Quotenmeter.de erinnert an all die Fernsehformate, die längst im Schleier der Vergessenheit untergegangen sind. Folge 177: Die erste Solo-Show von Olli Dittrich.
Liebe Fernsehgemeinde, heute gedenken wir einer kleinen Produktion, welche die deutsche Fernsehlandschaft stark bereichern sollte.
«Olli, Tiere, Sensationen» wurde am 05. März 2000 im ZDF geboren und entstand rund zwei Jahre nach dem Ende des legendären Comedyprogramms
«RTL Samstag Nacht», deren Ensemble äußerst populär wurde. Während sich Wigald Boning mit der
«ProSieben Morningshow» sowie dem
«TV-Quartett» eher in Richtung Moderation orientierte und Mirco Nontschew mit der Impro-Show
«Voll witzig!» sowie der Comic-Sketch-Reihe
«Mircomania» seinem chaotischen Stil treu blieb, war die Fernsehnation gespannt, welches Soloprojekt Olli Dittrich verfolgen würde. Dank seiner gekonnten Parodien, die er unter anderem in der Reihe «Zwei Stühle, eine Meinung» unter Beweis stellen konnte, galt er als eines der talentiertesten Gesichter der Sendung. Doch bevor er mit einem eigenen Format startete, überraschte er zunächst mit der Verpflichtung als Außenreporter beim Unterhaltungsklassiker «Wetten, dass..?». Dieses Engagement sollte den Grundstein für eine jahrelange Kooperation mit dem ZDF legen, welches dann auch letztlich sein erstes Soloprojekt umsetzen sollte.
Obwohl sein Bekanntheitsgrad durch «Wetten, dass..?» deutlich angestiegen war, verfolgte Dittrich mit seinem Vorhaben nicht das Ziel, ein besonders massentaugliches und erfolgreiches Produkt abzuliefern, sondern eher etwas Besonderes zu schaffen: "Wenn Sie etwas machen, was ein Potenzial zur Popularität hat, dann haben Sie immer Leute, die zugreifen und sagen: ,So, das ist jetzt gut!' Das wird dann herausgepickt und so gezielt gefordert, immer wieder und jede Woche und noch mal und noch mal, wo es doch viel klüger wäre, es viel seltener zu machen“, sagte er zum Sendestart gegenüber der ZEIT.
Thematisch knüpfte das Ergebnis, welches von ihm, seinem Bruder Markus und dem Autoren Dietmar Burdinski konzipiert wurde, an Dittrichs Rolle in «RTL Samstag Nacht» an, versuchte sich aber gleichzeitig davon zu distanzieren. Gezeigt wurden pro Ausgabe mehrere anmoderierte Einspielfilme, in denen er in die Haut von verschiedenen Menschen schlüpfte. So spielte er den Fernseharzt Dr. Holz, einen Rentner, der an einer Imbissbude von seinen Fähigkeiten als Heimwerker schwärmte oder einen Künstler, der von der Anfertigung eines Butterbrots als unlösbare Aufgabe sprach. Gepaart wurde dies mit Imitationen bekannter Persönlichkeiten, für die Dittrich vor allem bekannt war. Beispielsweise stellte er Michael Schumacher als Hausmann dar, der von der Drehzahl seiner Waschmaschine schwärmte oder Liedermacher Herman van Veen, der nebenberuflich als Kammerjäger arbeitete. Außerdem gab es Parodien auf Marius Müller-Westernhagen, André Heller und Rudolph Moshammer. Am Ende präsentierte Dittrich dann noch mit Susi Frese und Ralf Hartmann als Trio „Die Affen“ ein kleines Lied.
Die Sendung hatte damit zwar die Struktur eines klassischen Sketchformats, verfolgte dabei aber einen anderen Anspruch an die Figuren und Geschichten. Diesen beschrieb Dittrich im Interview mit der ZEIT folgendermaßen: "Es geht mir nicht darum, meine Figuren zu benutzen, um einen deutlichen Witz zu machen. Damit kommt man höchstens ein, zwei Gags weiter. Und dann sind sie nicht in der Lage, das Absurde, die Feinheiten, die Skurrilität der Figur darzustellen.“ Daher fehlten in den meisten Einspielfilmen die typischen Punchlines und Pointen. Vielmehr wurden die kurzen Geschichten ausführlich erzählt und sollten ihre Komik durch die feinen Eigenheiten der Figuren, die exakten Nachahmungen der Sprache und Gesten sowie durch die winzigen Absurditäten des Alltags entstehen.
