrale Thema Musik.

Korruption innerhalb der Polizei hat in Argentinien zur Geschichte gehört. Auch das mussten Sie in der deutschen Version streichen.
Berg:
Stimmt. In Argentinien ist ein großer Aspekt, bei uns würde das niemand akzeptieren. Glücklicherweise ist unsere Realität in Deutschland eine andere. Wir erzählen die Geschichten der Polizeistation trotzdem, allerdings eben geerdeter.

Damit wir das richtig verstehen: Sie werden dort unter anderem die Geschichte einer Affäre erzählen…
Berg:
Ja, unser Vater Sander ist Polizist und er hat eine Affäre mit einer Kollegin - das wird natürlich zu Komplikationen führen...

Sie beginnen die Geschichte mit einem Prolog; darin wird auf den Love Interest, also auf David, geschossen. Die Figur fällt getroffen in einen Pool, niemand weiß, was mit ihm passiert. Dann drehen Sie die Zeit sechs Monate zurück. Welche neuen Möglichkeiten ergeben sich dadurch?
Berg:
Das ist durchaus mutig, aber eben auch ein Element, dass das Format Telenovela etwas weiterentwickelt. Es liefert eine klare Note, was unsere Zuschauer von dieser Serie erwarten können. Zum Ende des Prologs bleibt es vollkommen offen, was passiert, außerdem wird der Täter nicht gezeigt. Das erhöht die Spannung der Serie und regt die Fantasie der Zuseher an: Wer hat auf David geschossen?

Wie kann man so etwas vermarkten? Hilft ein solcher Prolog auch bei den PR-Strategien?
Wiedemann:
Ich denke, dass die Telenovela selbst das Aushängeschild ist. Natürlich wollen wir jetzt zum Start eine breitere Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit haben, im Laufe der Serie spielt Marketing nur bedingt eine Rolle. Wir leben dann eher von der Mund-zu-Mund-Propaganda. Bei täglichen Formaten ist es ja oft so, dass sie ihren Erfolg erst im Laufe der Zeit finden.

Herr Berg, ich will noch einmal über den Prolog sprechen. Sie lassen das Ende offen – und stellen somit ja auch die Frage, ob David möglicherweise stirbt. Gibt es dann bei «Lena» also keine Happy-End-Garantie?
Berg:
Es ist richtig, dass wir das Versprechen eines Happy Ends zwischen Lena und David damit nur bedingt geben können. Natürlich können aber alle Zuschauer auf eben dieses Happy End hoffen. Dass am Ende von «Lena» eine Hochzeit stehen wird, kann ich jedenfalls schon verraten.

Was unterscheidet denn «Lena» noch von den anderen Formaten, die es momentan schon gibt?
Wiedemann:
Wir haben ein sehr interessantes Grundsetting. Im Mittelpunkt steht unsere freche Hauptfigur, die auch ziemlich direkt ausspricht, was sie denkt. Lena ist eine sehr aktive und positive Figur, die ein klares Ziel verfolgt. Musik ist ihre große Leidenschaft und auch ihr großer Traum – auch das ist etwas, das so in dieser Form noch nicht erzählt wurde. Das spricht jüngere und ältere Zuschauer gleichermaßen an. Außerdem haben wir einen starken Krimiaspekt, trotzdem ist die Machart unserer neuen Telenovela sehr positiv, der Look ist hell und kraftvoll.

Ich sage ja immer wieder: Eine erfolgreiche Telenovela braucht nicht nur eine gute Liebesgeschichte, sondern auch originelle und spannende Nebengeschichten. Was haben Sie da mit den Zuschauern vor?
Berg:
Sie haben vollkommen recht. Wir haben ein großartiges Ensemble. Natürlich muss die Liebesgeschichte in einer Telenovela immer präsent sein – aber manchmal muss man in dieser auch die Erwartungen brechen. Und dann muss es eben zwei oder drei weitere Geschichten geben, die man gerne verfolgt. Wir erzählen in «Lena» ja eine Geschichte über drei Generationen und deren Umgang miteinander. Es geht um unsere Hauptfigur Lena, aber auch um ihre Mutter und Davids Großmutter. Lenas Mama, die fantastisch von Jenny Jürgens gespielt wird und die Gräfin Arensberg, fantastisch gespielt von Johanna Liebeneiner, sind ganz wichtige, zentrale Figuren.

