Die Kritiker: «Sherlock: Der Reichenbachfall»

Inhalt
Sherlocks Bekanntheit weitet sich immer weiter aus, was den genialen Detektiv kalt lässt. Weder macht er sich etwas aus all dem Ruhm, noch aus Watsons Warnung, er solle vorübergehend bloß kleinere Aufträge annehmen, so dass er nicht zu einem Spielball der Medien wird. Sherlocks Weltsicht nach ist es irrelevant, ob ihn die Menschen verehren oder verachten.

Ein ganz spezieller Bewunderer Sherlocks befindet sich derweil wieder auf freiem Fuß: Jim Moriarty, der psychopatische Meisterverbrecher und Anbieter von kriminellem Consulting, betrachtet Sherlock als seine Nemesis und lässt es sich deshalb nicht nehmen, bei seinem jüngsten Coup ein Grußwort an ihn zu hinterlassen. Und Moriartys neuestes Verbrechen ist ein spektakuläres Meisterstück. Gänzlich ungehindert gelangt er an die schwer bewachten britischen Kronjuwelen, während er auf digitalem Wege den Tresor der Bank von England sowie sämtliche Zellen eines großen Gefängnisses öffnet. Gegen eine Festnahme setzt sich der seinen kriminellen Glanzmoment genießende Wahnsinnige aber nicht zur Wehr, und so kommt es zur Verhandlung gegen ihn, die britische Medien alsbald zur Verhandlung des Jahrhunderts krönen.

Gleichzeitig lassen die Boulevardzeitungen aber auch nicht von Sherlock ab, der vor Gericht erneut sein mangelndes soziales Taktgefühl sowie seinen überlegenen Intellekt zur Schau stellt. Dabei hat auch er selbst Probleme damit, zu durchschauen, welches Spiel Moriarty zu spielen gedenkt. Doch auf jeden Fall wird es zu einer Zerreißprobe für Sherlock und Watson ...

Darsteller
Benedict Cumberbatch («Dame König As Spion») ist Sherlock Holmes
Martin Freeman («Breaking & Entering») ist Dr. John Watson
Una Stubbs («Mist: Sheepdog Tales») ist Mrs. Hudson
Rupert Graves («Sterben für Anfänger») ist Inspektor Lestrade
Mark Gatiss («The First Men in the Moon») ist Mycroft
Andrew Scott («Silent Things») ist Jim Moriarty
Louise Brealey («Casualty») ist Molly Hooper
Katherine Parkinson («Whites») ist Kitty Riley

Kritik
Der Titel allein genügt schon, um Liebhabern der Originalgeschichten von Sir Arthur Conan Doyle einen ehrfürchtigen Schauer über den Rücken zu jagen, waren die Reichenbachfälle doch der Schauplatz der Story, mit dem sich der Autor seiner ihm lästig gewordenen Figur entledigen wollte. Die Serienschöpfer spielen in «Sherlock: Der Reichenbachfall» bereits nach wenigen Minuten mit der entsprechenden Erwartungshaltung: Sherlock hat seinen jüngsten Popularitätsschub nämlich seiner medienträchtigen Wiederentdeckung eines legendären Gemäldes zu verdanken, welches besagten Wasserfall abbildet. Auch der weitere Verlauf der Episode zeugt von einem sehr schöpfungsfreudigen Umgang mit der Vorlage. Drehbuchautor Steve Thompson findet zahlreiche kreative Möglichkeiten, eine eigenständige und auch Kenner der Vorlage überraschende Geschichte zu erzählen, dennoch hält er durch gezielte Anspielungen und Parallelen die Beziehung zur Vorlage aufrecht.

Nachdem in der vorhergegangenen Episode Sherlocks überhebliche Selbsteinschätzung bezüglich seines unbeeinträchtigten Verstandes angegriffen wurde, setzen die Serienmacher im Staffelfinale an seinem Öffentlichkeitsbild an. Sherlock muss während seines dramatischsten Falls feststellen, dass es für ihn sehr wohl Konsequenzen hat, wie andere über ihn denken. Und dies auf sämtlichen, nur erdenkbaren Ebenen. Ob Leute für ihn Sympathien hegen oder ihn verachten, dies ist genauso wichtig, wie die Einsicht Sherlocks, dass auch ihm nicht jedermann gleichgültig ist. Diese Handlungsebene ermöglicht es Hauptdarsteller Benedict Cumberbatch, seine bislang dramatischste und vielschichtigste Performance abzuliefern.

Der heimliche Star dieser Folge ist jedoch Martin Freeman, der als Watson bislang hauptsächlich den weniger auffälligen und trocken-witzigen Part zu stemmen hatte. Während sich Sherlock allerdings immer stärker in Moriartys perfidem Plan verheddert, wird Freeman mehr und mehr subtiles, aufgebrachtes Spiel abverlangt. Innerhalb weniger Augenblicke muss er im atmosphärisch dichten letzten Akt der Episode Wut, Verzweiflung, Witz, Zweifel und Aufrichtigkeit darstellen, was er zu einem packenden Mienenspiel vereint. Auch Andrew Scott, der als Moriarty bislang nur einen sehr knalligen Eindruck hinterlassen konnte, dreht für das nervenaufreibende Finale richtig auf. Sein Moriarty ist unberechenbar und für den Zuschauer kaum zu greifen, oft genug streut er Zweifel daran, wie viel seines theatralischen Auftreten nur Show ist, und wo der wahre Wahnsinn beginnt.

Neben der beeindruckenden Schauspielleistungen und der genial gesponnenen Handlung verliert das emotionale, hochspannende Finale trotzdem nicht den bestechenden Witz dieser britischen Serie aus den Augen. Somit stellt das Finale einen wahrlich krönenden Abschluss der zweiten «Sherlock»-Staffel dar.

Das Erste zeigt «Sherlock: Der Reichenbachfall» am 28. Mai 2012 ab 21.45 Uhr.

26.05.2012 09:30 Uhr  •  Sidney Schering Kurz-URL: qmde.de/56945

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