Hingeschaut

Wie steht es um «Gute Zeiten, schlechte Zeiten»?

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Die Quoten der Soap sind nach wie vor hervorragend. Doch wie präsentiert sich die Serie derzeit inhaltlich und optisch? Quotenmeter.de untersuchte das Format und beschreibt, welche thematischen Schwerpunkte und visuellen Veränderungen aktuell zu beobachten sind.

Auch in ihrem 20. Produktionsjahr dominiert die Daily Soap «Gute Zeiten, Schlechte Zeiten» unverändert den Markt der täglichen Serien. Dabei hat sie im Laufe der Jahre mehrere starke Wandlungen erfahren. Die markanteste vollzog sich wohl im Jahr 2006 als die aufwändige Außenkulisse und damit der heutige Kiez um den Kolleplatz eingeführt wurde. Mit diesem Schritt entwickelte sich die Serie nämlich endgültig zur Metropolen-Soap, in welcher der Dreh- und Handlungsort Berlin eine zentrale Rolle spielt. Den Machern gelingt es die Großstadtatmosphäre und die Vielfalt der Hauptstadt mithilfe vieler abwechslungsreicher Locations einzufangen. Dabei helfen auch die tollen Schnittbilder zwischen den Szenen, sowie das neue, sehr authentisch wirkende U-Bahn-Set. Positiv ist auch der Austausch der fotografierten Hintergründe in den Innenkulissen durch bewegte Projektionen zu bewerten, wodurch nun auch verschiedene Wetter- und Lichtsituationen dargestellt werden können.

Mit der thematischen Umorientierung ging vor einigen Jahren nicht nur die schrittweise Verlagerung fast aller Schauplätze in den Straßenzug, sondern auch eine visuelle Neuausrichtung der Serie einher. Waren Soaps bis zu diesem Zeitpunkt nämlich oft von einer statischen Kameraführung und bühnenhafter Inszenierung geprägt, versuchte man nun vermehrt dynamischere Stilmittel wie Splitscreens, Bild-Musik-Collagen, Videoclip-Elelemte und ausgiebige Kamerafahrten einzubauen. Mit diesen Maßnahmen schaffte es die Produktion sich deutlich von anderen Mitbewerbern abzuheben, die dann wiederum begannen, sie zu kopieren.

Diese optischen Akzente sucht man heute jedoch vergebens, denn nahezu alle filmische Spielerein sind zugunsten eines konventionellen Multi-Kamera-Stils wieder verschwunden. Nur noch ganz vereinzelt werden solche Highlights gesetzt. Dazu zählen meist lange Kamerafahrten durch den Kiez, bei denen dann jedoch der zurückgelegte Weg der Protagonisten aufgrund der Beschränktheit der Kulisse unlogisch erscheint. Selbst einschneidende Ereignisse wie der Serientod von Verena Koch oder die Zuspitzung der Entführungsgeschichte wurden weitestgehend ohne eine markante Bildsprache inszeniert. Zwar bemüht sich das Team sichtlich interessante Drehorte zu finden, aber darüber hinaus ist man wieder zum klassischen Stil zurückgekehrt. Auch spielt die Musik keine derart zentrale Rolle wie noch vor einigen Jahren mehr. Damals wurde versucht, Stimmungen stark über die verwendeten Lieder zu transportieren. Das findet zwar auch heute noch gelegentlich statt, jedoch weit weniger gekonnt.

Ersetzt wurden diese Stilmittel vor allem durch unzählige Rückblenden, welche in jede Folge mehrfach eingestreut werden. Diese stellen dann Erinnerungs-Flashbacks der Figuren dar, um deren innere Gefühlslage zu verdeutlichen. Dabei wird zuweilen derart massiv auf dieses Mittel zurückgegriffen, dass sogar Szenen wiederholt werden, die aus der aktuellen Folge stammen und damit nur wenige Minuten alt sind. Dieses Stilmittel ist sicher eine effektive Art, Gedanken zu verdeutlichen, doch es ist zugleich auch der plumpste Weg dies zu tun - vor allem wenn dies derart exzessiv passiert. Mit diesen ewigen Wiederholungen fügt sich die Produktion allerdings homogen in das restliche Programmumfeld des Senders ein, der dies in seinen Shows und Reality-Formaten genauso umfangreich tut. Damit will man offenbar dem erhöhten Zapping-Verhalten begegnen und jedem neuen Zuschauer den Einstieg erleichtern. Das erscheint aber für Soaps überflüssig, die in der Regel eine sehr treue Fangemeinde haben. Hier würde etwas mehr Vertrauen in die Höhe der Aufmerksamkeitsspanne der Zuschauer und in die Darstellungskünste der Schauspieler die innere Redundanz deutlich verringern. Der Mensch ist zum Glück kein Goldfisch, der nur ein Gedächtnis von wenigen Minuten hat.

