«Der Fall Richard Jewell» - Medienhetzjagd auf einen Unschuldigen

Vom Helden zum Staatsfeind in weniger als 24 Stunden: In seinem auf wahren Ereignissen basierenden Drama «Der Fall Richard Jewell» schildert Regisseur Clint Eastwood das Schicksal eines Mannes, der ungerechtfertigt ins Visier des FBI geriet.

Filmfacts: «Der Fall Richard Jewell»

  • Start: 19. März 2020
  • Genre: Drama
  • FSK: 12
  • Laufzeit: 131 Min.
  • Kamera: Yves Bélanger
  • Musik: Arturo Sandoval
  • Buch: Billy Ray
  • Regie: Clint Eastwood
  • Darsteller: Paul Walter Hauser, Sam Rockwell, Brandon Stanley, Jon Hamm, Olivia Wilde, Kathy Bates, Nina Arianda
  • OT: Richard Jewell (USA 2019)
Die letzten Filme von Clint Eastwood waren immer Streitfälle. Sicherlich auch deshalb, weil er öffentlich nie einen Hehl aus seiner republikanischen Gesinnung gemacht hat, mit der er offenkundig nur einen Schritt davon entfernt ist, öffentlich Sympathien für Donald Trump zu bekunden. Seine letzte Regiearbeit «The Mule» unterstrich dies zudem; ein Roadmovie, das im Umgang mit Afroamerikanern und Homosexuellen unangenehm oft auf der Grenze zwischen größtmöglicher Naivität, schlechtem Geschmack und ewig gestrigen Politansichten balancierte. Sein Kriegsdrama «American Sniper» erntete – sicherlich auch aufgrund der größeren Popularität – noch viel häufiger Applaus von der „falschen Seite“. Schließlich reflektiert anschließend zuhause nicht jeder das Bradley-Cooper-Vehikel so sehr, wie es angebracht wäre, um die Denke des mehr als zweifelhaften Helden entsprechend einzuordnen. Auch der auf wahren Ereignissen beruhende «Der Fall Richard Jewell» löste kurz nach den ersten Screenings Kontroversen aus.

Im Zentrum: die Figur der Journalistin Kathy Scruggs (Olivia Wilde), die der Autor Billy Ray («Gemini Man») und Regisseur Eastwood als sexy-hysterische Karikatur einer Reporterin zeichnen, die für eine gute Story auch schon mal einen FBI-Agenten verführt. Mittlerweile ist bekannt, dass es zwar die Figur selbst gab, der oft beschworene Sex zwischen ihr und Agent Shaw (Jon Hamm) so aber nie stattfand. Auch wenn man sich ein wenig fragt, was die durch diese Szene so entrüstete US-Journaille eigentlich gesehen haben will, denn eine Sexszene gibt es im Film gar nicht und auch die Andeutung derselben ist extrem vage.



„Da ist eine Bombe im Centennial Park. Sie haben 30 Minuten.“


1996 erfährt die Welt zum ersten Mal von dem Wachmann Richard Jewell (Paul Walter Hauser), der berichtet, die Zündvorrichtung während eines Bombenanschlags auf ein Konzert in Atlanta gefunden zu haben – seine Schilderung macht ihn zum Helden, denn sein schnelles Handeln hat unzählige Leben gerettet. Aber nur wenige Tage später nimmt sein Leben eine komplette Wendung: Der Möchtegern-Gesetzeshüter wird zum Hauptverdächtigen des FBI, gleichermaßen diffamiert durch die Presse und die Öffentlichkeit. Unerschütterlich an seiner Unschuld festhaltend, sucht Jewell Hilfe bei dem unabhängigen Anti-Establishment-Anwalt Watson Bryant (Sam Rockwell). Doch Bryant sieht sich der vereinten Gewalt von FBI, Georgia Bureau of Investigation und Atlanta Police Department nicht gewachsen, den Namen seines Klienten reinzuwaschen und Richard gleichzeitig davon abzuhalten, Menschen Vertrauen zu schenken, die ihn zerstören wollen.

Trotzdem ist der Charakter der Kathy Scruggs definitiv das streitbarste Element am Film. Wenn sie kurz nach dem Bombenanschlag die Hoffnung äußert, der Attentäter möge doch bitte „eine interessante Persönlichkeit“ sein, damit für sie am Ende ein möglichst spannender Artikel aus dieser Tragödie herausspringt, dann ist die von Olivia Wilde («Alle Jahre wieder – Weihnachten mit den Coopers») stets sehr affektiert verkörperte junge Frau mit nur einem Satz ausreichend charakterisiert. Auch im weiteren Verlauf unterstreicht sie mit ihren zweifelhaften Recherchemethoden, indem sie sich etwa heimlich im Auto des Angeklagten-Anwalts versteckt, ihre augenscheinlich karikierend angelegte Figur. Und doch entwickelt sich die ganze Geschichte rund um den ins Kreuzfeuer der Medien geratenen Richard Jewell so, dass Scruggs mit der Zeit gar nicht mehr so überzeichnet anmutet. Stattdessen scheint sich in ihrem Charakter all das zu manifestieren, was die Medien über viele Wochen mit ihrem scheinbar gefundenen Opfer anstellen.

Scruggs macht den Anfang mit der vermeintlichen Enthüllungsstory, dass Jewell selbst der Hauptverdächtige ist und löst so ein Schneeballsystem an Falschmeldungen und Mutmaßungen aus, das die Schuldfrage stellvertretend für die US-amerikanische Gesellschaft (und letztlich ja auch irgendwie für das FBI) beantwortet, noch bevor es überhaupt zu ernsthaften Ermittlungen kommt. Und wenngleich das Motiv von der liebreizenden Reporterin längst überstrapaziert ist (als müssten Journalistinnen lediglich ihren Sexappeal spielen lassen anstatt zu recherchieren wie jeder andere auch), ist die durch und durch ätzende Figur der Kathy Scruggs hier doch eine der wichtigsten.

