True-Crime-Trend: Wie Netflix und Co. den Hype weiter befeuern

In den USA widmen sich eigene Sender 24 Stunden am Tag nur wahren Kriminalfällen. Wie die Anbieter an ihre Geschichten kommen und an die Fälle herantreten.

Was genau ist True Crime?

True-Crime-Formate im Fernsehen widmen sich der Darstellung realer Kriminalfälle, überwiegend der von Mordfällen oder anderen Straftaten, die sich entweder durch besondere Schwere oder aufgrund einer besonders ungewöhnlichen, perfiden, abscheulichen oder anderweitig Aufsehen erregenden Vorgehensweise der Täter für die Inszenierung als True-Crime-Story eignen. Während etwa die Jagd nach Serientätern (insbesondere Serienmördern) und deren Verbrechen besonders häufig Gegenstand der eigentlichen Geschichten sind, analysieren regelmäßig erscheinende Werke in gesellschaftskritischer Form auch aktuelle (z. B. rechtliche) Problematiken oder Fälle, die derzeit generell mediales Interesse genießen.
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Dass True-Crime-Formate in den USA eine große Anziehungskraft besitzen, ist nicht neu, denn dies zeigt sich seit Jahrzehnten an Sendungen wie «Dateline». Doch in den vergangenen Jahren erlebte das Genre einen zweiten Frühling. Der aktuelle Hype begann mit dem Podcast «Serial», über dessen Fall HBO zuletzt eine eigene Serie veröffentlichte und schwappte auch auf die heimischen Bildschirme über. Den Anfang machten HBO und Netflix mit ihren Erfolgsserien «The Jinx» und «Making a Murderer». Mittlerweile wird den Krimifans aber auch abseits der Bezahl-Plattformen Krimi-Unterhaltung mit wahrhaftigem Charakter geboten. Vor allem Kabelsender nutzen immer öfter True-Crime-Formate, um ihr Publikum zu erweitern.

Im vergangenen Herbst gingen diesbezüglich gleich mehrere Dokumentationen und Serien an den Start. Die Dokus «Sugar Town» bei Investigation Discovery, «Dirty John» auf Oxygen, sowie die auf einem Drehbuch basierende gleichnamige Serie auf dem Sender Bravo. Zudem startete im März «The Act» bei Hulu und Netflix veröffentlichte gleich eine ganze Reihe an neuen Produktionen, darunter eine Serie zum bekannten Fall Madeline MacCann. Wie können sich die Sender in so einem umkämpften Markt behaupten? Und wie kommt so viel Content überhaupt zusammen?

Investigation Discovery


Investigation Discovery (ID) liegt im linearen Fernsehen an der Spitze der Nahrungskette. Mit durchschnittlich knapp 1,1 Millionen Zuschauern in der Primetime im Jahr 2017 ist ID der erfolgreichste Sender, der sich im Krimi-Sektor bewegt. Damit werden sogar andere etablierte Sender wie FX, AMC, CNN, A&E oder Bravo übertrumpft. Im Jahr 2018 liefen über 650 Stunden frischer Crime-Inhalte über die Bildschirme. ID etablierte sich als erster Sender, der rein auf solche Programme fokussiert. „Wir waren die ersten, die erkannt haben, dass ein möglicherweise großer Markt kommen kann, wenn wir nur versuchen den größtmöglichen Fokus daraufzulegen und Führer auf diesem Gebiet werden“, so Henry Schleiff, Group President von ID und drei weiteren Discovery Networks, gegenüber dem US-Magazin „Vulture“.

Obwohl der Sender 24 Stunden sieben Tage die Woche True Crime zeigt, gibt es dennoch ein gewisses Auswahl-Verfahren hinter all den Geschichten, die erzählt werden. So werden vor allem risikoreiche Handlungen mit vielen Drehungen und Wendungen bevorzugt, die in einer zufriedenstellenden Auflösung enden. Dabei geht es nicht ausschließlich um bekannte Fälle, sondern auch viele unbekannte Begebenheiten finden einen Platz im Programm. Beliebt für die Programmplaner sind vor allem Geschichten, in denen es nicht um wahllose Gewalt geht, sondern um Intrigen zwischen Bekannten, da hierbei noch spannendere Begebenheiten auftreten und noch mehr Wendungen und Motive auftauchen.

