Die Kritiker: «Schwester, Schwester – Hier liegen Sie richtig»

Die RTL-Sitcom «Schwester, Schwester» ist trotz eines sympathischen Casts nur ein paar müde Schmunzler wert.

Hinter den Kulissen

  • Regie & Kamera: Ulli Baumann
  • Cast: Caroline Maria Frier, Anna Julia Antonucci, Christian Tramitz, Gisa Flake, Mareile Blendl, Jasin Challah, Judith Richter, Bastian von Bömches
  • Produzent & Headwriter: Tommy Wosch
  • Musik: Dynamedion
  • Produktionsfirma: UFA Fiction GmbH
Krankenhausserien scheinen einfach nicht alt zu werden – doch die letzte humorige Medical liegt bereits wieder etwas zurück. RTL hofft nun, dass die Marktlücke an gewitzten Krankenhausgeschichten groß genug ist, um Platz für eine neue, eigenproduzierte Sitcom zu machen: «Schwester, Schwester – Hier liegen Sie richtig». Das Format bleibt dem "Hausstil", den RTL-Sitcoms zumeist pflegen, treu und bietet eine flippige Hintergrundmusik, die wiederholt bei Szenenübergängen oder zum Unterstreichen von Pointen rausgeholt wird, Schauplätze in grellen Farben, überbelichtete Bilder und natürlich mehrere "Werden sie, oder werden sie nicht?"-Beziehungsplots, um romantische Spekulationen zuzulassen.

Im Mittelpunkt von «Schwester, Schwester» steht Micki Busch (Caroline Frier), ihres Zeichens Vollblutkrankenschwester: Sie hat endlich den ersehnten Job als Stationsleiterin in einem angesehenen Krankenhaus bekommen. Doch auf diese gute Nachricht folgt eine schlechte: Nach der Trennung von ihrem Freund Paul (Bastian von Bömches) fliegt sie aus ihrer Wohnung und muss daher ins Schwesternwohnheim ziehen. Nach einigen Startschwierigkeiten werden sie und die Schwestern ein eingespieltes Team – sogar Mickis berufliche Konkurrentin und Mitbewohnerin Charly (Anna Julia Antonucci) entpuppt sich als Anwärterin auf den Titel "beste Freundin".

Gemeinsam umschiffen sie persönliche Unbequemlichkeiten, Sorgen um Patienten und die Tücken, für die der verblendete Klinikchef Friedrich Tümmler (Christian Tramitz) immer wieder sorgt. Bleibt nur eine Frage: Wer erobert das Herz von Dr. Kyrgios (Jasin Challah)?


Wenn Micki aus ihrer Wohnung fliegt, weil Paul das Geld für die Miete lieber in eine VR-Brille gesteckt hat, wird bereits deutlich, in welchem Modus die Serie operiert: Paul "versteckt" die Brille sowie die Mahnungen, Mahnungsschreiben, Mahnungsschreibenankündigungen und den ganzen restlichen drohenden Schriftverkehr ungefähr so gut wie Dieter Nuhr seine Abneigung gegenüber Greta von Thunberg. Und dennoch wird es als große Überraschung für Micki verkauft, dass der Faulenzer und Kiffer schon Dutzende von Briefen angenommen und deren Bedeutung vor ihr geheim gehalten hat. Die Option, dass Micki also mindestens genauso verpeilt sein muss wie Paul, damit es zu dieser Situation kommt, lässt die Serie nicht zu – als zu freundlich-fröhlich-fähig wird die Protagonistin gezeichnet. Kurzum: Für den Gag, Berge von Mahnungen zu zeigen, die man unmöglich übersehen kann, wird jegliche innere Logik über den Haufen geworfen.

"Es ist eine Comedyserie!", werden nun sicher manche denken. Korrekt, das ist es, und es gibt absurde Comedyserien, bei denen genau das der Gag wäre, wie tumb unsere Heldin sein muss, um all das zu übersehen. Oder der Gag wäre der Bruch mit der Realweltlogik und aus dem Nichts würde ein gigantischer Turm an Briefen auftauchen. Aber so ist «Schwester, Schwester» weder geschrieben, noch inszeniert. Die Geschichten sollen in unserer Realität angesiedelt sein, nur dass alles eine Spur lockerer und leichter fällt und die Figuren eine Spur schlagfertiger als das Publikum – seichte Feierabendunterhaltung halt.

Und daran ist nichts auszusetzen – es muss halt nur liebevoll, aufheiternd umgesetzt sein. Das trifft nicht zu, wenn "Eine Serie zum Entspannen" verwechselt wird mit "Eine Serie, bei der wir als Verantwortliche nicht mitdenken müssen". "Es wird schon niemand hinterfragen, wie Micki so nachlässig sein konnte, nicht zu erkennen, was Paul da verbockt hat" ist nicht die richtige Einstellung für so ein Format wie «Schwester, Schwester», aber solche kleinen, faulen Bequemlichkeiten ziehen sich durch die Sitcom. Egal, wie nett der Running Gag im Serienauftakt sein mag, dass Leute lange Listen an Mahnungen, Räumungsandrohungen und ähnlichem aufzählen – dieser Gag hätte sich auch stimmig vorbereiten lassen, was wahrscheinlich sogar in ergiebigere Folgegags gemündet hätte. Aber: Nein, «Schwester, Schwester» geht immer den einfachsten Weg.

Wenn Micki in Folge zwei die Pille danach kaufen will, steht sie natürlich in einer überfüllten Apotheke, wo die Apothekerin laut nachfragt, was Micki haben will. Denn offenbar ist der "Peinliche Bestellungen in einer Apotheke aussprechen"-Gag noch nicht ausgelutscht. Immerhin, mag man kurz gönnerhaft denken, wird er üblicherweise mit Kondomen abgezogen, statt mit der Pille danach. Aber dann wird der Gag ausgedehnt und ausgedehnt und ausgedehnt, bis die Nummer einfach durch ist. Kurz glüht der Funke eines Gedanken auf, dass die Szene darauf hinaus will, wie doppelmoralisch wir mit Verhütungsmethoden umgehen, aber, nö: Die Apothekerin ist einfach nur ein spießiger Drachen.

«Schwester, Schwester» besteht hauptsächlich aus überdehnten, oft dagewesenen Quasi-Sketchen wie dem obigen sowie aus verbalen Kalauern. Ideenmangel zum Trotz funktioniert das alles aber durchaus dann und wann, was mal Ulli Baumanns leichtgängiger Regieführung zu verdanken ist (etwa, wenn sich Micki zum Affen macht, um pantomimisch mit Kolleginnen zu kommunizieren), mal dem routinierten Timing des Casts. Vor allem Caroline Frier und Christian Tramitz veredeln mit ihren Performances wiederholt Dialoge, die eigentlich nur für ein sehr müdes Schmunzeln reichen dürften, aus ihren Mündern aber sehr wohl lustig sind. Und Anna Julia Antonucci («Rabenmütter») findet wiederholt einen frischen Dreh für den altbackenen Stoff. Zehn halbstündige Episoden kann das allein aber nicht tragen.

«Schwester, Schwester» ist ab dem 2. Januar 2020 wöchentlich um 21.45 Uhr bei RTL zu sehen.
30.12.2019 11:39 Uhr  •  Sidney Schering Kurz-URL: qmde.de/114635