Präzise Nachzeichnung der Realität


Noch viel wichtiger als Scruggs, die übrigens tragischerweise 2001 an einer Überdosis Medikamenten starb, ist aber natürlich Richard Jewell selbst, dessen Schicksal (das durch die Texteinblendung am Ende des Films noch tragischer wird, da der Mann wenige Jahre nach den Ereignissen an einem Herzinfarkt gestorben ist – mit gerade einmal 44 Jahren!) in den USA wochenlang die Medien beherrschte. Der hierzulande noch weitgehend unbekannte Schauspieler Paul Walter Hauser («I, Tonya») verkörpert den von der Gesellschaft verlachten, später immerhin für eine kurze Zeit gefeierten und dann doch wieder nur verachteten Richard Jewell derart kongenial, dass man über seinen Übergang bei der Oscar-Verleihung 2020 nur den Kopf schütteln kann; ausgerechnet die einzige für diesen Film Nominierte Kathy Bates («Die Berufung – Kampf um Gerechtigkeit») sticht als einzige im «Richard Jewell»-Ensemble nicht unbedingt positiv hervor, sondern mimt die verzweifelte Mutter lediglich solide. Hauser dagegen legt sein ganzes Herzblut in die auf den ersten Blick so zwielichtige Richard-Jewell-Figur und changiert vollends authentisch zwischen Selbstmitleid, unangenehmen Machtgelüsten (Wie gefährlich ist es, wenn sich Jemand von der Polizei abgelehntes plötzlich bewaffnet als Wachmann verdingen darf?) und vom Schicksal gebeuteltem Einzelgänger, der durch seine Statur und sein ungepflegtes Äußeres keinerlei Sozialkontakte hat und sich aus Unsicherheit in Waffen- und Vaterlandsliebe flüchtet.

Wie für Eastwood typisch, ist es letztlich vor allem der bedingungslos-naive Glauben an den Rechtsstaat, der die Figur des Richard Jewell erst so richtig tragisch macht: Wenn das FBI unerlaubte Befragungen durchführt und diese Naivität gegen Jewell ausnutzt, wird einem erst so richtig bewusst, wie sehr sich Jewell selbst in seinen Opfer-Status manövriert hat, schließlich profitieren Ermittler und Presse vor allem davon, dass Jewell sich nie wirklich wehrt und für sich selbst einsteht, sondern sich einfach darauf verlässt, dass es am Ende ja schon irgendwie gut für ihn ausgehen wird – er ist ja unschuldig.

Wenn auf diese stoische Attitüde Richard Jewells schließlich der ambitionierte (und gewohnt saustark von «Three Billboards»-Darsteller Sam Rockwell verkörperte) Anwalt Watson Bryant trifft, ergeben sich nicht bloß einige überraschend amüsante Momente; etwa, wenn sich Jewell permanent über Bryants Anweisung hinwegsetzt, nicht mit den FBI-Agenten zu sprechen. Es entwickelt sich auch eine intime Studie darüber, wie zwei grundverschiedene Menschen mit komplett unterschiedlichen Charakterzügen für ein und dieselbe Sache kämpfen können. Jewell im Stillen als auf das System vertrauender US-Bürger, Bryant als eine Art aufbegehrender Rebell, der genau merkt, dass ebenjenes System den Glauben seines Mandanten gewissenlos ausnutzt. Lediglich die auch darstellerisch ungewohnt blasse Kathy Bates wirkt in ihrer Funktion als verzweifelt an die Unschuld ihres Sprösslings glaubende Mutter wie ein Stereotyp, dass in derartigen Filmen nun mal auftauchen muss, um noch mehr Mitleid mit dem ohnehin bemitleidenswerten Richard Jewell zu schüren. Das ist dann auch der Hauptaspekt, der sich «Der Fall Richard Jewell» vorwerfen lässt.

Wenngleich es natürlich vollkommen entgegengesetzt der filmischen Aussage wäre, aus Suspense-Gründen Ungewissheit ob Jewells tatsächlicher Unschuld zu schüren – zumal zumindest in den USA ja auch jeder den Ausgang der Untersuchungen kennt – kehrt Eastwood durchaus fragwürdige Aspekte innerhalb der Geschichte allzu rasch unter den Teppich. Das riesige Waffenarsenal des Verdächtigen ist da nur für einen kurzen Lacher gut, besitzt aber natürlich nicht die Intention, die Waffengesetze in den USA zu kritisieren. Dafür inszeniert Eastwood die Medienjagd auf Jewell einfach viel zu schnörkellos und präzise, sodass hier am Ende – und das auch zu Recht – ausschließlich im Mittelpunkt steht, wie skrupellos die Medien hier vor vielen Jahren ein Menschenleben zerstört haben.

Fazit


«Der Fall Richard Jewell» ist die unaufgeregte Studie einer medialen Hetzjagd, an deren Ende es keine Gewinner gibt. Großartige Hauptdarsteller und eine präzise Inszenierung können über kleine Schönheitsfehler hinwegtäuschen.

«Der Fall Richard Jewell» ist ab dem 19. März in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Der Film läuft in Deutschland nun am 25. Juni 2020 an.
17.03.2020 10:00 Uhr  •  Antje Wessels Kurz-URL: qmde.de/116730