Die Kritiker: «Lucie. Läuft doch»

Die neue VOX-Serie mit Cristina do Rego in der Hauptrolle ist richtig entspannendes, angenehmes Fernsehen geworden.

Stab

Schauspieler: Cristina do Rego, Peter Sattmann, Robert Schupp, Kai Albrecht, Eugen Bader, Tina Amon Amonsen
Creator und Headautor: Nicholas Hause
Drehbuchautorin: Mandy Cankaya
Dialogautorin: Denise Ilktac
Produzentin: Michaela Nix
Regie: Buddy Giovinazzo und Frauke Thielecke
Die Berliner Kellnerin Lucie kann an einer Ungerechtigkeit nicht einfach so vorbeigehen. Zum Beispiel, als ihre befreundete, hochschwangere Kollegin während ihrer Schicht von einer Horde übergriffiger Männer bedrängt wird. Das bringt sie dann gleich selber auf die Anklagebank, nachdem sie dem Anstifter ein Serviertablett übergebraten hat. Dort saß Lucie schon so oft, dass der Richter und sie mittlerweile alte Bekannte sind. Nur durch eine Entschuldigung an das Opfer kann sie einem halben Jahr im Bau entkommen – und muss ab jetzt zweihundert Sozialstunden in einer Einrichtung für schwer Erziehbare abarbeiten.

Was als Strafe gedacht war, entpuppt sich als Berufung. Denn wenn Lucie eines kann, dann Menschen Perspektiven eröffnen, die schon lange keine mehr sehen. Ihr wichtigstes Werkzeug ist dabei ihre unerschütterliche Coolness. Als ein Sechzehnjähriger im emotionalen Tief mit einem scharfen Messer in der Speisekammer kauert, setzt Lucie sich einfach neben ihn und probiert an ihrem eigenen Unterarm ironisch verschiedene Suizidwerkzeuge durch, nur um prompt alle als ungeeignet zu verwerfen. Dass sie dabei selber anfängt, zu bluten, ist ihr egal. Als derselbe Junge ihr später gesteht, vor einiger Zeit vielleicht einen Menschen umgefahren zu haben, schnickt sie sich mit ihm ein Auto und fährt zur Unfallstelle. Lucie bleibt auf Augenhöhe, Lucie bleibt cool, Lucie bleibt proaktiv – und geheult wird sowieso nicht, wie es schon der ehemalige Untertitel dieser Serie vorgibt.

Man fragt sich manchmal, woher die junge Frau diese unbändige seelische Kraft nimmt, um bei jeder Entgleisung in ihrem Umfeld sofort korrigierend einzugreifen – ohne dass sie dabei zur dauerlächelnden Grinsekatze-Kümmerin wird, sondern eine individuell angelegte Figur bleibt: mit losem Mundwerk und schier dauergenervtem Gesichtsausdruck.

Dauergenervt und Cristina do Rego: Jetzt klingelt es natürlich und viele Fernsehzuschauer dürften nun an ihre Paraderolle denken. Kimberly Jolante-Pastewka aus «Pastewka» natürlich, die die Hauptfigur dieser Serie fünfzehn Jahre lang Folge für Folge in den Wahnsinn trieb. Und ja, genervt tun und dabei cool wirken, das kann do Rego wirklich verdammt gut. Erst in dieser Serie kann sie jedoch noch ihr anderes besonderes Talent zeigen: Denn gerade ihre Feinfühligkeit verleiht «Lucie» seine Seele und erdet diese Serie in einem angenehmen emotionalen Optimismus, der nie die Schwelle zur penetranten Rührseligkeit überschreitet.

«VOX» zeigt 8 Folgen von «Lucie. Läuft doch» mittwochs um 20.15 Uhr.
17.11.2020 11:00 Uhr  •  Oliver Alexander Kurz-URL: qmde.de/122786