Als nicht unwichtigen Teil der Story haben Sie einen Crime-Plot angekündigt. An sich ist eine Telenovela ja aber ein Märchen – hat ein Krimi darin denn Platz? Oder anders gesagt: Sehen Sie ein Risiko dadurch?
Berg:
Auch hier hat sich die klassische Telenovela deutlich weiterentwickelt hat. Wir machen natürlich keinen «Tatort» am Nachmittag, aber die Familiengeschichte und die Aufklärung einiger Rätsel spielen eine wichtige Rolle.

Welche Erwartungen kann man denn quotentechnisch an das Format haben? Wir müssen uns nichts vormachen; zuletzt taten sich sowohl «Alisa» als auch «Hanna» schwer, wenngleich «Hanna» sich zuletzt auf gutem Niveau bewegte. Bei Sat.1 floppt beispielsweise «Eine wie keine»…
Wiedemann:
Das Interesse der Zuschauer an solchen Formaten ist immer noch groß, aber es ist richtig, dass es momentan auch einfach viele solcher Sendungen im Angebot gibt. Basis für alle Quotenerwartungen ist demnach auch die aktuelle Situation, nicht die Marktanteile der Vorgängerformate. Natürlich hoffen wir auf ein Steigerungspotential, allerdings hat sich gezeigt, dass der Wechsel eines solchen Formats auch immer zu einer Neuorientierung führt. Ein solches Format stellt seinen Erfolg langfristig unter Beweis, erfordert die nötige Geduld und das Vertrauen, damit es sich entwickeln und wachsen kann.

Sie haben vorhin schon speziell das junge Publikum angesprochen: Mit welchem Geschichten wollen Sie diese Altersklasse erreichen? Ich erinnere nur daran, dass man auch bei «Alisa» genau dies versuchte, damit aber kläglich scheiterte. Das klassischere «Hanna» hingegen hat bei den Jungen hinzugewonnen.
Berg:
Es geht nicht um spezielle Geschichten für junges Publikum – wir erzählen Geschichten, in denen drei verschiedene Generationen interagieren. Wir glauben, dass wir damit das ZDF-Stammpublikum unterhalten, aber in der Masse etwas breiter werden können. Wir freuen uns aber, dass beispielsweise Jessica Ginkel auch bei jüngeren Zuschauern auf hohe Sympathie stößt.

Wird sich «Lena» denn eher an öffentlich-rechtlichen Formaten wie «Sturm der Liebe» orientieren oder von der Machart her an das modernere «Anna und die Liebe» erinnern?
Berg:
Ich möchte keine Vergleiche ziehen – beide Formate sind auf ihre Art und Weise sehr gut. Wir senden zudem auf einem anderen Sendeplatz als die beiden von Ihnen genannten. Unser Ziel ist es, den Zuschauern etwas zu servieren, das sie sonst so nicht finden.

Welche Rolle spielen Medien wie Internet und dort auch Social Networks bei der Vermarktung der neuen Serie?
Wiedemann:
Internet hat natürlich an Bedeutung gewonnen. Das ZDF hat in diesem Bereich schon seit Längerem eine Vorreiterposition. Deshalb wird es auch zu «Lena» viele begleitende Maßnahmen geben.

Eine letzte Frage noch: Wie werden Sie die erste Folge ansehen?
Berg:
Das Team hat jetzt seit vielen Monaten mit viel Energie an «Lena» gearbeitet, wir werden alle zusammen vor Ort in Köln bzw. Hürth schauen und danach natürlich auch noch ein bischen Feiern. Aber nur ein bischen, denn die Produktion muss ja gleich weitergehen.

Dann wird die Feier wohl nicht ganz so wild. Danke für das ausführliche Interview und alles Gute für den Start.
19.09.2010 09:55 Uhr  •  Manuel Weis Kurz-URL: qmde.de/44638