Gewinner des Jahres: Lars Eidinger

Lars Eidinger ist vom Geheimtipp zum Mainstream-Star geworden. Doch am Ende profitieren davon beide: der begnadete Schauspieler und das mit dem Edelmimen konfrontierte Publikum.

Zur Person Lars Eidinger

  • Lars Eidinger wurde 1976 in West-Berlin geboren
  • Er sammelte in den 1980er Jahren erste professionelle Erfahrungen als Kinderdarsteller
  • Er lernte an derselben Schauspielschule wie Devid Striesow, Nina Hoss, Mark Waschke und Fritzi Haberlandt
  • Er erhielt noch während seiner Ausbildung Gastverträge am Deutschen Theater und den Kammerspielen
  • Seine erste Rolle vor der Kamera erfolgte in der Kinderserie «Schloss Einstein»
  • Einem breiten Publikum wurde er durch seine «Tatort»-Rolle in «Borowski und der stille Gast» bekannt
  • Infolgedessen bezeichnete er sich wiederholt als "bester Schauspieler der Welt" - und meint es ernst!
Er bezeichnete sich selbst einmal als „bester Schauspieler der Welt“ und jetzt haben wir den Salat. Einen großen gemischten, in dem – so abgedroschen es auch klingen mag – für jeden Geschmack etwas dabei ist. Denn der am 21. Januar 1976 geborene Berliner, der seine Schauspielkarriere auf der Bühne begann und seit 2002 regelmäßig in kleineren und größeren Rollen vor der Kamera steht, lässt sich nicht gern festlegen. Weder auf Rollen, noch auf Meinungen – das betont er in Interviews immer wieder. Nun wollen wir uns an dieser Stelle nicht mit der Privatperson Lars Eidinger befassen, auch wenn seine unterhaltsamen Auftritte in Talk- und Livestyle-Shows (egal ob als Host wie in «Die Geschichte eines Abends» oder als Gast wie in «Late Night Berlin») regelrecht dazu einladen. Hier präsentiert sich der «Babylon Berlin»-Star von mannigfaltiger Seite; interessiert sich für seine Mitmenschen genauso sehr wie für sich selbst, weint vor laufender Kamera, wenn es ein simples Spaßspiel erfordert oder empfängt Schauspielerin und Model Sophia Thomalla wie selbstverständlich in kurzen Hosen.

Aber um seinen Kleidungsstil soll es hier nicht gehen, sondern um den eigentlichen Grund, weshalb Lars Eidinger von uns als einer der Gewinner des Jahres 2018 ausgezeichnet wird, neben Kollegen wie Anna Schudt und Oliver Masucci. Mit letzterem hat er etwas gemeinsam. Beide standen für Florian Henckel von Donnersmarcks Golden-Globe-Nominee «Werk ohne Autor» vor der Kamera. Masucci als fiktionalisiertes Abbild von Joseph Beuys, Eidinger als Ausstellungsführer, dessen Auftritt gleichzeitig zu den kürzesten und doch einprägsamsten in dem Drei-Stunden-Epos gehört.

Lars Eidinger prägt die Filme, in denen er auftritt, ganz gleich, wie viel Zeit er überhaupt dafür hat. Insgesamt waren es in den vergangenen Monaten vier Filme, die er in Haupt- und Nebenrollen veredelt hat. Als Museumswärter in «Werk ohne Autor», als irrer Serienkiller in Christian Alvarts «Abgeschnitten», in der Rolle des Bertolt Brecht in «Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm» und in «25 km/h» an der Seite von Bjarne Mädel, die beide auf Mopeds durch ganz Deutschland fahren und dabei ihr angeschlagenes Bruderverhältnis kitten. Abgedreht hat Eidinger noch viel mehr: Den umstrittenen Sci-Fi-Horrorfilm «High Life» an der Seite von Robert Pattinson zum Beispiel, in dem es Eidinger allerdings nur auf zwei Sätze bringt (von denen er einen, eigenen Angaben zufolge, übrigens nicht verstanden hat). Auch im RAF-Drama «Wintermärchen» ist er dabei, das im Oktober seine Premiere auf dem Filmfestival in Köln feierte, derzeit allerdings noch ohne bundesweitem Kinostart ist. Und auch Hollywood hat längst angeklopft: 2019 ist Lars Eidinger in Tim Burtons Realverfilmung des Disney-Klassikers «Dumbo» zu sehen. Und da sage nochmal einer, die Remake-Welle des Mäusekonzerns böte keine Vorteile …

Neben der Leinwand sind die Bühne und der Fernsehschirm Eidingers zweites und drittes Zuhause. «Babylon Berlin» und «West of Liberty» gehören zu seinen aktuellen Projekten, Fortführungspläne offen. Dieses genreübergreifendes, bisweilen sogar -sprengendes Portfolio offenbart etwas, was sich im Anbetracht von Eidingers Schauspielexpertise wie eine reine Untertreibung anhört; andere Darstellerinnen und Darsteller wünschen sich ein derartiges Prädikat. Die Rede ist von Wandelbarkeit, die aber auch nur deshalb möglich ist, weil sich Eidinger die von ihm verkörperten Figuren vollständig zu eigen macht. Lars Eidinger wird zu den Charakteren, die er spielt, ist sie, spielt sie nicht. Das hat mittlerweile auch die breite Masse erkannt, die ihn zu Recht feiert. Eidinger ist kein Geheimtipp mehr, er ist jetzt Mainstream. Doch in diesem Fall bedeutet das einfach nur, dass ihn mehr Leute kennen. Die Zugehörigkeit zum Massengeschmack degradiert ihn nicht zum Durchschnitt, im Gegenteil. Lars Eidinger bringt ein wenig Arthouse-Noblesse ins Popcorn-Kino. Ohne ihn wäre der deutsche Film nur halb so selbstbewusst.
12.12.2018 09:30 Uhr  •  Antje Wessels Kurz-URL: qmde.de/105831