Bislang war das deutsche Serienfernsehen hauptsächlich für gediegene, seichte Abendunterhaltung bekannt. Produktive Formate wie die «Lindenstraße», «Forsthaus Falkenau» oder «Der Landarzt» (Foto) laufen teilweise bereits in der 19. Staffel – doch Notiz davon nimmt keiner. Für Kritiker sind sie uninteressant geworden. Sprechen sie doch vornehmlich die ältere Fernsehgeneration jenseits der 60 an. Dass sie erfolgreich sind, steht außer Frage. Doch ihnen fehlt das Prestige, welches der deutsche Serienmarkt braucht, um es ernsthaft mit dem internationalen aufzunehmen. Man ist schmerzlich auf der Suche nach kreativen Ideen, vermisst Schauspieler, die eins mit ihrer Rolle werden, wie es ein Hugh Laurie in «Dr. House» vormacht – um nur eines von vielen Beispielen zu nennen. So begnügt man sich mit Serien, die über Jahre hinweg ohne Tiefgang dahinplätschern. Dass sie es so niemals in die Primetime schaffen, ist selbstredend. Ebenso die Tatsache, dass man derartige Sendekonzepte keineswegs international vermarkten könnte.
Diese ebenso unterschiedlichen wie unauffälligen Unterhaltungssparten machten lange Zeit den Großteil der Serienlandschaft hierzulande aus. Bis eine Trendwende kam und man sich entschied, mutiger zu werden. Man blickte über den großen Teich und begann, sich am internationalen Geschmack zu orientieren. Das Risiko bestand darin, ab sofort zu adaptieren, anstatt nur noch einzukaufen. Und es schien in der Anfangsphase tatsächlich zu funktionieren. Als man 1996 mit der Ausstrahlung des RTL-Dauerbrenners «Alarm für Cobra 11» begann, traute sich zunächst niemand, wirklich an einen Erfolg zu glauben. Heute, ganze 16 Jahre später, befindet sich die Actionserie schlechthin bereits in der 16. Produktionsstaffel. Ausschlaggebend für den Erfolg sind simple Faktoren. Mit «Cobra 11» startete RTL zunächst konkurrenzlos. Ein derartiges Format, das zu 90 Prozent aus eindrucksvollen Explosionen und Verfolgungsjagden bestand, gab es zuvor nicht. Hinzu kam, dass man auf Darsteller baute, die mit anderen Serien vorab nicht in Verbindung gebracht werden konnten. Man lernte sie kennen als „Die Autobahnpolizei“, wodurch sie automatisch mehr mit der Serie zusammenwuchsen, dementsprechend glaubwürdiger wurden und trotz der doch seichten Storyplots zu so etwas wie Charakterdarstellern wurden. Als das Format sich bereits derart etabliert hatte, dass sogar ein Schauspielerwechsel unter den Protagonisten dem Erfolg nichts mehr anhaben konnte, war endgültig besiegelt, dass sich der Mut des Senders rentiert hatte.
Doch anstatt sich Schritt für Schritt an die Thematik der Serienadaption heranzutasten, fuhr man mit 1:1-Kopien ausländischer Formate erst einmal ordentlich gegen die Wand. Die bemühte Nachahmung des Dramedy-Erfolgsformats «Sex and the City», die hierzulande unter «Alles außer Sex» (Foto) lief und von ProSieben selbst produziert wurde, holte im Laufe der zweiten Staffel nicht einmal mehr zweistellige Marktanteile. Man verschob die letzten beiden Folgen auf den unbequemen Sonntagnachmittag und damit raus aus der samstäglichen Primetime. Ebenso verhielt es sich mit der fast schon dreisten Variante der BBC-Programmierer-Sitcom «The IT-Crowd», die mit Sky Du Mont in der Hauptrolle und unter dem Titel «Das iTeam – Die Jungs an der Maus» einen der Sendertiefpunkte von Sat.1 markierte. Auch der Drama-Serie «Bis in die Spitzen», die auf der britischen Serie «Cutting it» basierte, wiederfuhr dasselbe Schicksal in Form von Desinteresse. Und sogar der Kritikerliebling «Stromberg», das deutschen Pendant zu «The Office», konnte hierzulande zwar eine beachtliche Fanbase um sich scharen, sorgte trotzdem nicht für Einschaltquoten im US-Stil und galt eher als qualitativer Geheimtipp, denn als Quotengarant.
Besonders dadurch, dass man langsam aber sicher zu realisieren schien, dass ein beachtlicher Anteil des Serienerfolges von der passenden Besetzung abhing, begann man nun explizit, sich gerade derer zu widmen. Auf der einen Seite musste die Hauptfigur ein Darsteller sein, der durch eine bereits gespielte Rolle nicht zu sehr mit einem anderen Format in Verbindung gebracht werden durfte. Gleichzeitig sollte man schon von ihm oder ihr gehört haben, um mithilfe des bekannten Gesichts vorab den Bekanntheitsgrad der Serie zu erhöhen. Was ein Hugh Laurie für «Dr. House», ein Joshua Jackson für «Fringe» oder eine Sarah Jessica Parker für «Sex and the City» war, wurden eine Diana Amft für «Doctor’s Diary» (Foto), ein Christoph M. Orth für «Edel & Starck» oder eine Annette Frier für «Danni Lowinski». Bekannte Gesichter. Unverbrauchte Darsteller, die man durchaus bereits in der einen oder anderen TV-Produktion gesehen haben dürfte, aber nie wirklich mit einer bestimmten Rolle assoziiert wurden.
Plötzlich schossen sie aus dem Boden: eigenproduzierte, deutsche Serien. Sie orientierten sich an den US-Vorbildern, beinhalteten vielversprechende Attribute, die andernorts für den Erfolg verantwortlich gemacht wurden. Teilweise wurde man sogar noch mutiger und setzte auf Konzepte, die man so selbst außerhalb deutscher Landen noch nie gesehen hatte. An den zwei eindrucksvollsten Beispielen «Danni Lowinski» und «Der letzte Bulle» – aktuell wohl die Paradebeispiele für qualitatives, deutsches Serienfernsehen – zeigt sich besonders, dass es nicht alle erfolgversprechenden Faktoren für die Anerkennung der Zuschauer braucht. Mit perfekt besetzten Haupt- und Nebendarstellern und schlichtweg neuem Stoff schaffte man es, sich auch zwischen der US-Konkurrenz zu etablieren.
Danni Lowinski Cobra 11 Alles außer Sex