Hingeschaut

«Transgender»: Die Transe unter den Dokusoaps

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Am späteren Mittwochabend präsentierte sich RTL II deutlich angenehmer als zur Primetime, aber auch der Neustart von «Transgender» riss inhaltlich keine Bäume aus.

Unter einem Mangel von Doku-Soaps und Pseudo-Reality-Formaten leidet der RTL II-Zuschauer bereits seit einiger Zeit nicht, doch die Verantwortlichen des Senders können offensichtlich einfach nicht genug bekommen von diesen zumeist sehr günstig zu produzierenden und darüber hinaus auch erschreckend erfolgreichen Programminhalten. Nachdem man sich zur Primetime offensichtlich einmal mehr nur bedingt um moralische Grundsätze scherte und mit «Teenager in Not» ein ebenso pädagogisch zweifelhaftes wie inhaltlich desaströses Krawall-Format auf Zuschauerjagd schickte, bemühte man sich zu späterer Stunde jedoch überraschenderweise doch zumindest im Ansatz darum, seinem Publikum verdaulichen Stoff zu präsentieren. Zwar ist «Transgender - Mein Weg in den richtigen Körper» weit weg von einem Glanzstück des dokumentarischen Erzählstils, doch zumindest nimmt man seine Protagonisten einigermaßen ernst - womit man trotz weitgehender Oberflächlichkeit einen Lichtblick darstellt...

In der ersten sowie in den folgenden fünf Ausgaben befasst sich die Sendung mit dem Thema Transsexualität, indem sie sieben Menschen begleitet, die bereits eine Geschlechtsangleichung hinter sich haben oder aktuell diesem Ziel nachgehen. Bereits in der Auftaktfolge bekommt der Zuschauer alle sieben Menschen in dementsprechend eher kurzen Clips zu sehen und erfährt einige mehr oder minder interessante Hintergründe hierzu: Wie kam es zur Überzeugung, diesen recht beschwerlichen Weg zu gehen, wie nimmt das direkte Umfeld die Entscheidung auf, welche Probleme kommen auf die Betroffenen zu? Doch im Mittelpunkt des Interesses steht vor allem die technische Komponente: Wie wird an welchem Körperteil wie oft, wie lange und wie intensiv rumgewerkelt, damit die Umwandlung auch wirklich gelingt?

Und hier liegt bereits die erste offenkundige Problematik - zumindest aus Sicht eines gebildeten Menschen, der sich wirklich ernsthaft mit dem Thema auseinandersetzt: Die Macher werfen nur einen sehr oberflächlichen Blick auf ihre Protagonisten, der sehr undifferenziert vor allem auf physische Komponenten schielt. Dies geschieht zwar auf eine für RTL II-Verhältnisse fast schon erstaunlich subtile Art und Weise, sodass man als Betrachter erst nach einiger Zeit bemerkt, wie gerne man von der Vagina über den Penis bis hin zu den Brüsten alles möglichst detailliert aufschnappen möchte - wirklich neue, tiefergehende Erkenntnisse bleiben somit aber leider aus.

Dies ist vor allem insofern leicht skurril, als dass die gefilmten Protagonisten mehrheitlich tatsächlich daran interessiert sind, ihre Geschlechtsangleichung differenzierter anzugehen. Da das Casting in dieser Sendung wirklich fast ausschließlich Personen mit interessanten Lebensgeschichten hervorgebracht hat, gibt es somit doch einige Momente, in denen die Oberfläche zumindest deutlicher angekratzt wird. Manch ein Teilnehmer versucht sich daran, sein eigenes Verhalten und seine Vergangenheit zu reflektieren oder zu verstehen, warum er sich eigentlich schon immer im falschen Körper fühlte. Für den ganz großen Tiefgang sorgt dies zwar nicht, da nach einem raschen Schnitt wenige Sekunden später bereits wieder über Plastikpenise und Hormontabletten gesprochen wird, doch es gibt diese kleinen Momente, die temporär aufhorchen lassen.

Beinahe schon verblüffend wirkt die Authentizität der Interviews mit den Betroffenen sowie ihren Angehörigen. Hier haben die Macher offenbar tatsächlich nicht viel gestellt, was gerade im Programm dieses Senders eine große Wohltat darstellt. Auch von den in vielen Formaten längst zur Selbstparodie verkommenen Endlos-Zeitlupen und Überinszenierungen sieht man weitgehend ab, sodass man sich weder für die eigene Sensationsgeilheit noch für Protagonisten und das verantwortliche Fernsehteam schämen muss. Im Gegenteil: Mehrmals kommt so etwas wie Langeweile auf, da sich der aufgeklärte Zuschauer nicht über neue Erkenntnisse erfreuen kann, der Fast-Food-Konsument jedoch auch nicht seine dringend benötigte Portion Voyeurismus-TV serviert bekommt. «Transgender» ist also so etwas wie die Transe unter den Doku-Formaten des deutschen Fernsehens, denn es ist eigentlich zu gut und angenehm für die Tonne, gleichzeitig aber auch viel zu oberflächlich und einseitig, um auch nur im Ansatz als qualitativ hochwertig zu gelten. Aber keine Angst, im Zweifel löst ein Plastikpenis sicher auch dieses Problem...

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