Die Kino-Kritiker

«Rogue One». Eine «Star Wars»-Story. Vier Kritikansätze.

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Kritik des Monats: «Rogue One» erzählt eine Nebengeschichte aus dem «Star Wars»-Universum. Und ist ein Film, der für sich stehen, Reshoot-Debatten entgegnen, «Star Wars» neu erfinden und dem Zeitgeist antworten muss.

Rogue One – A 2016 Story


«Star Wars» an den deutschen Kinokassen

  • 1977: «Krieg der Sterne» (8,02 Mio. Besucher)
  • 1980: «Das Imperium schlägt zurück» (5,05 Mio. Besucher)
  • 1983: «Die Rückkehr der Jedi-Ritter» (5,05 Mio. Besucher)
  • 1985: «Die Ewoks: Karawane der Tapferen» (0,2 Mio. Besucher)
  • 1986: «Kampf um Endor» (0,5 Mio. Besucher)
  • 1999: «Die dunkle Bedrohung» (8,97 Mio. Besucher)
  • 2002: «Angriff der Klonkrieger» (5,67 Mio. Besucher)
  • 2005: «Die Rache der Sith» (5,62 Mio. Besucher)
  • 2008: «The Clone Wars» (0,26 Mio. Besucher)
  • 2015: «Das Erwachen der Macht» (8,97 Mio. Besucher)
Eine Geschichte über Rebellion. Über die Rebellion einer wild durcheinandergewirbelten Gruppe von Haudegen, Träumern und Freidenkern unterschiedlicher ethnischer Herkunft – angeführt von einer Frau. Gemeinsam brechen sie auf, um sich gegen ein faschistoides Imperium zur Wehr zu setzen. Die Aussichten mögen gering sein. Aber es besteht wenigstens ein Funken von Hoffnung – und Rebellion entsteht aus Hoffnung.

In den Wochen des gebannten Wartens auf den Start dieser Rebellenerzählung wurde unter Filmliebhabern (vor allem im US-amerikanischen Raum) vermehrt auf die möglichen politischen Implikationen eingegangen. Der Weltkonzern Disney bewirbt seine 200-Millionen-Dollar-Produktion unter anderem mit dem Hinweis, dass diesen Dezember Zeit für eine Rebellion sei. Selbst wenn der Film noch vor Trumps Wahlsieg abgedreht war, fällt es schwer, beim angespannten politischen Klima innerhalb der Vereinigten Staaten keine Parallelen hineinzuinterpretieren.

Von Filmreportern darauf angesprochen, wie sehr sich Menschen, die vor den möglichen Umwälzungen im „Land of the Free“ Angst haben, in das vorab gezeigte «Rogue One»-Material hineinprojizieren, beschwichtigte Disney-Konzernboss Bob Iger auf der Weltpremiere: „Dieser Film ist nicht politisch!“ Er sei als bloße Unterhaltung gedacht.

Iger tat, was er in seiner Position als Generaldirektor eines globalen Unternehmens tun muss: Er gab auf einem Geschäftstermin eine Richtung vor. Er stellte mit autoritärer Haltung die Aussage in den Raum, nur Eskapismus zu produzieren und niemandem etwas Böses zu wollen. Man will ja keine potentiellen Geschäftspartner oder Kunden vergraulen. Somit stellte er sich, ganz gleich wie seine Absichten zu betrachten sind, schützend vor das jüngste Riesenprojekt seiner Firma. Bloß: Er als Generaldirektor hat wenig Einfluss auf die künstlerische Intention der von Disney vertriebenen Filme. Und selbst wenn er Regisseur, Drehbuchautor und Hauptdarsteller in einer Person wäre, könnte er die öffentliche Wahrnehmung nur bedingt steuern.

Jeder Geschichtenerzähler trifft Entscheidungen, was er wann und wie erzählt. Dies ist, insbesondere bei Storys, die ein immenses Publikum erreichen, in gewissem Sinne ein politischer Prozess. Wurde dieser erstmal abgeschlossen, liegt es an den Rezipienten, wie sie die ihnen gebotene Narrative auffassen. Denkwürdige Filme schlagen zwangsweise Wellen. Da ist die Unterscheidung zwischen öffentlich behaupteter Intention, unterstellten heimlichen Absichten und wilder Interpretation der Kinogänger nebensächlich.

In diesem Sinne: Ja. «Rogue One» ist eine zeitlose Erzählung über Widerstand. Über den mit Willensstärke vollführten Kampf gegen Unterdrückung. Über den Wert von Zusammenhalt, basierend auf Idealen und Aufgeschlossenheit. Dass dies im Jahr 2016, in dem durch mehrere große Nationen ein Ruck des Populismus ging, einen freiliegenden, pochenden Nerv trifft, liegt in der Natur der Sache. Dass die Drehbuchautoren Chris Weitz und Tony Gilroy ihr dreckiges Weltraum-Freiheitskampf-Abenteuer nicht mit bedeutungsschweren, steifen Monologen unterbrechen, nimmt vielleicht Dringlichkeit aus der Sache. Es stärkt dafür aber die eigentliche Geschichte – zumal sie auf beiden Seiten des Konflikts von Handlungsträgern erzählen, die etwas ruchloser oder nachsichtiger sind als ihr direktes Umfeld. Dies verleiht «Rogue One» eine thematische Mehrdimensionalität – die Erkenntnis, dass nicht alles Schwarz oder Weiß ist, sondern sich auf allen Seiten Charakterschweine und netter geartete Zeitgenossen finden, ist eine Erkenntnis, die nicht genug wiederholt werden kann.