Viele Figuren und Ideen wurden indessen gar nicht für die ZDF-Reihe erdacht, sondern für sie lediglich weiterentwickelt. Der Kiez-Prolet Mike Hansen und der Kulturkritiker Hajo Schröter-Naumann hatten beispielsweise bereits wiederkehrende Auftritte bei «RTL Samstag Nacht». Selbst den Titel der Reihe benutzte Dittrich bereits vor seiner TV-Karriere in einigen Amateurvideos. Auch der populärste Charakter der Show, ein arbeitsloser Imbissgänger im Bademantel namens Dittsche, hatte seinen Ursprung lang zuvor. Dittrich paarte in ihr zwei tatsächlich existierende Personen und präsentierte sie auf kleineren Bühnen. Schon bei seinem ersten Auftritt sei er derart ins Schwadronieren gekommen, dass er seine Zeit extrem überzogen hätte. Anschließend führte er die Figur regelmäßig im «Quatsch Comedy Club» auf und ließ sie von ihren Erlebnissen mit Imbisswirt Ingo und Trunkenbold Schildkröte, die jedoch noch keine Verkörperung hatten, berichten. Selbst bei «RTL Samstag Nacht» tauchte sie schon einmal auf, habe dort aber nicht funktioniert. „Vielleicht, weil er aus einer anderen Welt kam. Der passte nicht in diese bunte Hochglanzwelt“, kommentierte Dittrich später die kurze Darbietung. Erst mit «Olli, Tiere, Sensationen» fand er endlich einen passenden Rahmen, der später mit einem eigenen Format populär und mehrfach ausgezeichnet wurde.
Präsentiert wurden die Filme in einem schlichten Studio, in dem Dittrich in Abwesendheit eines Publikums auf einem Drehstuhl saß und ein paar einleitende Worte sprach. Mit der Fokussierung auf feinsinnigen Humor und der ruhigen Moderation, erinnerte das Format stark an die früheren Sketche von Loriot, was nicht unbeabsichtigt war. Dittrich selbst hatte sich mehrfach als dessen Bewunderer bezeichnet: „Es wäre das Tollste, wenn Loriot meine Sachen sehen würde und ein gutes Wort fallen ließe.“ Dass er von seinem Vorbild nicht weit entfernt war, bescheinigten ihm mehrere Zeitungen jener Zeit. Der SPIEGEL glaubte in Dittrichs fester Sketchpartnerin Mona Sharma («Switch: Reloaded») sogar eine junge Evelyn Hamann erkannt zu haben.
Der hohe Anspruch an die Figurenzeichnung forderte für das halbstündige Format eine wesentlich langsamere Taktung. „Meine Szenen haben eine gewisse notwendige Länge. Die skurrile Atmosphäre muss sich erst aufbauen, die Komik erschließen“, berichtete Dittrich damals dem FOCUS. Damit grenzte er sich deutlich von seiner ehemaligen Erfolgsshow «RTL Samstag Nacht» ab, deren Humor wesentlich schneller und direkter war. Kurioserweise fungierte jedoch auch hierfür Hugo Egon Balder als Produzent. Dass dies ein durchaus gewagtes Unterfangen war, sich gegen den damaligen Trend zu stellen, war Dittrich bereits im Voraus bewusst, denn er ahnte damals gegenüber dem SPIEGEL, "dass es sich in diesen Zeiten der Hektik um ein geradezu kühnes Unternehmen handelt – weil wir uns Zeit nehmen und mit großer Ruhe und Genauigkeit arbeiten".
