Das neue «X Factor»: Ein Ausrufezeichen, ein Fragezeichen

Mit Thomas Anders, Iggy, Jennifer Weist und Sido ist die einstige VOX-Casting-Show nun zurück im deutschen Fernsehen. Sky hat sich herangewagt.

Weniger ist manchmal mehr. Sky1, der Entertainment-Channel von Deutschlands führendem Pay-TV-Anbieter, hat die Anzahl seiner eigenproduzierten Unterhaltungsformate etwas gedrosselt, dafür aber scheinbar viele Kräfte in der neuen Casting-Show «X Factor» gebündelt. Wobei: So neu ist das Format gar nicht. Drei Staffeln liefen hierzulande schon in Deutschland, zwischen 2010 und 2012 bei VOX. Und dann kam «The Voice of Germany», wie VOX heute zugibt und erfand das Rad der Casting-Show ein kleines bisschen neu. Nichts desto trotz: «X Factor» hat international großes Renomee, brachte in England etwa Künstler wie Leona Lewis („Bleeding Love“) und One Direction groß raus. Laut Sky ist es «X Factor», das weltweit die meisten echten Stars zum Vorschein gebracht hat.

Somit hat sich Sky 1 inzwischen ein kleines, aber feines Line-Up hat internationaler Spitzen-Unterhaltung zusammengestellt; «MasterChef», an deren dritter Staffel gerade fleißig gearbeitet wird, gilt ja auch als erfolgreichste Koch-Casting-Show der ganzen Welt. Zurück aber zum roten X. 15 Folgen – darunter auch ein großes Live-Finale, das am 15. Oktober in Köln über die Bühne gehen soll, hat UFA Show & Factual für den Pay-TV-Sender umgesetzt und dabei nicht nur ein beeindruckendes Studio-Set gezaubert, sondern auch an vielen anderen Stellen ganze Arbeit geleistet.

Das Ausrufezeichen


Ungewöhnlich und einprägsam. So könnte man die Zusammensetzung der Jury, die im Verlauf der Show zu Mentoren werden, bezeichnen. Allen voran sind da die beiden Herren auf den äußeren Positionen zu nennen: Thomas Anders, einer der erfolgreichsten Musik-Macher dieses Landes und in der Szene nicht nur von Modern Talking bekannt, sowie Rapper Sido, der eine ganze Zeit lang den deutschen Hip-Hop prägte. Flippig und kantig präsentiert sich – wie gewohnt - Jennifer Weist (von Jennifer Rostock) sowie Lions Head alias Iggy. Jeder hat seine Meinung, die Jury akzeptiert unterschiedliche Urteile. Auf Tuchfühlung mit den Juroren gehen können die Zuschauer immer zwischen den sechs Auftritten. Dann zeigt «X Factor» Einblicke hinter die Kulissen – nicht nur Interview-Passagen mit der in Folge eins noch etwas blassen Moderatorin Charlotte Würdig, sondern auch kurze Smalltalks der Juroren.

Dass der Humor und der unterhaltende Faktor nicht zu kurz kommen soll, zeigt sich im Laufe der Folge, als auch das männliche Genital ein größeres Thema einnimmt oder schon direkt zu Beginn, als die gutlaunigen Jury-Mitglieder am Studio ankommen. Die Auswahl der sechs Auftritte ist für eine erste Episode ungewöhnlich. So viel sei gesagt: Es ist kein Auftritt dabei, der zum offenen Staunen einlädt, stattdessen waren alle musikalisch an mindestens einer Stelle kritikwürdig. Laut «X Factor»-Regel treten die Kandidaten in vier Kategorien gegeneinander an. Eine dieser Kategorien ermöglicht es beispielsweise auch Gruppen und schon fertigen Bands aufzutreten – sicher das größte Alleinstellungsmerkmal in der deutschen Musikcasting-Landschaft. Zu Beginn spielen diese Kategorien aber nur eine untergeordnete Rolle.

Aber der Grundgedanke zündet schon jetzt: Vor allem zwei Auftritte bleiben im Kopf: Die der Band EES & the Yes-Ja! Band, die in Namibia schon sehr bekannt ist und mit ungewöhnlichen Klängen zum Feiern einlädt und der fast schon ins Kabarett abgleitende Gesang einer jungen Teilnehmerin namens Magdalena, die mit „Lied am Balkon“ eine Eigenkomposition zum Besten gab – und auf andere Weise für großes Staunen sorgte. Dies waren die beiden großen „X Factor-Momente“ der Debüt-Folge. Immer dann, wenn diese Show anders ist als alle anderen, dann ist sie besonders. Verfällt sie stark zum Normalen, sind die Unterschiede zu anderen Musikformaten nur noch marginal.

Das Fragezeichen


Und so schwebt über dem sauber produzierten «X Factor» ein großes Fragezeichen. Braucht Deutschland diese Casting-Show nun wirklich? Keine Frage: In Italien ist das Format für Sky Uno der größte Hit überhaupt und erreicht Zuschauerzahlen, von denen hierzulande kleinere Free-TV-Sender nur träumen können. Aber der TV-Markt in Italien ist vor allem im Free-TV anders geprägt und schwächer aufgestellt. In Deutschland steht dieses «X Factor» in Konkurrenz mit «DSDS» und natürlich der sich wieder anbahnenden neuen «The Voice of Germany»-Staffel, die in der kommenden Saison gleich zwei Ableger bekommt. Kurzum: Es ist schon viel los in diesem Genre.

Das Grundinteresse am neuen «X Factor» ist, betrachtet man Presse-Events von Sky und grundsätzlich die mediale Berichterstattung vor dem Start, vorhanden. Sky hat gut daran getan, laut für sein Herbst-Highlight auf Sky1 zu trommeln. Wichtig aber wird sein, den kompletten September und bis in den Oktober hinein damit nicht aufzuhören. Haben die Macher wirklich mitreißende Stimmen, spannende Künstler und echte Typen gefunden? Für eine Antwort darauf ist es jetzt noch zu früh. Klar sollte aber sein: Ein Selbstläufer ist selbst ein international so starkes Format wie «X Factor» im hart umkämpften hiesigen Fernsehmarkt nicht. Daran kann auch die beste Jury nichts ändern.

«X Factor» läuft bei Sky1 (Montag und Freitag, 20.15 Uhr) und ist natürlich auch auf Abruf verfügbar.
27.08.2018 20:45 Uhr  •  Manuel Weis Kurz-URL: qmde.de/103292