Die Kritiker

Vielleicht Hip, aber ganz gewiss nicht Hop

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Die Idee ist eigentlich unschlagbar und deren Umsetzung längst überfällig: Endlich wird dem wohl populärsten und einflussreichsten Musikgenre der letzten 100 Jahre ein Denkmal gesetzt. Alles zur neuen Netflix-Serie «The Get Down».

Wenigstens ein Ohrenschmaus!

Auch wenn die Qualität der Serie zu wünschen übrig lässt: Der parallel dazu als Standard-Version mit 13 Titeln und Deluxe-Edition mit 24 Titel erschienene Soundtrack hat es in sich und wartet nicht nur mit Klassikern von Lyn Collins, aktuellen Produktionen von Künstlern wie Nas oder Kamasi Washington, sondern auch mit eigens eingespielten Titeln der Darsteller auf.
«The Get Down» erzählt von den Anfängen des Hip-Hop. Und die Macher lassen sich da nicht lumpen: Satte 120 Millionen-Dollar haben die zwölf Folgen gekostet – die teuerste Netflix-Serie aller Zeiten! Allerdings auch eher unfreiwillig, denn im Laufe der ohnehin schon chaotischen Produktion wurde ausgerechnet der australische Pomp-Regisseur und Großmeister in Sachen Budgetüberziehen Baz Luhrmann zum Showrunner, der den Zuschauern – wie es im Infotext so schön heißt – „Sound und Poesie der Straße“ nahe bringen soll….

…was natürlich ein Widerspruch in sich ist und so stolpert die spielfilmlange Auftaktfolge erwartungsgemäß über ihren egomanischen Regisseur, der das Wort „dezent“ wohl schon im Windelalter aus dem Vokabular gestrichen hat, die „Straße“ nur aus dem getönten Fenster seines Rolls-Royce kennt und auch auf dem kleinen TV-Bildschirm in erster Linie durch totale Maßlosigkeit auffällt.

Aber der Reihe nach, erstmal der im Kern schlichte, aber trotzdem ganz schön zerfaserte Plot: Wir schreiben das Jahr 1977, Disco-Musik ist der große Renner, Hip-Hop gibt’s zwar schon, findet aber nur völlig im Abseits, in den Kellern der Bronx statt und außerdem hat noch niemand einen Namen für den neuen Stil. Im Mittelpunkt steht der jungen Ezekiel (Justice Smith), der das Trauma seiner Kindheit durch Gedichte zu bewältigen versucht, ansonsten aber nicht viel mit seinem Leben anzufangen weiß und deswegen die meiste Zeit mit seinen Kumpels Ra-Ra (Skylan Brooks), Bo-Boo (Tremaine Brown Jr.) und Dizzee (Jaden Smith) abhängt. Nicht ganz so heimlich verliebt ist Ezekiel in Mylene Kruz (Herizen F. Guardiola), die gerne Disco-Star wäre, allerdings steht ihr hierbei vor allem ihr ultrareligiöser Papa im Weg. Ezekiel und seine Freunde treffen eines Tages auf den jungen Shaolin Fantastic (Shameik Moore), ein Drogendealer, der aber eigentlich lieber Musiker werden möchte und deswegen von Plattenpapst Grandmaster Flash den Tipp kriegt, sich einen Lyriker zu suchen, der ihn auf seinen Beats begleitet. Das Zusammentreffen dieser fünf jungen Menschen wird natürlich eine einschneidende Veränderung in aller Leben mit sich bringen, aber bis dahin ist es noch ein langer Weg, an dessen Rande weiterhin noch von Gangstermamis, gescheiterten Musikproduzenten, zwielichtigen Bauunternehmern und vielem mehr erzählt wird.

