Popcorn & Rollenwechsel

Edgar Wright, bitte übernehmen!

von   |  2 Kommentare

Filmkritiker sind unfähig und überflüssig. Motzen deren Leser. Filme sollte man drehen können, bevor man die Klappe aufreißt. Edgar Wright kann Filme drehen. Hat er also den ultimativen Geschmack?

Wie man es als Filmkritiker macht, macht man es falsch. Lobt man den neuen «Ghostbusters»-Film als gute Unterhaltung mit kleineren Schwächen, so wird einem seitens Teilen der Leserschaft vorgeworfen, man sei ein unkritischer Fan. Denn die Mehrheit straft den Film bei IMDb und Co. ja mit negativen Wertungen ab, also muss er, logisch, in jedermanns Augen schlecht sein, es sei denn, man guckt nicht richtig hin.

Mal davon abgesehen, dass ein Gros der «Ghostbusters»-Hater den Film gar nicht gesehen hat und/oder sich in seinem lachhaften männlichen Stolz verletzt fühlt, weil ausnahmsweise Frauen auf der Leinwand das Sagen haben: Das im Web durch IMDb, Rottentomatoes und weitere Portale aufrecht erhaltene Konzept „Die Weisheit der Vielen“ wird arg überstrapaziert. Natürlich kann ein jeder anhand des Konsens eine Wahrscheinlichkeit ablesen, wie die eigene Meinung ausfallen wird. Dass der Konsens aber die einzige gesellschaftlich akzeptierte Position zu sein hat, ist absoluter Schwachsinn. Was uns Filmkritikern andere Teile des Publikums auch jedes Mal ins Gesicht schreien, wenn sie auf einmal Teil der Minderheit sind:

Oh, eine negative Kritik zu «Batman v Superman: Dawn of Justice»? „Buuh, du doofer Kritiker plapperst nur der Mehrheit nach! Der Film ist gut! Das sage ich dir, und ich habe die alleinige Gewalt darüber, zu entscheiden, wie der Film ist!“ Eine positive Kritik zu «The Revenant – Der Rückkehrer»? „Pah, du hast nur Angst, die Wahrheit zu sagen, die ich erkannt habe, und ihr alle da draußen verleugnet! Der Film ist ganz große, öde Kacka!“ Oh, eine negative Kritik zu «SPECTRE», aber eine positive zu «Skyfall»? „Wie inkonsequent, du widersprichst dir selbst! Das sind doch beides große Bond-Abenteuer mit dieser Granitfresse Daniel Craig!“

Wer nichts macht, hat nichts zu sagen?


Die Unfähigkeit von uns Kritikern, so urteilen Leser und manche Filmemacher jedenfalls, sobald ihnen ein Artikel nicht passt, erkennt man ja ganz klar an folgendem Umstand: „Ihr habt ja keine Ahnung von der Craft! Wer keine Filme macht, kann auch nicht über sie urteilen!“

Mal kurz außer Acht gelassen, dass dieser Vorwurf von den Lesern wieder vergessen wird, wenn unsere Rezensionen ihrer Meinung entsprechen (denn dann sind wir ja wieder dienlich, um Ansichten zu legitimieren) … Erstens: Wer erlaubt in diesem Fall der Kritiker-Leserschaft, Meinungen über Filme zu haben? Die wenigsten unserer Leser sind als Filmemacher tätig und haben dennoch Meinungen! Und zweitens: Muss ich nun also ein Meisterkoch sein, um einen versalzenen Erdbeerpudding als versalzen zu bezeichnen? Muss ich zugleich ein Architekt und Maurer sein, um ein Haus als hübsch und wohnlich empfinden zu dürfen?

Aber gut. Argumentieren wir mal kurz auf dieser Ebene und ziehen ein Zwischenfazit basierend auf den Forderungen der wütenden Kritiken-Konsumenten: Ein einzelner Nicht-Filmemacher hat die Klappe zu halten. Die Mehrheit des Publikums hat immer Recht (es sei denn, einem einzelnen Weder-Filmemacher-noch-Kritiker passt das nicht). Und jemand, der selber Filme macht, hat den vollen Durchblick.

