Die glorreichen 6 – Kritikerflops, die wir lieben (Teil XII)

Es ist ein Thema, das sich (nahezu) unendlich fortsetzen ließe: Filme, die von der Filmpresse verrissen wurden und mehr Zuneigung verdienen. Wir stellen einige von ihnen vor, die uns besonders am Herzen liegen. Wir beenden diese Staffel mit der Neuauflage von «Die Mumie».

Die Handlung


Filmfacts: «Die Mumie»

  • Regie: Alex Kurtzman
  • Produktion: Sarah Bradshaw, Sean Daniel, Genevieve Hofmeyr, Alex Kurtzman, Chris Morgan
  • Drehbuch: David Koepp, Christopher McQuarrie, Dylan Kussman
  • Darsteller: Tom Cruise, Sofia Boutella, Annabelle Wallis, Sofia Boutella, Jake Johnson
  • Musik: Brian Tyler
  • Kamera: Ben Seresin
  • Schnitt: Gina Hirsch, Paul Hirsch, Andrew Mondshein
  • Veröffentlichungsjahr: 2017
  • Rottentomatoes: 15 %
  • Metacritic: 34%
  • Laufzeit: 116 Minuten
  • FSK: ab 12 Jahren
Nachdem die machtbesessene, ägyptische Prinzessin Ahmanet (Sofia Boutella) vor Jahrhunderten ein abscheuliches Verbrechen begann, wurde sie von ihrem Volk bei lebendigem Leibe einbalsamiert und auf dem Gebiet des heutigen Irak vergraben. Genau dort begeben sich die beiden draufgängerischen Grabplünderer und Kriegsveteranen Nick Morton (Tom Cruise) und Chris Vail (Jake Johnson) auf eine neue Expedition, als sie durch Zufall mithilfe der smarten Archäologin Jenny Halsey (Annabelle Wallis) das Gefängnis der Prinzessin entdecken. Sie heben das Grabmal aus und bringen den Sarg nach London, doch schon auf dem Weg dorthin ereignen sich unheimliche, übernatürliche Dinge, die ihr Flugzeug zum Absturz bringen. In der britischen Hauptstadt angekommen, entfesselt eine Jahrhunderte alte Macht das ultimativ Böse, zu dem ausgerechnet Nick eine ganz besondere Verbindung zu haben scheint…

Die glorreichen Aspekte


Die Neuauflage von «Die Mumie» sollte ursprünglich der Auftakt zu einem von Universal Pictures erdachten Monster-Filmuniversum sein. Im Anbetracht des ausbleibenden Erfolgs wird es so weit jetzt nicht mehr kommen, trotzdem ist der 2017 erschienene Tom-Cruise-Blockbuster weitaus besser als sein Ruf. Schon in den ersten dreißig Minuten bekommen wir es mit zwei draufgängerischen Tunichtguten zu tun, die das Publikum in ihrer unbekümmerten Entdeckerlust sofort mitreißen. Schnell wird deutlich: «Die Mumie» gibt sich vor allem abseits der aufwändig inszenierten Actionszenen angenehm amüsant, setzt auf viel Wortwitz, schnelle Schlagabtausche und einen immer wieder herrlich dämlich dreinschauenden Tom Cruise («Jack Reacher: Kein Weg zurück»), der sich den Film mit seiner ebenso charmanten wie tollpatschigen Attitüde wunderbar zueigen macht. Cruise bleibt zwar im weiteren Verlauf immer eine Art Heldenfigur, doch die absolut kurzweilig inszenierten 110 Minuten Laufzeit als unschlagbarer Heroe vollständig auf seinen Schultern zu stemmen, ist überhaupt nicht die Aufgabe seiner Figur.

Das Drehbuch von David Koepp («Inferno»), Christopher McQuarrie («Mission: Impossible – Fallout») und Dylan Kussman («Flight») rückt erst Cruises Nick sowie seinen Kompagnon Chris, und anschließend bevorzugt Nick und die clevere Jenny in den Mittelpunkt wodurch «Die Mumie» wesentlich weniger Tom-Cruise-One-Man-Show ist, als zunächst angenommen. Der Abenteuerfilm präsentiert sich als starke Ensembleleistung und macht dann am meisten Spaß, wenn so viele Darsteller wie möglich miteinander interagieren dürfen. Das gilt übrigens auch für «Kingsman»-Schurkin Sofia Boutella, die hier als furchteinflößend zurecht geschminkte Mumie (und in Rückblenden ebenso verführerische Prinzessin Ahmanet) Ärsche treten und Menschen in ihre Gewalt bringen darf. Das Zusammenspiel mit Cruise macht Boutella indes sichtbar am meisten Spaß; eine solch abgedrehte Hassliebe hat man auf der großen Leinwand schon lange nicht mehr gesehen.