Was Investigation Discovery zusätzlich von der Konkurrenz unterscheidet, liegt bereits im Namen. Die Zuschauer dürfen den Ermittlern genauestens über die Schulter schauen, was den Kern des Zuschauerinteresses ausmacht, weniger das Verbrechen an sich. Das ‚Warum‘ und nicht das ‚Wie‘ steht im Mittelpunkt. Die große Konkurrenz von Netflix, HBO und Co. bewertet Henry Schleiff durchaus positiv, denn somit werde das Genre nur noch beliebter, was im Umkehrschluss noch mehr Zuschauer zu ID bringe.

Um das Programm zu füllen setzt der Sender vor allem auf interne Entwicklerteams. Dazu hören sie diverse Podcasts, lesen zahlreiche Artikel und schicken diese dann an Produzenten weiter, die mit Ideen antworten. So werden viele Shows aus dem Boden gestampft, was aber nicht heißt, dass es nicht auch Vorschläge von außen gibt. Zu einem Kampf um externe Projekte kommt aufgrund der Stellung als Marktführer allerdings selten.

Oxygen


Beim Konkurrenz-Sender Oxygen kann man ein ähnliches Schema beobachten. Der Sender hat sich vor wenigen Jahren komplett neu aufgestellt, sendet nun 24 Stunden am Tag True-Crime-Formate und besitzt eine ähnliche Zielgruppe wie ID, verzeichnet jedoch im Schnitt dreimal weniger Zuschauer. Executive Vice-President of Original Programming Rod Aissa scharrt jeden Morgen die Verbrechen der zurückliegenden Nacht um sich, um neue Ideen zu kreieren. Nach dem Umbruch hin zum ausschließlichen Ausstrahlen von Krimi-Formaten hat Aissa zudem einen anderen Wandel erkannt: „Es gibt eine kleine Gruppe von Menschen, die es wirklich gut macht und jetzt gibt es eine ganze Menge anderer, die nach und nach dazulernt, wie man gute Storys pitchen kann.“

Oxygen versucht aber andere Wege zu gehen als die großen Konkurrenten Investigation Discovery oder gar NBC («Dateline»). Es wird ein vielfältigeres Programm geboten - mit Shows, die in jeder Episode ein anderes Verbrechen untersuchen. Beispiele dafür sind «Snapped» und «In Ice Cold Blood». Auch konnte Oxygen Dick Wolfs Serie «Cold Justice» mit ins Programm aufnehmen, nachdem es TNT aus selbigem gestrichen hatte.

Damit will Oxygen den Zuschauer aktivieren, ihn zum Mitdenken zu bewegen und ihn somit selbst zum Detektiv-Sein verleiten. Aissa hegt eine besondere Faszination für Geschichten, die sich um verschwundene Frauen drehen: „Diese Geschichten werden meist ausgeblendet oder die Ermittlungen dauern einfach zu lange und sind meist herzzerreißend. Und doch sind es grandiose Storys, denn man will die Gerechtigkeit, die sie verdienen.“ Deswegen bestellte er auch eine neue Serie, die sich um das Verschwinden von Phoenix Coldon aus St. Louis in 2011 drehen soll. Der Programmplaner achtet bei seiner Auswahl auf entweder bekannte Fälle oder auf Geschichten, die ein schlüssiges Ende haben.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, wie Netflix und Lifetime an True-Crime-Formate herantreten.

Netflix


Das Streaming-Portal Netflix erfreut seine Fans meist mit Zweitverwertungen anderer Fernsehstationen im Bereich True-Crime. Wenn es um Netflix Originals geht, wählt der On-Demand-Riese einen anderen Weg. Während die Zuschauer von ID und Oxygen massenweise Inhalte schauen können, war die Zahl der Netflix-Programme in der Vergangenheit eher überschaubar. „Wir haben uns in eine Richtung bewegt, in der sehr kühn und breit erzählt wird, statt der Sensation zu folgen oder Handlungen oberflächlich darzustellen“, sagte Lisa Nishimura, Leiterin der Programmplanung Dokumentation und Comedy bei Netflix.

Dass man keine Quotenvorgaben erfüllen müsse, verleihe dem Anbieter die Freiheit, komplexe und gewundene Geschichten zu präsentieren, die reich an Details und Nuancen sind. „Wir werden von der Qualität der Handlung getrieben und haben den Luxus der Zeit. Storys brauchen diese Zeit, damit man sie in ihrer ganzen Komplexität erzählen kann und so wie es meiner Meinung nach der Zuschauer auch verdient, sie zu erfahren“, so Nishimura. Sie setzt dabei nicht auf das Gut-gegen-Böse-Klischee, sondern stellt Geschichten mit moralischen Unklarheiten in den Fokus, bei denen der Zuschauer selbst entscheiden muss, was richtig und was falsch ist.