Da die Autoren zudem auf durchsichtige Analogien bezüglich wahrer Ereignisse verzichten, was ihrer Erzählung ein knapp bemessenes Mindesthaltbarkeitsdatum aufdrücken würde, formen sie «Rogue One» zu einer allgemeingültigen Geschichte über Courage – statt nur kurz gedachte tagespolitische Statements zu setzen. Insofern: Ja, Iger liegt nicht so falsch. «Rogue One» steht über der heutigen Politik. Es ist ein Film über Grundsätze.

Rogue One – A Star Wars Reconfiguration


Grundsätze sind dazu da, irgendwann gebrochen zu werden. Aber mit Bedacht. Das ist die Essenz von «Rogue One»: Nach sieben Episoden, in denen das Schicksal des Skywalker-Clans beleuchtet und zudem der immerwährende Kampf der mächtigen Jedi gegen dunkle Mächte vorangetrieben wurde, bricht für die «Star Wars»-Reihe im Kino eine neue Ära an. Bisher gab es nur Videospiele, Bücher und Comics, die andere Themenschwerpunkte setzten – sowie die (in Deutschland auch auf der Leinwand gezeigten) «Ewok»-Fernsehfilme.

«Rogue One» ist daher ein ungewohntes «Star Wars»-Erlebnis. Der erste fürs Kino produzierte Realfilm, der nicht die Kernerzählung weiterspinnt – sondern enorm heranzoomt, um eine Story auszubreiten, die in einem intergalaktischen Geschichtsbuch bestenfalls eine Fußnote wert wäre. Um diese Anekdoten vom Hauptfaden des «Star Wars»-Franchises stilistisch zu unterscheiden, begeht die Produktionsschmiede Lucasfilm in diesem fast 135 Minuten langen, etwas anderen Kriegsfilm Stilbruch. Die zentralen «Star Wars»-Filme sind mit einer Episodennummer versehen und eröffnen mit einem Lauftext, der die Vorgeschichte anreißt. «Rogue One» trägt indes, wie voraussichtlich alle anderen Ablegerfilme, den Untertitel «A Star Wars Story». Und lässt die ikonische, davonschwebende Texttafel aus.

Besonders strenge Puristen werden dies «Rogue One» verübeln. Dass der «Star Wars»-affine Komponist Michael Giacchino seine Filmmusik an der Stelle, an der sonst John Williams‘ harmonische Hymne ertönen würde, mit einem harsch-dumpfen Paukenschlag eröffnet, hat deswegen einen kessen Beiklang. „Ihr erwartet Tradition? Bumm! Kriegt ihr nicht!“ Gemeinhin ist Giacchinos Score, der erste zu einem «Star Wars»-Kinorealfilm, der nicht von Williams stammt, von Dissonanzen und verzerrten Pauken durchzogen, kühle Synthesizer-Klänge arbeiten wiederholt gegen sinfonische Melodien an. Es ist ein komplexer Score (zweifelsfrei komplexer als der bewusst altmodisch-schlichte zu «Star Wars: Das Erwachen der Macht»), jedoch einer, der das Erbe wahrt.

Wiederholt greift Giacchino Themen seines Vorbilds John Williams auf, ohne sich dabei so sehr in altes Material zu verwickeln, dass «Rogue One» zu einem akustischen „Greatest Hits“ verkommt. Giacchinos Kompositionen sind viel eigenständiger, als etwa James Newton Howards in «Harry Potter»-Reprisen erstickende «Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind»-Musik. So fügt sie sich sehr gut in die Inszenierung des «Godzilla»-Regisseurs Gareth Edwards: Die Bildsprache von «Rogue One» bedient sich an der klassischen «Star Wars»-Trilogie, doch auch an zahlreichen Kriegsfilmen verschiedener Jahrzehnte. So ist Greig Frasers («Zero Dark Thirty») Schnittarbeit weitaus weniger verspielt als die der sieben bisherigen, sich an alten Abenteuerfilmen orientierenden «Star Wars»-Kapitel. Fraser verfolgt einen schnörkellosen, effizienten Ansatz – das mindert den Spaßfaktor, erhöht aber die Immersion: «Rogue One» soll das Publikum mitten in eine ausweglos erscheinende Konfliktsituation versetzen und ihm erst zum Abschluss wieder gestatten, sich in Sicherheit zu wähnen, einen Unterhaltungsfilm zu betrachten.

Edwards setzt konsequent auf weite Kameraeinstellungen und ein verdrecktes, abgenutztes Produktionsdesign. Seine Helden, Anti-Helden und Schurken müssen sich durch weitläufiges Terrain und erdrückend große Räume schlagen. Die Action wiederum ist von der ganz alten Schule – es gibt hier keine Salto schlagende Jedi oder temporeiche Verfolgungsjagden. Spannung nährt sich bei den Scharmützeln, Gefechten und Raumschiffattacken primär aus den Momenten des Wartens zwischen Aktion und Reaktion – sowie vor allem aus den Konsequenzen.

Auch das wird manche Nörgler verärgern – gibt es doch für jeden Irren, der noch immer darum bangt, dass Disney aus «Star Wars» keine «Winnie Puuh im Weltall»-Reihe macht, auch jemanden, der «Star Wars» als reine Weltflucht wahrnehmen will. Das bleibt hier aus. «Rogue One» hat raue, durch das Geschehen mitreißende Actionszenen und diverse Momente, in denen Hoffnungsschimmer heftige Dämpfer abbekommen. Und keine pure Gute-Laune-Stimmung mit lässig-fetzigen Actionpassagen. Es ist stilistisch gesehen „«Star Wars: Black Hawk Down» mit einem amüsierten Hauch eines bunten «Apocalypse Now»“. Und nicht: «Star Wars: Angriff der immens agilen Digitaleffektkrieger».

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