Schon in den ersten Minuten ist klar, das «The Get Down» ein Problem hat: Das übervolle Musikdrama erzählt zwar von der Bronx, von Jugendlichen aus ärmsten Verhältnissen, von einer aus diesem Nährboden herauswachsenden Jugendkultur, aber es scheut - obwohl auch einige Hip-Hop-Größen wie Nas zwecks street credibility hinter den Kulissen tätig waren - die tatsächliche Berührung mit seinem Thema, es weigert sich im Dreck zu wühlen, tatsächlich auf Tuchfühlung mit dieser Welt und seinen Protagonisten zu gehen, sondern flüchtet sich in die für den Regisseur so typische, distanzschaffende Übertheatralik: Die Bronx ist hier eine saubere Theaterkulisse und eindimensionalen Charaktere lachen, weinen, singen, tanzen darin und geben bleierne Sätze wie „Ich werde meine Augen schließen, wenn mein Herz weint.“ von sich. Das wäre vielleicht gerade noch zu verkraften, aber Luhrmanns Baby will alles auf einmal sein, nicht nur Musikdrama, sondern auch Geschichtsaufarbeitung und so werden die Spielszenen immer wieder mit Archivmaterial (aus Nachrichtensendungen und anderem) unterschnitten, was gerade im Kontrast mit dem dargestellten Ghetto-Märchenland mehr als irritierend wirkt.

Ähnlich ungeschickt auch der Rahmen der Show, der noch mal zusätzlich spürbar macht, dass die Verantwortlichen mit Hip-Hop vielleicht gar nicht mal soviel am Hut haben, wie man meinen möchte: Die Serie wird nämlich im Rückblick erzählt, Verzeihung gerappt, in gelegentlichen flash-forwards sieht man Ausschnitte eines Konzerts im Madison Square Garden, auf dem der erwachsene Ezekiel vor pickepackevoller Arena die Geschichte seines Lebens zum Besten gibt. Problematisch ist dabei aber nicht nur, dass stellenweise Plotentwicklungen angekündigt werden (ein spoilender Rapper sozusagen), sondern auch dass der Flow des jungen Ezekiels sich wesentlich vom Älteren unterscheidet, in der erwachsenen Version (gespielt von Daveed Digs) rappt auf der Tonspur nämlich der Produzent der Serie, Nas!

Cast & Crew

  • Schöpfer: Baz Luhrmann
  • Darsteller: Shameik Moore, Justice Smith, Herizen F. Guardiola, Yahya Abdul-Mateen II
  • Kamera: William Rexer
  • Musik: Elliott Wheeler
Zum heillos zerfahrenen, unüberlegten und überladenen Eindruck des Pilotfilms trägt weiterhin - aber das dürfte jetzt anderseits wieder keine Überraschung sein - der typische Regie-Stil Luhrmanns bei, der hier fast schon ans Hysterische grenzt: Zwischen super-slow motion und Kameraschwenks von mindestens 30 Quadratkilometern wird alles aufgefahren, was die Mühle hergibt, bei jeder sich auch nur ansatzweise bietenden Gelegenheit poltert Musik rein, natürlich immer schön unsubtil voll auf die Zwölf und es wird zwischen drei Handlungssträngen im zick-zack-Tempo hin- und hergeschnitten, weder den Charakteren, noch den Zuschauern wird je nur ein ruhiger Moment gegönnt und das ist durchaus wörtlich zu nehmen, denn man greift gelegentlichen sogar auf völlig deplatzierte, „Parker Lewis“-mäßige „Woosh“-Sounds zurück um die Bewegungen der Figuren zu untermalen! Der Pegel steht jedenfalls permanent am Anschlag, was mit zunehmender Laufzeit zur harten Belastungsprobe wird.

Lustigerweise ist «The Get Down» die erste Serie, deren prominenter Showrunner (und gleichzeitig auch Verkaufsargument Nummer eins) dem Ganzen tatsächlich überdeutlich im Weg steht, denn ab Episode zwei übernimmt Serien-Routinier Ed Bianchi («Deadwood», «The Killing») das Ruder und auch wenn grundsätzliche Probleme, wie die Unentschlossenheit im Tonfall, nicht verschwinden, gewinnt die Serie doch ziemlich an Profil: Der Fokus ist deutlicher auf die (gut spielenden) Hauptdarsteller gesetzt, zwischendrin gibt’s tatsächlich mal Atempausen, allzu aufdringliche inszenatorische Mätzchen fallen weg, das Epos wird plötzlich deutlich lebendiger. Ob das allerdings reicht um das Drama im Gesamten durchzuwinken, bleibt abzuwarten - es stehen nur die ersten sechs Episoden zur Verfügung, der Rest kommt nächstes Jahr und da sitzt dann unter anderem wieder Mr. Luhrmann auf dem Dirigenten-Sessel.

Mehr zum Thema... Deadwood The Get Down The Killing
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