Netflix hat die Form der lang erzählten Krimiserie freilich nicht erfunden, HBO strahlte «The Jinx» schon Anfang 2015 aus, während das Unternehmen aus Los Gatos erst kurz vor Jahreswechsel damals den Markt erschloss, doch hat die Plattform einen erheblichen Vorteil: Binge-Watching. Dem Zuschauer ist es möglich, sich in wenigen Tagen komplett auf eine Handlung einzulassen und zudem kann er besondere Details nochmals anschauen. Statt sich auf die Sensationen in den Schlagzeilen zu stürzen, nehmen sich die Filmemacher Zeit, um ihre porträtierten Personen zu verstehen und nachzuvollziehen. Die Umstände werden genauso beleuchtet wie die Verbrechen selbst.

Ob sich Netflix auf dem True-Crime-Gebiet noch weiter vergrößert? Davon kann man durchaus ausgehen. Um weiteren Content zu generieren, schaut sich das Unternehmen auch auf dem Globus um, ein Beispiel ist hierfür die kürzlich angelaufene Serie aus Indien «Delhi Crime», in der es um eine Vergewaltigung mit Todesfolge geht.

Lifetime


Anders als die Konkurrenten konzentriert sich Lifetime auf Filme, die auf wahren Begebenheiten beruhen und dabei häufig fiktionalisiert wurden. Somit sind ungelöste Fälle eher unpassend für den Sender. Mit «The Keepers» produzierte der Sender aber auch eine Serie, die 20217 sehr erfolgreich lief und für einen Emmy nominiert wurde. Zuvor war Tanya Lopez, Head of Movies bei Lifetime, am gezeigten Fall der 1969 in Baltimore gestorbenen Nonne Cathy Cesnik interessiert, wusste jedoch nicht wie sie die ungelösten Ermittlungen in einen Film verpacken solle. „Es war faszinierend und funktioniert perfekt als Dokumentation, weil es dann mehr um die Ermittlungen ging, genau wie in Podcasts“, so Lopez. „Wenn man aber einen Film bei Lifetime schaut, hat man das Wissen, dass es ein Ende geben wird.“

Anders als ID und Oxygen beschränkt sich Lifetime nicht nur auf das Krimi-Genre, sondern zeigt unter anderem auch inspirierende glaubensbasierte Filme oder Musik-Filmbiographien. Trotzdem liegt der Film aus dem Jahr 2012 «Drew Peterson: Untouchable» mit Rob Lowe und Kaley Cuoco an der internen Senderspitze. Dieser erreichte ein Publikum von 5,75 Millionen Zuschauern. Lopez ist bei der Suche nach neuen Projekten immer auf neue Blickwinkel aus, aus der man das Geschehene betrachten kann. So nehmen die Filme des Öfteren die Opfer genauer unter die Lupe, statt die meist bekannten Täter in den Vordergrund zu stellen.

Interessanterweise war Lopez jedoch gegen die Aufnahme von «New York Prison Break: The Seduction of Joyce Mitchell» in den Programmplan. „Wir haben gerungen, aber schlussendlich hat die Gruppe ja gesagt. Der Grund, warum ich desinteressiert war, ist, dass sie (die Großmutter, die zwei Sträflingen half zu entkommen, Anm. d. Red.) einfach dumm war. Ich finde es nicht schlimm, wenn eine Frau schlechte Entscheidungen trifft und daraus ihre Lehren zieht. Aber ich möchte nicht in einem Geschäft sein, in dem Geschichten über Frauen erzählt werden, die einfach dumm sind.“

Fazit: Ein Ende des True-Crime-Hypes ist nicht in Sicht, zu gut kommen die Formate bei den Zuschauern an. Festzuhalten ist zudem, dass das Genre sehr ergiebig ist und diverse Herangehensweisen zulässt. Es gibt eine unglaubliche Fülle an Geschichten und diese rufen trotz teilweise hohen Alters mancher Fälle noch einige Kontroversen auf. Bestes Beispiel dafür ist die Netflix-Doku-Reihe «Conversations with a Killer: The Ted Bundy Tapes», welche Ende Januar an den Start ging. Die Zuschauer dürfen weiterhin gespannt sein, welche Fälle die Macher der Sender ausgraben und aufbereiten werden. Der Stoff wird wohl niemals ausgehen.
13.07.2019 11:32 Uhr  •  Veit-Luca Roth Kurz-URL: qmde.de/110701