Okay. Also müsste ja ein Regisseur ausschließlich gute Filme mögen. Und gute Filme erkennt man an hohen Userwertungen. So jemand wie Edgar Wright, Regisseur der gefeierten Cornetto-Trilogie, sollte also eine Leuchtgestalt des Filmgeschmacks sein. Richtig?

Edgar Wright, ans Podium bitte. Edgar Wright, ans Podium bitte!


Wie praktisch, dass Edgar Wright die Hitliste seiner 1.000 Lieblingsfilme veröffentlicht hat. Die müsste konsequenterweise vor Meisterwerken platzen! Vor Filmen wie «Der Pate», «2001: Odyssee im Weltraum», «Psycho», «Pulp Fiction», «8 ½» und … Ridley Scotts Thriller-Flop «The Counselor»? Dieser Film, der nur 5,3 von 10 Punkten bei IMDb hat und 2,6 von 5 Punkten bei Letterboxd? Sowie nur 35 Prozent positiver Besprechungen von diesen seltsamen, eh korrupten Kritikern, die hier ausnahmsweise mal richtig lagen und den Massenkonsens getroffen haben?

Und auch Disneys Sci-Fi-Misserfolg «Das schwarze Loch», der im Internet weitestgehend als legendäres Stück Langeweile bezeichnet wird, befindet sich unter Wrights großen Favoriten. Ebenso wie die Actionfarce «Crank: High Voltage» (6,2 bei IMDb, 3,0 bei Letterboxd, 63% bei Rottentomatoes) oder Joe Wrights «Anna Karenina» mit Keira Knightley (6,6 bei IMDb, 3,2 bei Letterboxd, 63% bei Rottentomatoes). Oder «Marie Antoinnette» von Sofia Coppola (6,4 bei IMDb, 3,3 bei Letterboxd, 55% bei Rottentomatoes). Alter, da können wir ja direkt wieder auf Filmkritiker hören, die sind auch nicht viel inkompetenter! Also, der Kerl tickt doch nicht sauber! Der liegt ja voll oft, mordsmäßig-absolut im Unrecht!

Bloß dass es nicht darum geht, im Recht zu liegen. Genauer gesagt: Es ist in diesem Themengebiet unmöglich, im Recht zu liegen. Wie kann man Recht haben, wenn es um die Betrachtung von Filmkunst geht? Wer entscheidet, wie der Rest der Welt einen Film finden sollte? Ebenso wenig geht es darum, als Filmfan so lange die eine Meinung habende, filmbegeisterte Welt zu filtern, bis man ein Gegenüber gefunden hat, mit dem eine hundertprozentige Übereinstimmung darüber getroffen wird, was gut und was schlecht ist. Denn das ist ebenfalls unmöglich. Ich zum Beispiel finde, wie Wright, unter anderem «Crank: High Voltage», «Anna Karenina», «Marie Antoinnette», «Dumbo», «Fantasia», «The Neon Demon», «The Counselor», «Under the Skin», «Team America: World Police», «Pinocchio», «Black Swan», «Charade» und «Ferris macht blau» gut. Zwei Irre, ein eklektischer Geschmack? Nein! Denn anders als Wright kann ich «Ich seh Ich seh», «Mulholland Drive», den ersten «The Raid»-Teil, «Love & Mercy», «Superbad» sowie den ersten «Magic Mike»-Film ganz und gar nicht als beeindruckend einstufen.

