Der Fernsehfriedhof: Die erste deutsche Talkshow

Eine Sendung, die das deutsche Fernsehen revolutionieren sollte.

Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir eines wahren Meilensteins in der deutschen Fernsehgeschichte.

«Je später der Abend» wurde am 18. März 1973 im Westdeutschen Fernsehen (WDF) geboren und war die erste Sendung im deutschen Fernsehen, die sich selbst als Talkshow bezeichnete. Zwar wurde zuvor bereits in vielen Formaten auch nur geredet (z.B. «Internationaler Frühshoppen» (ab 1953), «Rhein-Ruhr-Clübchen» und «Zu Gast bei Margot Hielscher» (beide ab 1955)), doch erst «Je später der Abend» bekannte sich eindeutig dazu. Die Vorlage für die deutsche Version stammte aus den USA, wo das Format bereits seit den 50er Jahren eine beliebte Programmfarbe bildete. Um die deutschen Zuschauer nicht zu verschrecken, musste der erste Moderator das Konzept zu Beginn der ersten Ausgabe erklären. Er stimmte sie darauf ein, dass im folgenden keine Spiele oder Aktionen folgen würden, sondern nur gesprochen wird.

Mit der Orientierung an der «Dick Cavett Show» versuchte man jedoch ein niveauvolles Talk-Konzept nach Deutschland zu bringen. Daher ging es auch im deutschen Studio sehr zivilisiert zu. Die Gesprächspartner ließen sich ausreden und der Moderator übte große Zurückhaltung. Obwohl die Sendung unspektakulär und intelligent angelegt war, lieferte sie in ihrer Geschichte einige Skandale. Legendär wurde beispielsweise der Auftritt von Romy Schneider, die den Bankräuber Burkhardt Briest bezirzte. Zudem traten Leni Riefenstahl, Klaus Kinski und Inge Meysel in denkwürdigen Ausgaben auf.

Zunächst testete der WDR die Sendung nur in seinem Regionalprogramm. Als sie dort erfolgreich angenommen wurde, wechselte sie Silvester 1973/1974 ins Gemeinschaftsprogramm der ARD und war dort monatlich mittwochs gegen 22.00 Uhr zu sehen. Mit zunehmender Aufmerksamkeit erhielt sie ab 1976 sogar den populären Sendeplatz am Samstagabend um 22.30 Uhr.

Der erste deutsche Talkshow-Moderator wurde Dietmar Schönherr, der auch maßgeblich an der Einführung des Formates beteiligt war. Er war zuvor als Major Cliff Allister McLane in der Science-Fiction-Serie «Raumpatrouille Orion» und später als Moderator der ebenfalls skandalträchtigen Show «Wünsch Dir Was» zu sehen. Als die Sendung immer mehr den Skandal suchte, geriet sein zurückhaltender Stil in große Kritik. Er selbst gab die Moderation Ende 1974 aufgrund von Streitigkeiten über die Gästeauswahl ab. Ihm folgte Hansjürgen Rosenbauer, der im Oktober 1976 ausstieg. Letzter Gastgeber wurde Reinhard Münchenhagen, der ab 1974 auch die erste deutsche Kuppelshow moderierte. Er führte durch die Talkshow bis zu ihrem Ende.

«Je später der Abend» wurde am 29. Juli 1978 beerdigt und erreichte ein Alter von fünf Jahren. Die Show hinterließ die Moderatoren Dietmar Schönherr, der sich weiter auf die Schauspielerei konzentrierte, und Hansjürgen Rosenbauer, der später zum Intendanten des ORB gewählt wurde. Reinhard Münchenhagen präsentierte dann unter anderem das Magazin «Das!.» im NDR.

Möge die Show in Frieden ruhen!

Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann dem legendären «Disney Club».
22.04.2010 09:40 Uhr  •  Christian Richter Kurz-URL: qmde.de/41493