Dieser übermäßige Einsatz von Rückblenden ist auch deswegen unangebracht, weil die einzelnen Handlungsstränge im Gegensatz zu einigen anderen täglichen Serien sehr ruhig und langwierig erzählt werden. Das Team lässt sich nach wie vor sehr viel Zeit, eine Geschichte aufzubauen und diese dann auch auszuerzählen. Das ist eine enorme Stärke des Formats und sicher auch ein Grund für den andauernden Erfolg. Das Erzähltempo ist allerdings oft nicht einheitlich. Mal gibt es Folgen, in denen kaum nennenswerte Änderungen in den Konstellationen erfolgen und mal überschlagen sich die Ereignisse geradezu. Dann wirkt es manchmal, als ob ein anderes Team für die Handlungen verantwortlich ist.

Was den Autoren dennoch weiterhin eindrucksvoll gelingt, ist die Verflechtung der einzelnen Handlungsstränge. Immer wieder geht eine Szene in eine andere über und Figuren aus einem Handlungsstrang laufen durchs Bild eines anderen. Hier spielen die Macher die Reduzierbarkeit des Raumes und die zeitliche Parallelität der Geschichten gut aus. Solche zufälligen Begegnungen sind zwar eigentlich in einer Großstadt wie Berlin unrealistisch, genauso wie die Ansiedlung aller Hauptcharaktere in nur einem Straßenzug, aber im Rahmen einer Soap durchaus vertretbar.

Bezüglich der erzählten Geschichten hat die Serie ebenfalls mehrere Wandlungen erfahren. War man am Anfang noch auf große Dramen fokussiert, versuchte man in den vergangenen Jahren eher realistische Alltagsgeschichten zu erzählen. Das klappte auch meist sehr gut und wirklichkeitsgetreu. Sicher gab es auch in dieser Phase große Katastrophen, aber selbst diese wurden versucht, möglichst lebensnah und glaubwürdig zu erzählen. Bezüglich dieses Aspekts hat sich in den vergangenen Monaten ein leichter Rückschritt in frühere, übertriebene Tage ereignet. Die Entführung der Figur Dominik war beispielsweise zwar schon recht überspitzt, aber im Rahmen einer dramatischen Überhöhung noch akzeptabel. Das sich daraus jedoch eine weitere Entführung, Maulwurfsjagden, Mafiamorde und Schießerein entwickelten, sprengte den selbstgesteckten Rahmen. In diesem Zusammenhang verschwand übrigens auch weitestgehend ein witziger und zuweilen ironischer Unterton in den Drehbüchern, den es vor einigen Monaten noch regelmäßig gab.

Außerdem erfuhr der Cast im Laufe des vergangenen Jahres mit der Einführung der Figuren Tanja, Lilli, Zac und Vince wieder eine deutliche Verjüngung. Mit dem dritten Seefeld-Kind Jonas steht ein fünfter Charakter bereits in den Startlöchern. Dementsprechend fanden auch wieder verstärkt pubertäre und schulische Themen Einzug, die zuletzt mangels junger Figuren außen vor bleiben mussten. Das mag man nun je nach Alter und Interesse begrüßen oder ablehnen, aber zusammen mit den „älteren“ Gesichtern lässt sich mittlerweile ein großes Themenspektrum abbilden. Vor einigen Jahren kam mit dem Jeremias-Krankenhaus zudem ein weiterer Ort hinzu, der seitdem fortwährend bespielt wird. Durch die Tätigkeit von vier Hauptcharakteren dort sowie vielen Krankheitsfällen bekam die Serie dadurch einen deutlichen medizinischen Schwerpunkt, was offenbar von den Zuschauern auch angenommen wird. Das ist insofern verwunderlich, weil frühere Versuche tägliche Serien in diesem Metier ansiedeln zu wollen (z.B. «Geliebte Schwestern», «Alle zusammen - Jeder für sich«, «Herzflimmern»), nicht erfolgreich waren.

Auch wenn sich die Serie mit den jüngsten Entwicklungen nicht mehr in ihrer kreativen Höchstform befindet und visuell weniger mit Primetime-Serien konkurrieren kann, als noch vor einigen Jahren, erfreut sich «Gute Zeiten, Schlechte Zeiten» einer ungebrochenen Beliebtheit. Insofern scheint der Großteil der Zuschauer auf eine abwechslungsreiche Inszenierung keinen allzu großen Wert zu legen. Gleichzeitig zeigen die konstanten Zuschauerzahlen, dass auch die zahlreichen Wandlungen des Formats akzeptiert werden. Mehr noch, offenbar besteht also gerade in diesem fortwährenden Erneuerungsprozess ein wesentlicher Faktor für den dauerhaften Erfolg der Produktion.

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