So war es dann auch kein Wunder, dass die Reihe trotz ihres prominenten Sendeplatzes am späten Sonntagabend, auf dem schon die
«April-Hailer-Show» oder
«Lukas» funktionierten, kein großes Publikum fand. Es war quasi der Flop mit Ansage. Doch trotz des niedrigen Zuschauerinteresses und den relativ hohen Produktionskosten entschied sich das ZDF, die Reihe um eine zweite Staffel zu verlängern. Ausschlaggebend dafür war unter anderem auch das durchweg positive Medienecho, das die Show verursachte. Die Kritiker waren von der Sendung begeistert und lobten sie und Dittrich in den höchsten Tönen. Die ZEIT sprach ihm eine „angewandte Phänomenologie“ zu, durch die man Eigenarten wieder erkennen könnte, von denen man zuvor gar nicht gewusst hätte, dass man sie bemerkt habe. Dabei wurde er sogar mit Jean-Paul Sartre, Federcio Fellini und James Stewart verglichen.
Ursprünglich war die zweite Staffel für den Herbst 2000 eingeplant, flimmerte dann aber erst ab dem 4. März 2001 über den Schirm. Zum Ausgleich war sie jedoch entgegen früherer Ankündigungen zehn Folgen lang und damit um vier Episoden reicher als die erste Runde. Auch inhaltlich gab es kleine Veränderungen. So präsentierte Dittrich seine fertigen Einspielfilme nun nicht mehr in einer anonymen Studiokulisse, sondern vor Livepublikum im Hamburger Theater in der Basilika. Zudem kehrte seine beliebte «Samstag Nacht»-Figur des Boxers Butsche Roni zurück, der bei seinen Trainingsvorbereitungen für den tatsächlich stattgefundenen Kampf gegen Dariusz Michalczewski gezeigt wurde. Die wahrscheinlich gewinnbringendste Neuerung war allerdings die Einführung der Rubrik «Blind Date», in der sich Olli Dittrich und Anke Engelke als Rainer König und Yvonne Herze in einem Restaurant trafen. Der Clou war dabei, dass es dafür keine Drehbücher oder Anweisungen gab. Auch wussten beide nicht voneinander, welche Figuren sie darstellen würden, denn das ganze Aufeinandertreffen war vollständig improvisiert. Später wiederholten Engelke und Dittrich diese Aktion noch insgesamt fünf Mal in eigenen «Blind Date»-Ausgaben, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Doch auch wenn die neuen Folgen qualitativ an ihre Vorgänger anschließen und teilweise sogar übertreffen konnten, blieb der Zuspruch bei den Fernsehzuschauer verhalten, sodass die zweite Staffel auch die letzte bleiben sollte.
«Olli, Tiere, Sensationen» wurde am 13. Mai 2001 beerdigt und erreichte ein Alter von 16 Folgen. Die Show hinterließ den Komiker Olli Dittrich, der seit 2004 mit dem Quasi-Spin-Off «Dittsche – Das wirklich wahre Leben» alle denkbaren Fernsehpreise gewinnen konnte. Zusammen mit seinem Co-Star Jon Flemming Olsen, der auch schon in einigen Sketchen der ZDF-Produktion mitwirkte, trat er im Jahr 2006 als Country-Band Texas Lightning beim «Eurovision Song Contest» an und eroberte damit immerhin Platz 15. Im Dezember 2006 brillierte er dann in der einmaligen Interviewsendung «Was tun, Herr Beckenbauer?» als Franz Beckenbauer, der sich den kritischen Fragen von Harald Schmidt stellte. Außerdem war er in den Kinofilmen «Late Show» und «Der Wixxer» zu sehen. Bei letzterem agierte er an der Seite von Bastian Pastewka, in dessen Sat.1-Serie er ebenfalls auftauchte. Zusammen reisten die beiden auch in den Jahren 2003/2004 mit einem gemeinsamen Comedyprogramm durch Deutschland, auf dem Dittrich auch eine Nummer als Dittsche im Repertoire hatte.
Möge die Show in Frieden ruhen!
Die nächste Ausgabe des Fernsehfriedhofs erscheint am kommenden Donnerstag und widmet sich dann der verrückten Kombination aus «Wetten, dass..?» und «Monty Python».