Auf der Suche nach einem Diskurspartner für alle filmische Zeiten


Finde ich Edgar Wright nun einen unfähigen Filmkenner? Einen fähigen? Einen fähigen, der ab und zu durchdreht? Finde ich ihn korrupt, weil ihn sein Nachnamens-Vetter Joe Wright bezahlt haben könnte, um Steven Soderberghs Stripper-Film mit Channing Tatum zu mögen? Nein. Natürlich nicht. Denn für mich geht es nicht darum, unentwegt bestätigt zu werden, oder mich einem anderen Filmliebhaber überlegen zu fühlen. Für mich geht es darum: Wir tauschen uns über Filme aus, weil wir alle den Diskurs mit weiteren Blickwinkeln bereichern wollen. Weil wir anderen Interessenten Empfehlungen aussprechen möchten sowie Vorwarnungen. Es geht darum, Neugier zu erzeugen, Erwartungen zu begradigen und Denkanstöße zu geben, einen Film mal anders zu beäugen.

Eine Kritik soll daher sagen, was dem Verfassenden auffiel, und wie er es einschätzt. Und optional auch, was er denkt, wie seine Leserschaft reagieren könnte. Doch nie würde ich denken, dass mein Publikum unfähig ist, selber zu denken. Natürlich kann jeder denken „mir wird das aber nicht gefallen“. Oder „mich wird das aber nicht stören“. Oder „ich lege aber ganz andere Schwerpunkte“.

Wir tauschen uns über Filme aus, weil wir dieses Medium faszinierend finden. Weil wir gegenteilige Meinungen begreifen und unsere eigene Meinung wiedererkennen wollen. Und nicht zuletzt, weil wir ein Gefühl für andere Filmfans haben möchten. Edgar Wrights Top 1.000 hat mir einen neuen, spannenden Eindruck von diesem Regisseur verschafft. Und mich nicht auf die Barrikaden gehen lassen.

Denn zu poltern und zu klagen ist verflixt einfach, allerdings zugleich gänzlich unergiebig. Aber wenn wir schon dabei sind. Ey! Edgar! Wieso fehlt «Fluch der Karibik»? Warum sind nicht noch mehr Animationsfilme drin? Weshalb sind viel mehr von Kritikern respektierte Filme drin als von Kritikern verrissene? Kritikermeinungen sind doch unbedeutend! «Batman v Superman: Dawn of Justice» sollte da rein – ein paar Leute lieben den total! Zudem ignorierst du Marvel doch nur aus persönlichem Frust! Und wieso laberst du den ganzen Kritikern nach, die «Foxcatcher» gut finden?! Willst du etwa einfach nur Antje Wessels imponieren?

Nur eines denke ich wirklich: Ich kann dich, lieber Edgar Wright, angesichts dieser vielseitigen, teils in sich schlüssigen, teils unvorhersehbaren Auswahl ebenso ernst nehmen wie manche meiner Filmkritikerkollegen. Und das, obwohl du keine Reviews schreibst, sondern nur kommentarlose Listen. Es ergänzt sich irgendwie. Denn meine Kollegen verfassen ausführliche, beobachtende und erläuternde Artikel, sind aber unfähig, Filme zu drehen.

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Es gibt 2 Kommentare zum Artikel
Sentinel2003
02.08.2016 13:32 Uhr 1
Diese Diskussion über die imdb war schon heiss in einem bekannten Serienportal.....da war der Artikel - Schreiber der Meinung, das dort fast nur Männer im Alter von 20 bis um die 30 Filme bewerten und der imdb das wohl auch sehr gefallen würde....



Hatte mich auch schon gewundert in den letzten Monaten, das sehr viele Filme dort ganz anders bewertet worden sind, wie ich Sie gesehen habe. :roll:
Anonymous
02.08.2016 14:42 Uhr 2
Den von dir erwähnten Artikel kenne ich noch nicht (werde ich nachholen), aber das Thema ist mir bekannt. Hatte auch mit dem Gedanken gespielt, selber mal darüber zu schreiben. IMDb ist ein tolles "Spielzeug" für Filmvernarrte, aber nur für eine scharf umrissene Zielgruppe repräsentativ, was gern vergessen wird.

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