Da ist es fast ein wenig schade, dass sich Regisseur Alex Kurtzman («Zeit zu leben») zeitweise zu sehr in der Idee verliert, Boutellas Mumie müsse sich in London unbedingt eine Armee aus Untoten zusammenstellen. Das hat zwar einige extrem starke Einzelszenen zur Folge (allein eine Verfolgungsjagd, die sich Tom Cruise unter Wasser liefern muss, ist famos inszeniert), doch es nimmt auch den Fokus vom Kampf zwischen Mumie und Heldentruppe. Stattdessen herrscht hier die recht austauschbare Atmosphäre herkömmlicher Schlachtengetümmel vor – immerhin unter so wenig Zuhilfenahme von Effekten aus dem Computer wie möglich, denn wo sich «Die Mumie» nicht ganz auf die starke Antagonisten-Figur besinnt, spielen die Macher ein anderes Ass umso lieber aus; im Gegensatz zu vergleichbaren Millionen-Blockbustern derselben Dekade wie etwa «Wonder Woman», «Guardians of the Galaxy Vol. 2» oder in Teilen auch «Pirates of the Caribbean: Salazars Rache» ist Kurtzmans Film der Aufwand in den Actionszenen jederzeit anzumerken.



In «Die Mumie» dürfen Autos explodieren, Scheiben zerspringen und selbst die imposante Freilegung von Ahmanets Grabmal wirkt trotz Inszenierung an einem künstlichen Set so, als hätten die Macher an Originalschauplätzen gedreht (müßig, zu erwähnen, dass Tom Cruise auch in «Die Mumie» wieder so viele Stunts wie möglich selbst erledigte). Der Aufwand von über fünfzig verschiedenen Setpieces in diversen Ländern über die USA, Großbritannien bis hin zum Kontinent Afrika steht der Produktion exzellent zu Gesicht. Und wenn in wichtigen Momenten doch einmal Trickeffekte aus dem Computer benötigt werden, verschmelzen CGI und echte Kulisse zu einer solch starken Einheit, dass selbst ein Flugzeugabsturz in Nahaufnahme ziemlich realistisch aussieht.

Während auch die Kameraarbeit von Ben Seresin («Pain & Gain») dazu beiträgt, die Opulenz im Effektspektakel zu betonen, stellt sich der Schnitt dem imposanten Seherlebnis hier und da in den Weg. Manche Übergänge wirken so unsauber, dass man fast glauben möchte, dass hier bereits im Vorfeld die Schere angesetzt wurde, um kein R-Rating respektive eine FSK-Freigabe ab 16 zu riskieren, dabei wäre das im Anbetracht eines anvisierten Horror-Franchises eigentlich gar nicht so tragisch. So aber ist «Die Mumie» ein zwar betont düsterer, aber mit Ausnahme einiger harmloser Todesszenen auch kaum brutaler Film geworden. Auch der im vornherein groß angekündigte Auftritt Russell Crowes («The Nice Guys») als Dr. Henry Jekyll hinterlässt so erst einmal ein Fragezeichen, das aufgrund der wohl ausbleibenden Fortsetzungen leider auch bestehen bleiben wird. Zum damaligen Zeitpunkt eröffnete sich einem nämlich noch nicht, ob seine ikonische Figur nun wie ein Nick Fury in den «Avengers»-Filmen fungieren, oder in den kommenden Geschichten doch eher wie eine eigene Schurkenfigur betrachtet werden soll.

Sein kurzes Stelldichein in dieser Produktion verleiht der ganzen Geschichte indes zusätzliche Würze, denn seine Pläne durchkreuzen die eines Tom Cruise beharrlich. Als das Geschehen von außen betrachtende Figur funktioniert dieser Dr. Jekyll immerhin ganz ausgezeichnet. Und es ist gleichsam auch seine kontroverse Auslegung von Gut und Böse, die für die kommenden Monsterfilme des Dark Universe genug Zündstoff bieten wird; Und natürlich das Schicksal von Nick Morton, der sich bereits in diesem einen Film als idealer Indiana-Jones-Nachfolger beweist. Schade, dass die Hoffnungen auf eine Fortsetzung wohl nicht erfüllt werden.

«Die Mumie» ist auf DVD, Blu-ray und 3D-Blu-ray erschienen sowie via Amazon, maxdome, iTunes, Google Play, Sky Store, Microsoft, Rakuten TV, Videoload, Sony und CHILI abrufbar.
09.12.2018 10:00 Uhr  •  Antje Wessels Kurz-URL: qmde.de/105767