Die Kritiker: «Berlin 36»

Story
Berlin 1936: Die Amerikaner drohen, die Olympischen Spiele zu boykottieren, sollten im deutschen Olympia-Kader keine jüdischen Sportler vertreten sein. Aus diesem Grund wird die Jüdin Gretel Bergmann, die überragende Hochspringerin dieser Zeit, in das deutsche Trainingslager aufgenommen. Sie war schon Jahre zuvor ins Vereinigte Königreich emigriert, wo sie nun auch die britischen Meisterschaften im Hochsprung gewonnen hat. Die Nazis drohen ihrer Familie mit entsetzlichen Repressalien, sollte Gretel nicht für die Olympischen Spiele nach Deutschland zurückkehren.

In den Augen der Nazis darf Gretel aber auf keinen Fall gewinnen: Der Reichssportführer schickt gegen sie die bis dahin unbekannte "Konkurrentin" Marie Ketteler, die in Wirklichkeit männlichen Geschlechts ist, ins Rennen um die Olympia-Qualifikation. Doch die Nationalsozialisten haben nicht damit gerechnet, dass sich die beiden Außenseiterinnen und vermeintlichen Konkurrentinnen nach anfänglichen Problemen anfreunden. Doch dann wechselt auch noch der Trainer: Der eher wohlwollende Hans Waldmann geht, dafür kommt ein waschechter Antisemit.

Darsteller
Karoline Herfurth («Der Vorleser») als Gretel Bergmann
Sebastian Urzendowsky («Pingpong») als Marie Ketteler
Thomas Thieme («Rosa Roth») als Hans von Tschammer und Osten
Johann von Bülow («Zum Kuckuck mit der Liebe») als Karl Ritter von Halt
August Zirner («Die Fälscher») als Edwin Bergmann
Axel Prahl («Tatort») als Hans Waldmann
Robert Gallinowski («Der Dicke») als Sigfrid Kulmbach

Kritik
An dieser Geschichte ist alles pervers. So pervers, dass es fast unglaublich ist: Die jüdische Leistungssportlerin Gretel Bergmann, die in den 30er Jahren nach Großbritannien emigriert ist, um den Repressalien des Dritten Reiches zu entkommen, wird von den Nazis genötigt, für Deutschland an den Olympischen Spielen in Berlin teilzunehmen, um einen drohenden Boykott der amerikanischen Mannschaften abzuwenden. Als die Teams aus den USA eingetroffen sind, fliegt sie aus dem deutschen Kader. Und dazwischen: eine Reihe von Demütigungen und Erniedrigungen.

Die historischen Kernelemente stimmen und wurden unter anderem durch Bergmann selbst verifiziert, die seit siebzig Jahren in New York lebt. Stellenweise wurde jedoch deutlich fiktionialisiert, vor allem, was die Geschichte von Marie Ketteler angeht, die in dieser Form historisch nicht gesichert ist, während es sogar deutliche Hinweise gibt, die der Darstellung in «Berlin 36» widersprechen. Ein gewisses Maß an Fiktionalisierung mag vielleicht durchaus nötig und angebracht gewesen sein, doch hier kommt man um den Verdacht nicht herum, dass man sich durch diese zweite Betrachtungsebene auf die intersexuelle Marie in die Melodramkiste begeben wollte. Vor allem, weil diesem Plot leider auch die notwendige emotionale Tiefe und Differenziertheit fehlen, um ihn als gelungen bezeichnen zu können.

Der Hauptplot um Bergmanns Geschichte weißt dagegen weniger Mängel auf, wenngleich man sich auch nach der ersten Viertelstunde von den politischen Inhalten entfernt und auch hier immer melodramatischer erzählt, was sich erst in der zweiten Hälfte des Films wieder ändert, wenn die Repressalien, die Bergmann unter ihren Nazi-Kollegen und -Trainern erdulden muss, deutlicher und präziser gezeigt werden. Mit dem Trainerwechsel wird die Atmosphäre bedrückender, die Zeichnung der Situationen und Charaktere gelingt dann wieder sehr gut, geschieht fragil und äußerst zartfühlend.

Das Drehbuch von Lothar Kurzawa wird klarer, narrativ straffer, und Karoline Herfurth kann ihre Bandbreite endlich ausnutzen. In Teilen mag man die Erzählweise und das Schauspiel als amerikanisch-pathetisch abtun, aber bei einem solchen Stoff ist das auch durchaus angemessen.

Was «Berlin 36» (Regie: Kaspar Heidelbach) letztlich fehlt, wäre der Wille gewesen, dem Melodram grundsätzlich aus dem Weg zu gehen, und darauf zu verzichten, durch allzu seichte Dialogführungen und manchmal zu seichte Szenen die Tragik zu verwässern. Das Potential, das der Stoff geboten hätte, nutzt man nur in Ansätzen. So entsteht ein insgesamt leider nur halbgarer Film.

Das Erste strahlt «Berlin 36» am Mittwoch, den 11. Juli 2012, um 20.15 Uhr aus.

09.07.2012 13:23 Uhr  •  Julian Miller Kurz-URL: qmde.de/57806

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