Popcorn und Rollenwechsel: Bis(s) zum Frauenschrei

"New Moon" bewies es erneut: Filme für ein weibliches Publikum bringen die Kinokassen zum Glühen. Kolumnist Sidney Schering plant nach dieser Erkenntnis den erfolgreichsten Film aller Zeiten.

Das gute und nervige im Kino, das auffällige und das, was im Verborgenen bleibt. Ob das Geschehen vor der Leinwand, auf der Leinwand oder hinter den Kulissen: Unser Filmkolumnist richtet sein waches Auge auf die Filmkultur und lässt uns wissen, was er von den Ereignissen rund ums Kino hält.


"New Moon - Bis(s) zur Mittagsstunde" erzielte den erfolgreichsten US-Kinostarttag aller Zeiten. In Deutschland rannten am Startwochenende über 1,5 Millionen Zuschauer in die Kinos, um den neuen Teil der "Twilight"-Saga zu sehen. Und bald startet mit "Zweiohrküken" die Fortsetzung der Til-Schweiger-Romanze "Keinohrhasen", die über 6 Millionen Zuschauer vor die Leinwand lockte.

Welche Aussage muss man daraus ziehen? Ganz klar: Frauenfilme sind erfolgreich. Das bestätigt doch allein schon ein Blick auf die weltweite Kinohitliste, die noch immer vom ultimativen Schmachtfetzen "Titanic" angeführt wird. Das legt die Vermutung nahe, dass jeder, der einen absurd erfolgreichen Film abliefern möchte, unbedingt auf das Frauenpublikum abzielen muss.
Eine Formel ist bereits anhand der genannten Beispiele leicht erkennbar: Man nehme einen jungen, männlichen Hauptdarsteller, der das Potential dazu hat mindestens zwei Generationen von Frauen in Ohnmachtsanfälle, unkontrolliertes Kreischen oder schmutzige Tagträume zu stürzen, würze dies mit einer unerfüllbare Erwartungen ans eigene Leben steckenden, saccharinhaltigen Kitschromanze und im Idealfall mit einem die Estrogene zum Kochen bringenden Soundtrack - schon ist der erfolgreiche Frauenstreifen fast fertig.
Fehlt nur noch eine weibliche Hauptfigur, die möglichst viele blanke Stellen in ihrer Charakterisierung hat, so dass sich sämtliche Frauen irgendwo in ihr wiedererkennen können. Sachte gezeichnete Widersprüche in der Darstellung der Figur sind ebenso hilfreich, um die Identifikationsmöglichkeiten zu erhöhen. Eine aufgeschlossene, moderne junge Frau, die ihr eigener Chef ist und als offen bezeichnet werden kann, aber unter Schüchternheit leidet und alten Werten nachtrauert oder in einem Märchen leben möchte - das ist der Stoff aus dem sich jede Kinobesucherin die Rosinen rauspicken kann, um dann laut aufzuschreien: "Das ist genauso wie in meinem Leben!"

Eigentlich wäre es ein leichtes, auf Basis dieser Erkenntnis den erfolgreichsten Film aller Zeiten zu produzieren: Eine stets mit nacktem Oberkörper herumlaufende Synchronschwimmerstaffel bestehend aus Johnny Depp, Brad Pitt, George Clooney, Robert Pattinson, Zac Efron, Matt Damon und Antonio Banderas verliebt sich in eine aufgedreht-zurückhaltende, links-konservative Bücherwurm-Prinzessin (gespielt von Kate Winslet oder Julia Roberts), die gerne Bücher liest, sich mit ihren Freundinnen trifft und in Discos die Sau rauslässt, ohne sich völlig daneben zu benehmen. Der Soundtrack setzt sich aus den neusten Hits von Timbaland und Nelly Furtado zusammen. Eine Ausnahme bildet natürlich die große Hauptballade des Films, welche von Celine Dion und Dido im Duett gesungen wird.

Tja, der Erfolg könnte so einfach sein...
Wenn das Wörtchen wenn nicht wär', denn leider beweist die Erfahrung, dass reine Frauenfilme nicht zum erfolgreichsten Film aller Zeiten taugen. Ja, "Titanic" spricht Frauen wesentlich mehr an, als Männer. Trotzdem befanden sich viele Vertreter des vermeintlich starken Geschlechts im Kinopublikum. Anders als bei "Sex and the City - Der Film", der wohl eine wesentlich geringere Männerquote aufweisen konnte.

Doch hey, wieso davon beirren lassen? Mischen wir unserem potentiell erfolgreichstem Film aller Zeiten einfach einen Subplot hinzu, in dem riesige Roboter zu Musik von AC/DC Hochhäuser in die Luft sprengen, während Bruce Willis, Will Smith und Arnold Schwarzenegger mehrere leicht bekleidete Jungfrauen in Nöten (Megan Fox, Jessica Alba, Paris Hilton und jeder Pornostar, der gerade am Set vorbeilief) vor ... naja... irgendetwas retten. Egal wovor, Hauptsache es macht "WUMMS!!!", wenn es getroffen wird. Flotte Autos im Hintergrund schaden auch nicht.

Damit hätte unser Film alles, was Männer wollen. Und alles, was Frauen wollen. Der kommerzielle Erfolg ist garantiert!
Komisch, dass Hollywood noch nicht auf diese Idee kam. (Vielleicht liegt es daran, wie dämlich die Kategorien "Männerfilme" und "Frauenfilme" sind. Mist. Hätte ich darüber kolumnisieren sollen?)
30.11.2009 00:00 Uhr  •  Sidney Schering Kurz-URL: qmde.de/38742